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Die Briefmarke oder Was haben Sie mit meinem schlechten Karma zu tun?

14.11.2011, 09:40 Uhr  ·  Bevor die spanische Parlamentswahl unsere ganze Aufmerksamkeit gefangennimmt, sofern sie das schafft, muss ich noch von einem Gespräch neulich auf dem Postamt berichten.

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Bevor die spanische Parlamentswahl unsere ganze Aufmerksamkeit gefangennimmt, sofern sie das schafft, muss ich noch von einem Gespräch neulich auf dem Postamt berichten. Ich weiß nicht, ob es das in anderen Ländern auch gibt, aber in Spanien existieren Postämter, die ausschließlich Pakete und große Sendungen ausgeben, und andere, in denen man etwas abschicken kann. Früher dachte man ja mal: Ah, da ist ein gelbes Postamt, nichts wie hin! Aber das hilft einem heute nicht mehr. Man muss die Rein/Raus-Unterscheidung treffen, sondern landet man garantiert im falschen. Das Lustige ist, das man in den Abholungspostämtern noch nicht einmal eine Briefmarke kaufen kann, aber dazu gleich mehr.

Letzte Woche jedenfalls lag in meinem Briefkasten einer dieser gelben Benachrichtigungszettel, auf dem stand, ich sei um 10:45 Uhr nicht zu Hause angetroffen worden und könne (aber nicht vor dem morgigen Tag) in einem bestimmten Postamt ein an mich adressiertes Paket abholen. Der Weg dorthin und wieder zurück kostet mit Parkplatzsuche zwanzig Minuten, die Wartezeit im Postamt nicht gerechnet. Ich hielt den Zettel in Händen und verstand die Welt nicht mehr. Zu der fraglichen Zeit waren drei Personen im Haus gewesen, und eine von ihnen hätte die Klingel sicherlich gehört. Ich fuhr also am nächsten Tag leicht genervt zu meinem Abholpostamt, in der Gewissheit, der Paketbote habe sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, den Klingelknopf zu drücken.

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Und so war es. Ich trug meine Beschwerde vor, erwähnte, wir seien zu Hause gewesen, als der Paketbote klingelte, und sah die Postdame freundlich nicken.
Das sei zweierlei, sagte sie.
„Was ist zweierlei?”
„Was hier auf der Benachrichtigung steht und was dann in Wirklichkeit geschieht.”
Das ist Kafka, dachte ich im Stillen, sagte dann aber: „Sie wollen mir sagen, der Paketbote schreibt hin, er sei dagewesen, wenn er gar nicht da war?”
„Nein”, sagte die Dame. „So ist es auch wieder nicht. Der Paketbote war da, hat aber nicht auf Ihre Klingel gedrückt. Er hat nur die Benachrichtigung in Ihren Briefkasten geworfen.”
„Und das Paket”, sagte ich. „Glauben Sie, er hatte es bei sich?”
„Ja, die kommen mit dem kleinen Lieferwagen. Die haben alle Pakete bei sich.”
„Aber warum liefert er es dann nicht ab?”
„Weil es ihn zuviel Zeit kostet. Es sind sehr viele Pakete.”
„Und warum fährt er alle diese Pakete durch Madrid, wenn er keines von ihnen abliefert?”
„Er muss. Er ist ja der Paketbote. Stellen Sie sich vor, der Paketbote hätte keine Pakete bei sich.”

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Ich schwöre, dass der Dialog ungefähr so abgelaufen ist, mit demselben Maß an beamtenhafter Logik und alltäglicher Absurdität. Natürlich gehe ich aus solchen gleichsam literarischen Gesprächen gestärkt hervor, um nicht zu sagen, versöhnt. Es reicht mir schon, wenn ich in meinem Kampf gegen den Irrsinn dieser Welt nicht allein bin und andere auf derselben Erkenntnisstufe verharren wie ich. Ich sage „verharren”, weil man von dort auch nicht mehr wegkommt. Man wüsste ja, wie Fehler zu korrigieren und die Zustände zu verbessern wären. Doch man tut es nicht, weil man aus Schaden klug geworden ist.
„Wenn Sie eine Beschwerde einreichen wollen”, sagte die Dame am Ende, „hier sind die Vordrucke.”
„Vielen Dank”, sagte ich. „Ich bin verärgert, aber nicht blöd.”

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Nein, stimmt nicht. Die letzte Zeile habe ich so nicht gesprochen, nur gedacht. Und ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob sie stimmt. Denn erstens bin ich gar nicht mehr verärgert, die vielen Jahre der Schikane stumpfen ab, man liest noch ein bisschen Montaigne und kommt klar. Zweitens könnte es sein, dass ich wirklich blöd bin. Jedes Jahr nämlich werfe ich mich mit den Postangestellten in ein Gespräch über die neuen Posttarife.

Das wollte ich Ihnen auch noch erzählen: Jedes Jahr, zum 1. Januar, erhöht die spanische Post die Tarife. Das war schon immer ärgerlich und riecht nach blödsinniger Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, nur dass jene, die diese Arbeit leisten müssen, selbst keine Ahnung haben, was sie nach dem 1. Januar eines neuen Jahres tun sollen. Es gibt zum Beispiel keine Tarifinformationen, die der Kunde bei der Post einsehen oder gar einstecken könnte. Früher waren die Angestellten so nett, mir die neuen Tarife zu kopieren und mitzugeben. („Aber sagen Sie niemandem, dass Sie das von mir bekommen haben.”) Heute gehe ich ins Internet und drucke mir die neuen Tarife aus. Doch was machen die Millionen Spanier, die immer noch kein Internet benutzen? Das ist der spanischen Post wurscht. Sie will, dass die Menschen ins Postamt kommen, ein Zettelchen ziehen und warten, bis sie an der Reihe sind. Möglicherweise wiederhole ich mich, aber es verdient immer und immer wieder gesagt zu werden: Im Spanischen sind „Hoffen” und „Warten” dasselbe. Das Wort für beides heißt esperar.

Verschärft hat sich das Problem durch eine folgenschwere Neuerung. Früher hatten spanische Postämter diese Maschinen, auf denen man Briefmarken jedes beliebigen Werts drucken lassen konnte. Jemand brauchte ein Porto von 3,67 € ? Kein Problem. Die Maschine druckte es. Oder 11,70 € ? Ein Kinderspiel, 11,70 € gingen auf einen kleinen Fetzen Papier. Die Briefmarken, die aus der Maschine kamen, waren hässliche pegatinas oder Abziehbildchen, aber auf Schönheit kann man mal verzichten, wenn das Leben dadurch einfacher wird.

Inzwischen jedoch gibt es diese Maschinen nicht mehr. Die spanische Post verkauft nur noch traditionelle, also vorgedruckte Marken, die zwar auch den praktischen Selbstkleber haben, aber längst nicht in allen erforderlichen Werten hergestellt werden, ganz abgesehen davon, dass die meisten nicht vorrätig sind. Sie ahnen, was jedes Jahr passiert. Man kauft sich nach der Preissteigerung Wahnsinnsmengen Ein-Cent-Briefmarken mit dem Porträt des spanischen Königs, um seinen alten Markenvorrat umzurüsten.

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Zur Zeit kostet der einfache EU-Brief in Spanien 0,65 €, um Ihnen mal einen Begriff zu geben. Anfang kommenden Jahres wird er 0,66 oder 0,67 € kosten. Spanien ist also deutlich teurer als Deutschland. Ja, ich weiß, dass die Metro von Madrid und Barcelona immer noch billiger ist als die U-Bahn in Berlin, Frankfurt oder München. Aber nicht mehr lange. Mark my words. Die spanische Post ist schon mal mit schlechtem Beispiel vorangegangen.

Ich will Sie aber so nicht allein lassen, mit all meinem schlechten Karma. Sie sollen auch noch an meiner Freude teilhaben, nämlich meinem jüngsten Briefmarkenkauf. Man druckt dort bei der Post nämlich jetzt Illustrationen der „Ziviltugenden” auf die Briefmarken, und die fand ich so bezaubernd, dass ich dachte, Sie sollten ein paar von ihnen kennenlernen. Etwa den Aufruf, im Auto den Gurt zu benutzen. Oder das caca des Hundes wegzumachen. Sehen Sie die Tüte? Bolsa caca!, sage ich da nur.

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Natürlich gibt es auch sehr hübsche Schmetterlingsbriefmarken oder Marken zu Artenreichtum und Ozeanographie.

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Und dann die 2,84er mit Teppichen, die Teil des spanischen Kulturerbes oder patrimonio nacional sind! Sie sehen Sie oben auf meinem Cossío liegen. So ein riesiger Lappen für so eine kleine Briefmarke! Man will schon an Weihnachten und Adventskalender denken, aber wenn ich das jetzt tue, denke ich auch wieder an all die Pakete, die der Paketbote in der festlichen Zeit nicht bei mir abliefern wird, weil er für das, was seine Aufgabe ist, keine Zeit hat, und dann werde ich wieder traurig oder ärgerlich oder blöd, und das will ich nicht so kurz vor der Wahl. Also Schluss für heute. Gracias por su atención.

                                                                         [ Fotos : Sanchos Esel ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Postamt, Kafka, Briefmarken

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).