Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (32)
 

Frauen, die an Stränden leben

29.11.2011, 10:00 Uhr  ·  Eigentlich wollte ich etwas über die bedrohte spanische Buchkultur und den galoppierenden Werteverlust des Abendlandes schreiben, was Sie sicherlich ziemlich überrascht hätte, aber dann kam die Wahl zur „Miss España" dazwischen.

Von

Eigentlich wollte ich etwas über die bedrohte spanische Buchkultur und den galoppierenden Werteverlust des Abendlandes schreiben, was Sie sicherlich ziemlich überrascht hätte, aber dann kam die Wahl zur „Miss España” dazwischen. Ich will damit nicht sagen, dass ich mir diese Wahlen angesehen hätte. Ich habe genug von Wahlen. Ich habe nur in der Online-Ausgabe der Zeitung La Vanguardia einen entsprechenden Artikel gelesen und mir das Video dazu angeschaut. Und bei diesem Video dachte ich dasselbe, was die meisten von uns wohl denken, wenn sie so  etwas sehen. Ich dachte: Diese Frauen, die sich letzten Sonntag in Sevilla zur Miss-Wahl präsentiert haben, sehen ja alle gleich aus! Das ist ungefähr so, als wären alle spanischen Parteien vorletzten Sonntag mit demselben Programm angetreten!

Wie, das wurde schon einmal gesagt? Ist sattsam bekannt? Die weltumspannende Tyrannei eines industriell fabrizierten Schönheitsideals? Mit high heels, riesigen lashes, gefrorenem Lächeln und diesem Schlankheitswahn bis zur Magersuchtsgrenze? Nun, vielleicht, mag sein. Nur auf mich hat das alles völlig neu gewirkt, was ich in diesem Filmchen gesehen habe, und da habe ich mir gedacht, rufe ich mal unsere Bildredaktion an und bitte um ein paar honorarfreie Bilder von dieser erstaunlichen Veranstaltung, damit die Freunde und Freundinnen von Sanchos Esel sich ein Bild machen können.

Bild zu: Frauen, die an Stränden leben

Aber die Bildredaktion sagte: „Es gibt keine honorarfreien Bilder.”
„Wie”, sagte ich. „Es gibt keine Bilder?”
„Nein.”
„Bei einem Ereignis, wo alle Welt nur glotzt … wo es nur auf die Bilder und nichts anderes ankommt, von diesem Event gibt es keine Fotos?”
„Nein”, sagte die außerordentlich freundliche Dame unserer Bildredaktion. „Die dpa zum Beispiel war nicht da.”
Ich dachte: Da braucht man mal die dpa, und sie ist nicht da? Was ist denn nur mit der dpa los? Mag die dpa keine hübschen Frauen mehr? Oder hat die dpa schon vorauseilend eine größere Sinnlosigkeitsattacke erlitten und daher gleich auf die Sache verzichtet?

Bild zu: Frauen, die an Stränden leben

Aber Sanchos Esel gibt nicht so schnell auf. Und ich dachte mir, rufe ich mal bei „Miss España” an, der Organisation, und frage die Leute dort, ob sie mir – „Hier spricht die seriöse deutsche Presse” – ein paar schöne Fotos von ihrem Miss-Wettbewerb in Sevilla schicken können. Das war am Montag um 12:30 Uhr. Ich wählte also die Nummer, und eine nicht wirklich nach Miss España klingende Stimme vom Band klärte mich darüber auf, dass dieses Telefon werkstags von 9 bis 14 Uhr und von 16 bis 19 Uhr oder so ähnlich besetzt sei. Dann sagte die Stimme noch, Nachrichten könnten nicht hinterlassen werden. Ich schaute auf die Uhr. Na gut, dachte ich bei mir, vielleicht sind alle noch in Sevilla, die neue Miss España feiern, nicht jeder muss auf den Teint achten. Versuche ich es mal mit dem Kontaktformular.

Bild zu: Frauen, die an Stränden leben

Es ist aber so, dass ich solche Kontaktformulare generell nicht mag, schon wegen des Namens. Das Wort Kontaktformular strahlt etwas ganz Sonderbares aus: Es gibt jenen, die es benutzen sollen, etwas Ranschmeißerisches (also mir), und denen, die es ins Netz stellen, etwas Unanständiges. Ich habe es trotzdem benutzt. Da meldete mein Computer einen Fehler; ich glaube, er wollte das Kontaktformular wegen des Namens einfach nicht verarbeiten, und der Paketbote hätte es ebenfalls nicht zugestellt.

Da ging ich auf die Webseite von Miss España und fand Bilder von früheren Miss Españas oder früheren Miss-España-Kandidatinnen, so wichtig ist der Unterschied nicht, selbst wenn man genau hinguckt. Und es sind diese Bilder, die Sie hier sehen. Ich habe das Miss-España-Logo aus den Fotos herausgenommen und interessante Ausschnitte gewählt, wie ich glaube. I’m sure you get my meaning.

Bild zu: Frauen, die an Stränden leben

Ich will jetzt nur noch erwähnen, dass ich in derselben Zeitung auch von Paul Mason las, dem ehemals dicksten Menschen der Welt, der 258 Kilo abgenommen hat und jetzt findet, dass seine Haut sehr unschön und schlabberig an ihm herunterhängt, so dass er eine Schönheitsoperation gebrauchen könnte, aber die Krankenkasse, heißt es, will das nicht übernehmen. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber soviel steht fest: Paul Mason sieht garantiert nicht aus wie jemand anders. Der ist nur er selbst. Gewonnen hat in Sevilla übrigens Miss Barcelona, die den hübschen spanischen Namen Andrea Huisgen trägt und laut der Zeitung La Vanguardia „medidas de vértigo (88-63-93)” besitzt, zu deutsch: Wahnsinnsmaße. Was mir sonst noch auffiel: Auf den vorderen Plätzen landeten nur Frauen, die in der Nähe eines Strandes leben.

                                                                         [ Fotos : Homepage Miss España ]

 
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).