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So ungefähr war meine Woche

19.02.2012, 17:40 Uhr  ·  Sonntag: Generalprobe im Teatro Real von La Clemenza di Tito. Der wunderbare Thomas Hengelbrock dirigierte. Ich hatte ihn ein paar Wochen zuvor, an einem Samstagvormittag, bei den Proben kennengelernt. In der Pause erzählte er mir, all die Kürzungen im Kulturbereich, die Spanien gerade erlebe, habe er längst hinter sich.

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Sonntag: Generalprobe im Teatro Real von La Clemenza di Tito. Der wunderbare Thomas Hengelbrock dirigierte. Ich hatte ihn ein paar Wochen zuvor, an einem Samstagvormittag, bei den Proben kennengelernt. In der Pause erzählte er mir, all die Kürzungen im Kulturbereich, die Spanien gerade erlebe, habe er längst hinter sich. Sein Orchester zu Hause und der Chor hätten ja keine Subventionen erhalten. Man hätte immer so über die Runden kommen müssen, bei allem, den Reisen, der Ausstattung und so weiter. Und dann sagte er: „Es ist noch nicht so lange her, da hat das Ensemble auf Tourneen mit acht Leuten ein Zimmer geteilt.” Meine Achtung vor dem Mann wuchs noch ein bisschen höher.

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Am Montag war ich bei einem Konzert von El Concierto Español unter der Leitung von Emilio Moreno, Iphigenia en Tracia von José de Nebra. Der Name dieses Komponisten sagt nur Spezialisten etwas. Ich hörte einige seiner Sachen zum erstenmal vor zehn Jahren, als man seinen dreihundertsten Geburtstag beging. Bei der Deutschen Harmonia Mundi gibt es noch sein Miserere, gesungen von Marta Almajano. Sie war auch an diesem Abend im einigermaßen gefüllten Auditorio dabei und, was noch erstaunlicher war, sah genauso jung aus wie zehn Jahre zuvor. Das soll kein Kompliment sein (wie ich ihr später sagte), es ist die reine Wahrheit. Überhaupt war es eine schöne Wiederbegegnung mit Musikern, die ich aus irgendeinem Grund mehrere Jahre nicht gesehen hatte, darunter auch die Sopranistin Raquel Andueza, die in vielen Ensembles gearbeitet hat und jetzt mit ihrem Partner Jesús Fernández-Baena (der im Orchester die Theorbe spielt) das Lied des spanischen Barocks erforscht.

Entdecker sind sie alle, auch El Concierto Español. Eins dieser engagierten Orchester mit Originalinstrumenten und historischer Aufführungspraxis, die im spanischen Repertoire erstaunliche Sachen zutage fördern. Und die von den spanischen Kulturbürokraten nicht so hoch geschätzt werden wie ausländische Ensembles, weil der Spanier … nun ja, ganz gern die Bestätigung aus dem Ausland hat, dass es auch gut ist, was er da hört und sich zu Gemüte führt, er braucht Segen und Billigung fremder Experten. Emilio Moreno, Geiger und Leiter, hat früher mit Chiara Banchini gespielt, ist Fan von Boccherini (seine Einspielung der Quintette mit Gitarre ist großartig, hier können Sie den Wahnsinns-Fandango hören) und hat zusammen mit seinem Bruder, dem Gitarristen und Lautisten José Miguel Moreno, lange Zeit das Klassiklabel Glossa geleitet. Platten machen sie dort immer noch, wirklich hinreißend schöne, sorgfältig aufgenommene Musik, nur müssen die Brüder für das Geschäftliche nicht mehr geradestehen, weil sie Anteile an Glossa verkauft haben, vielleicht auch das Ganze, von diesen Dingen verstehe ich nicht viel.

Natürlich war José Miguel an diesem Abend auch da, und später, als wir in einer Bar zusammenstanden, erzählte er, er gebe nur noch zehn Konzerte im Jahr, das viele Reisen sei nichts für ihn. Emilio dagegen (das weiß ich von ihm selbst) reist noch immer um den Erdball, demnächst wieder nach Japan, außerdem liest er Deutsch, lebt in Barcelona, ist Fan von Real Madrid und rührt weder spanischen Wein noch spanischen Schinken an. Ein ungewöhnlicher Mensch. Wo war ich?

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Der Dienstag. Ja. Am Dienstag war ich dann bei der Premiere von La Clemenza di Tito unter der Leitung von Thomas Hengelbrock. Er verströmt etwas so Positives, Lebendiges, Engagiertes beim Dirigieren, dass man (glaube ich) einfach gut spielen muss. Auch das Teatro Real hat viele Kürzungen einstecken müssen. Der künstlerische Leiter Gérard Mortier erzählt von den Einschränkungen mit einem gewissen Stolz. Das will er sich nicht sagen lassen, er könne nicht sparen! Doch, sparen kann er. Zum Beispiel ist der traditionelle Empfang nach der Premiere gestrichen. Kein Cava, keine Kanapees, keine Kellner mit weißen Handschuhen. Mortier selbst spendiert aber ein paar Flaschen Wein, damit man das Glas heben kann.

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Das waren also drei schöne Tage: Jeden Abend Musik, und immer schwang bei mir die Frage mit: Wie lange geht das noch so, wer kann sich das leisten, wer soll die kommenden Konzerte ermöglichen, wie können die Sänger und Instrumentalisten überhaupt davon leben? Besonders im Bereich der älteren Musik, deren Markt kleiner ist und die nicht demselben Glamour verströmt wie klassische Oper. (Was Glamour betrifft, hier sehen Sie ein paar Details aus der Clemenza, es ist das alte Bühnenbild der Herrmanns, und als Sexto sieht man Kate Aldrich, als Annio die Italienerin Serena Malfi, als hochfahrende Vitellia die enorm großgewachse Amanda Majeski.)

Zwischen Dienstag und Donnerstag habe ich mich auch mit dem Künstler Hans Haacke beschäftigt, der gerade eine schöne Ausstellung im Reina Sofía bekommen hat, die man nicht verpassen sollte. Davon in ein paar Tagen, mit Bildern.

Am Samstag habe ich dann etwas ganz und gar Ungewöhnliches getan: das Heimspiel von Real Madrid sausenlassen zugunsten eines Recitals von Raquel Andueza. Beides begann um 20 Uhr, was sollte ich machen? Ich konnte nicht hier und dort zugleich sein. Man hätte aber gut beides kombinieren können, ideell, meine ich: Unser sublimer Karim Benzema ist so ein Künstler am Ball, er hätte auch neben Raquel auf der Bühne stehen dürfen.

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Ihr Konzert – zusammen mit Jesús Fernández-Baena (Theorbe) und Pierre Pitzl (Barockgitarre) – bestand aus Liedern des siebzehnten und frühen achtzehnten Jahrhunderts, darunter Spanier wie Literes und José Marín, aber auch ein exquisites Lied von Lully aus dem Bourgeois Gentilhomme, und sechs Stücke von anonymen Komponisten. Ein schöner Abend in diesem kleinen Theater, das sie mit Stolz renoviert haben und wo das gebildete Publikum wirklich die Plätze füllt. Mein Bilddokument ist eher lausig, weil ich im Saal nicht fotografieren durfte, aber um des authentischen Eindrucks willen stelle ich den snapshot hierher. Später durfte ich der Künstlerin die Tasche zum Auto tragen.

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Bevor ich es vergesse: Die CD von Raquel Andueza heißt Yo soy la locura, und das hätte man mehr als einmal denken können in letzter Zeit: dass diese Wochen und Monate uns meschugge machen, dass wir blöd werden im Kopf. Oder wie soll ich mir erklären, dass der erste Tag des Berufsverbots von Baltasar Garzón der 23. Februar ist, besser bekannt in Spanien als 23-F, der Tag des Putsches von 1981? Lustig, wirklich lustig. Etwa so zum Brüllen wie der Umstand, dass die letzte Parlamentswahl auf den 20. November und also den Todestag Francos gelegt wurde. Humor haben sie in diesem Land, das muss man ihnen lassen.

                                                      [ Fotos : Javier del Real (1-3), Sanchos Esel (4-6) ]

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).