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Die Luftschlösser der unsichtbaren Hand

04.03.2012, 16:00 Uhr  ·  Das Wort "Konzeptkunst" ist eine der schlimmeren Schöpfungen des Marktes für Ästhetika.

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Das Wort „Konzeptkunst” ist eine der schlimmeren Schöpfungen des Marktes für Ästhetika. Klar, es kommt von conceptual art, schon begriffen. Es ist nur eine Übersetzung, und da sie auch schon ein halbes Jahrhundert alt ist, wird sich nichts mehr gegen das Wort unternehmen lassen. Aber es ruft so ausgesprochen mehlige Assoziationen, etwas so durch und durch Kunstloses auf, dass es einen niederdrücken könnte.

Wenn da nicht die Konzeptkünstler selbst wären. Einer von ihnen, der fünfundsiebzigjährige Hans Haake, ist zurzeit in einer großen Ausstellung im Reina-Sofía-Museum in Madrid zu sehen. In der Zeitung war schon ein Bericht von dieser großen Werkschau zu lesen, auch wurde ausführlich über das Hauptwerk gesprochen: die mehrere Säle umfassende Installation „Luftschlösser”, mit der Haake auf den zusammengebrochenen spanischen Immobilienmarkt und seine Folgen reagiert hat.

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Kurz gefasst, handelt es sich dabei um eine künstlerische Darstellung – mit Fotos, Videowänden und einem Wald von Grundbuchauszügen – moderner städtischer Ruinenkultur. Im Neubauviertel „Ensanche de Vallecas”, gleich neben dem traditionellen Arbeiterviertel im Madrider Süden, stieß Haake nämlich auf eine seltsame Erscheinung: dass die Straßen einer frisch geplanten Siedlung nach Kunstströmungen benannt sind – Straße der gegenständlichen Kunst, Straße der expressionistischen Kunst, ja, selbst Straße der Konzeptkunst! Die Leute hatten mal etwas Großes vorgehabt mit diesem Viertel, es sollte Ateliers und Galerien dort geben, Kinderwerkstätten, und nicht nur sollten Künstler preisgünstig in diesem Viertel leben können, man sollte den Straßen und Häusern auch ansehen, dass hier bewusste, ökologisch und nachhaltig denkende Menschen wohnten.

Nun, heute wohnt dort eben kaum jemand. Viele der großspurig geplanten Gebäude sind nur Rohbauskelette, nackte Türme, durch die man hindurchschauen kann, daneben gibt es viele leergefegte Flächen, Zäune, die ein Nichts umschließen, Bänke, Straßenlaternen, Ödland, Müll, umgefallene Straßenschilder – und natürlich weiterhin die etwas hochtrabenden, ehrgeizigen Straßenbezeichnungen, der wahre Ausdruck des geradezu lächerlichen Kontrasts zwischen Traum und Wirklichkeit. Die Trostlosigkeit solcher Ruinenlandschaften ist uns in Spanien ein vertrauter Anblick geworden.

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Ich frage mich, ob es tröstet, dieses Elend in Kunst verwandelt zu sehen. Inzwischen glaube ich: ja. Es kann nicht schaden, nachzudenken über das, was schiefgelaufen ist, man muss versuchen, es zu objektivieren. Vielleicht lässt sich dadurch verhindern, dass die eigene Phantasie den Verlust des Hauses nur als Schicksalsschlag nimmt, statt das Systemhafte darin zu erkennen.

Um dieses Systemische ging es Hans Haake immer, wenn ich die Arbeiten aus vierzig Jahren, die in der Madrider Ausstellung zu sehen sind, richtig deute. Und war es früher leicht, Haakes Werk mit dem Etikett „Kapitalismuskritik” zu behängen, glaube ich jetzt eher, dass er lediglich ins Recht gesetzt wurde durch die Katastrophen der letzten Jahrzehnte. Denn diese Kunstwerke haben schon früh propagiert, dass wir nicht in einer geteilten Welt, sondern einer einzigen leben – so der schwarze Kubus, der vom Engagement einer internationalen Werbeagentur im von der Apartheid beherrschten Südafrika handelt.

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Oder die gigantische Zigarettenschachtel, die von der Interessenpolitik der großen Tabakkonzerne erzählt, von einem seinerzeit berüchtigten amerikanischen Politiker und den Kompromissen, die auch sogenannte Demokraten um des Geschäfts willen zu schließen bereit sind.

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Oder die Erinnerung an die wirtschaftliche Basis einer berühmten Kölner Kunstsammlung, die Umstände des Mäzenatentums, kurz: das materielle Standbein einer erlesenen philanthropischen Haltung, die im Betrachten großer Malerei ein Mittel zu Vervollkommnung des Menschen sieht.

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Am Ende ist es schön, dass der Künstler Hans Haake seit vielen Jahren auch dasselbe konkrete Zeichen des Protests und der Ermutigung setzt: einen Grashügel, den er im Museum selbst wachsen lässt. Vierzehn Tage vor Eröffnung wurde das Hügelchen begossen und gepflegt, damit etwas daraus sprieße. Und da ist es nun: Grass Grows. Allein der Blick auf dieses saftige helle Grün verbietet es, ein Wort wie “Konzeptkunst” zu sprechen oder zu schreiben.

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                                            [ Fotos : Hans Haake / Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Madrid, Konzeptkunst, Hans Haake

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).