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Anmerkungen zur spanischen Armut: Die Suche hat gerade erst begonnen

31.03.2012, 15:40 Uhr  ·  Zweiter Tag nach dem Generalstreik in Spanien. Eigentlich müsste etwas mehr passiert sein. Irgendetwas. Aber viel war es nicht.

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Zweiter Tag nach dem Generalstreik in Spanien. Eigentlich müsste etwas mehr passiert sein. Irgendetwas. Aber viel war es nicht. Eine Warnung, sagen die Gewerkschaften. Bis zum 1. Mai, so die Forderung der Streikenden, sollen Teile der Arbeitsmarktreform der Rajoy-Regierung zurückgenommen sein. Das wird nicht geschehen. Also wird es weitere Proteste geben. Und die Regierung wird sich noch mehr in ihrer Position einigeln. Also kein Ende in Sicht.

Es wäre schön, ich könnte in die Zukunft schauen, nur in diesem einen Fall, aber leider bleibt alles neblig. Die spanische Lage kommt mir vor wie die Position eines Menschen, der in den Abgrund blickt und hinter sich schon die Wand im Rücken spürt. Es gibt keinen Platz, an den er ausweichen könnte. Noch ist er nicht gestürzt. Aber unmittelbar vor seinen Füßen geht es tief hinunter. Jetzt müsste eine Idee her. Fliegen können! Es müsste eine große Idee sein. Denn kleine werden nicht reichen.

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Neulich habe ich mit der spanischen Caritas telefoniert. Sie haben mir ihre jüngste Studie über „Auschluss und Sozialentwicklung” geschickt. Ausschluss bedeutet: Wer fällt aus dem Raster und findet sich so weit unten wieder, dass er nichts mehr zu essen kaufen kann, um die Wohnung fürchten muss, keine Arbeit findet, für niemanden mehr zählt, nicht vermittelbar ist und so weiter? Eines der vielen schrecklichen Daten darin lautet, dass sich die soziale Ungleichheit in Spanien – der Unterschied zwischen Armen und Reichen – in den letzten Jahren mehr als doppelt so stark verschärft hat wie in Frankreich und mehr als dreimal so viel wie in Deutschland. Offenbar finden wir es nicht so schlimm, dass die Schere immer weiter auseinandergeht. Fällt uns etwas anderes dazu ein als der Hinweis auf das „System”?

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Besonders schlimm ist, dass diese Tendenz kein Produkt der Wirtschafts- und Finanzkrise ist. Im Gegenteil. Wachsende Armut war eine oft unbeachtete Begleiterscheinung der spanischen Boomjahre zwischen 1995 und 2007. Nur eine kleine Erinnerung: 2002 und 2003 stieg der Wert von Wohnraum in Spanien um rund 20 Prozent im Jahr. Wem hat diese Wertsteigerung genützt außer Investoren und Spekulanten? Warum ist nichts ganz unten angekommen? Was war mit den höheren Steuereinnahmen des Staates? Wie lässt es sich vor der Bevölkerung rechtfertigen, dass der generierte Reichtum, das Wirtschaftswachsum und das gestiegene Bruttosozialprodukt sich für die Armen nicht in einem besseren, sondern in einem schlechteren Leben niedergeschlagen haben?

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Was immer die genauen Gründe dafür sein mögen, eine Schlussfolgerung ist unausweichlich. Der Staat hat die Ärmsten nicht auf der Rechnung. Es lässt sich Optimismus verströmen, ohne an die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft zu denken. Ich höre noch, wie Zapatero vor vielleicht sechs Jahren orakelte, bald habe man Frankreich eingeholt. Eine groteske Selbstüberschätzung, die von der Wirklichkeit kurz darauf decouvriert wurde.

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Statistisch belegt ist mittlerweile eine andere, unendlich viel traurigere spanische Spitzenposition. Zwischen 2007 und 2010 ist die Kluft zwischen den Ärmsten und den Reichsten in Spanien so schnell gewachsen wie in keinem anderen Land der Europäischen Union. Die Hervorhebung ist meine. Was immer die Slogans, Appelle und demagogischen Manöver der spanischen Parteien in diesen Wochen bringen mögen, wen immer sie mobilisieren, vor den Kopf stoßen oder kaltlassen: Die spanische Politik als solche hat versagt. Weder die Rechte noch die Linke hat gesellschaftspolitische Visionen entwickelt, die Gültigkeit beanspruchen dürften. Es gibt kein Konzept, kein Ziel, kein noch so vages Ideal, das die Armen einschließen würde. Auch deshalb kam mir der Generalstreik wie ein ziemlich überflüssiges Zeichen vor. Ein ideologischer Reflex. Die Bilder auf dieser Seite, aufgenommen am 29. März, drücken es aus. Jemand hat sich im Schauplatz und in der Veranstaltung geirrt. Kein Grund für die Konservativen zu triumphieren. Die Suche hat gerade erst begonnen.

                                                                                           [ Fotos : Sophie Caesar ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Generalstreik, Armut

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).