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Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Anmerkungen zur spanischen Armut: Die Suche hat gerade erst begonnen

| 23 Lesermeinungen

Zweiter Tag nach dem Generalstreik in Spanien. Eigentlich müsste etwas mehr passiert sein. Irgendetwas. Aber viel war es nicht.

Zweiter Tag nach dem Generalstreik in Spanien. Eigentlich müsste etwas mehr passiert sein. Irgendetwas. Aber viel war es nicht. Eine Warnung, sagen die Gewerkschaften. Bis zum 1. Mai, so die Forderung der Streikenden, sollen Teile der Arbeitsmarktreform der Rajoy-Regierung zurückgenommen sein. Das wird nicht geschehen. Also wird es weitere Proteste geben. Und die Regierung wird sich noch mehr in ihrer Position einigeln. Also kein Ende in Sicht.

Es wäre schön, ich könnte in die Zukunft schauen, nur in diesem einen Fall, aber leider bleibt alles neblig. Die spanische Lage kommt mir vor wie die Position eines Menschen, der in den Abgrund blickt und hinter sich schon die Wand im Rücken spürt. Es gibt keinen Platz, an den er ausweichen könnte. Noch ist er nicht gestürzt. Aber unmittelbar vor seinen Füßen geht es tief hinunter. Jetzt müsste eine Idee her. Fliegen können! Es müsste eine große Idee sein. Denn kleine werden nicht reichen.

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Neulich habe ich mit der spanischen Caritas telefoniert. Sie haben mir ihre jüngste Studie über „Auschluss und Sozialentwicklung“ geschickt. Ausschluss bedeutet: Wer fällt aus dem Raster und findet sich so weit unten wieder, dass er nichts mehr zu essen kaufen kann, um die Wohnung fürchten muss, keine Arbeit findet, für niemanden mehr zählt, nicht vermittelbar ist und so weiter? Eines der vielen schrecklichen Daten darin lautet, dass sich die soziale Ungleichheit in Spanien – der Unterschied zwischen Armen und Reichen – in den letzten Jahren mehr als doppelt so stark verschärft hat wie in Frankreich und mehr als dreimal so viel wie in Deutschland. Offenbar finden wir es nicht so schlimm, dass die Schere immer weiter auseinandergeht. Fällt uns etwas anderes dazu ein als der Hinweis auf das „System“?

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Besonders schlimm ist, dass diese Tendenz kein Produkt der Wirtschafts- und Finanzkrise ist. Im Gegenteil. Wachsende Armut war eine oft unbeachtete Begleiterscheinung der spanischen Boomjahre zwischen 1995 und 2007. Nur eine kleine Erinnerung: 2002 und 2003 stieg der Wert von Wohnraum in Spanien um rund 20 Prozent im Jahr. Wem hat diese Wertsteigerung genützt außer Investoren und Spekulanten? Warum ist nichts ganz unten angekommen? Was war mit den höheren Steuereinnahmen des Staates? Wie lässt es sich vor der Bevölkerung rechtfertigen, dass der generierte Reichtum, das Wirtschaftswachsum und das gestiegene Bruttosozialprodukt sich für die Armen nicht in einem besseren, sondern in einem schlechteren Leben niedergeschlagen haben?

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Was immer die genauen Gründe dafür sein mögen, eine Schlussfolgerung ist unausweichlich. Der Staat hat die Ärmsten nicht auf der Rechnung. Es lässt sich Optimismus verströmen, ohne an die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft zu denken. Ich höre noch, wie Zapatero vor vielleicht sechs Jahren orakelte, bald habe man Frankreich eingeholt. Eine groteske Selbstüberschätzung, die von der Wirklichkeit kurz darauf decouvriert wurde.

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Statistisch belegt ist mittlerweile eine andere, unendlich viel traurigere spanische Spitzenposition. Zwischen 2007 und 2010 ist die Kluft zwischen den Ärmsten und den Reichsten in Spanien so schnell gewachsen wie in keinem anderen Land der Europäischen Union. Die Hervorhebung ist meine. Was immer die Slogans, Appelle und demagogischen Manöver der spanischen Parteien in diesen Wochen bringen mögen, wen immer sie mobilisieren, vor den Kopf stoßen oder kaltlassen: Die spanische Politik als solche hat versagt. Weder die Rechte noch die Linke hat gesellschaftspolitische Visionen entwickelt, die Gültigkeit beanspruchen dürften. Es gibt kein Konzept, kein Ziel, kein noch so vages Ideal, das die Armen einschließen würde. Auch deshalb kam mir der Generalstreik wie ein ziemlich überflüssiges Zeichen vor. Ein ideologischer Reflex. Die Bilder auf dieser Seite, aufgenommen am 29. März, drücken es aus. Jemand hat sich im Schauplatz und in der Veranstaltung geirrt. Kein Grund für die Konservativen zu triumphieren. Die Suche hat gerade erst begonnen.

                                                                                           [ Fotos : Sophie Caesar ]

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23 Lesermeinungen

  1. Aber wo - außerhalb Spaniens,...
    Aber wo – außerhalb Spaniens, meinetwegen – gibt es ein Konzept, das die Armen einschließt?

  2. Ich bin nicht naiv, Dulcinea....
    Ich bin nicht naiv, Dulcinea. Glaube ich zumindest! Spanien hat, gemessen an seinem langen, kräftigen Wirtschaftswachstum, einfach besonders wenig getan. Mehr Sozialpolitik wäre nötig gewesen. Mehr Geld für Bildung und Forschung. Diese Budgets waren auch in den fetten Jahren beschämend und sind es heute erst recht. Jetzt bröckelt vollständig ab, was nie besonders starke Fundamente hatte. Ein Staat mit so wenig Voraussicht braucht ein leidensfähiges Volk.

  3. Aber dann müsste doch jetzt...
    Aber dann müsste doch jetzt noch viel mehr gekürzt werden? Hier gab es einfach noch nie viel. Zapatero selbst hat seinen Kinderscheck nach einem Jahr (oder zweien?) zurückgenommen. Vielleicht ist es am Ende sogar gut, daß es keine tiefgreifenden sozialpolitischen Maßnahmen gab, die auf der Immobilienblase und dem falschen Wachstum fußten?

  4. Und ich hatte immer den...
    Und ich hatte immer den –anscheinend falschen- Eindruck, dass Spanien die fetten Jahre ganz gut genutzt hat und viel in Infrastruktur investiert hat: Straßennetz, AVE, Universitäten. Auch das Gesundheitssystem ist (noch) humaner als in Deutschland. Natürlich liegt Vieles im Argen (lange Wartezeiten für Operationen und Fachärzte) aber man hat Anspruch auf ärztliche Hilfe, auch wenn man nicht versichert ist. Außerdem: Generalstreik, sowas ist in Deutschland verboten! Ich habe den Eindruck, hier in Spanien hat der Kapitalismus noch nicht so triumphiert wie in Westeuropa und das rächt sich jetzt. Aber natürlich sehe ich auch, dass man zu lange über seine Verhältnisse gelebt hat. Ein katholisches Land eben! (allerdings fast ohne Katholiken; vom Opus mal abgesehen)

  5. Die Infrastruktur der Straßen...
    Die Infrastruktur der Straßen ist prima, der Brücken, Autobahnen. Die EU hat ganze Arbeit geleistet. Und der AVE ist auch toll. Aber Spanien ist doch ein Land der Selbstbediener geblieben. Mir scheint, die schlechten wie auch die guten Züge haben nicht mit den Wirtschaftsdaten, sondern mit der Mentalität zu tun. Wo das geordnete Gemeinwesen versagt, springen die Familien ein, die private Solidarität und die Improvisation.

  6. "Der Staat hat die Ärmsten...
    „Der Staat hat die Ärmsten nicht auf der Rechnung“ – aber leider ist das kein spezifisch spanisches Phänomen. Dulcinea hat schon recht: auch in anderen Ländern ist das nicht wesentlich anders. Aber das sollte es ja noch wichtiger machen, dieses Thema immer wieder zu benennen.
    Das Schlimme ist, dass wir anfangen uns daran zu gewöhnen, dass „der Staat“ (oder „die Politik“) nicht die Interessen der Mehrheit der Bürger, und schon gar nicht, wie es einmal hieß, „das Wohl der Armen“ im Auge haben – und dass das in der öffentlichen Meinung nicht mehr als Skandal empfunden wird. Dabei war doch über Jahrhunderte ein guter Staat (oder ein guter Herrscher) einer, der (auch) das Wohl der „Untertanen“ im Auge hatte.
    Jetzt sind es sehr kleine elitäre Minderheiten, die über ungeheure Geld- und Machtmittel verfügen und denen die Politik geradezu schamlos in den Hintern kriecht. Das wurde üblicherweise noch mit dem Argument der Arbeitsplätze gerechtfertigt, aber inzwischen reicht es meist schon, statt dessen auf die Notwendigkeit von „Wachstum“ zu verweisen.
    Die soziale Schere erreicht obszöne Dimensionen: Heute habe ich zufällig (hier bei FAZ online) gelesen, dass der Chef von Bridgewater 2011 fast 4 Milliarden verdient hat. Ein Spitzensteuersatz von mindestens 80% für alles über einer Million/Jahr müsste da doch jedem unmittelbar einleuchten?
    Wir haben uns ein Wirtschaftssystem geschaffen (besser: „es“ hat sich geschaffen), dass völlig außer Kontrolle geraten ist, und zwar in ökonomischer, sozialer und ökologischer Hinsicht.
    (PS: Ich weiß auch nicht, ob dieser Beitrag irgendwas nützt – aber es musste einfach mal raus …)

  7. Noch ein Nachtrag: Herr...
    Noch ein Nachtrag: Herr Ingendaay, sie fragen ja ganz zurecht „Fällt uns etwas anderes dazu ein als der Hinweis auf das „System“? und da will ich doch meinen vorigen Beitrag noch schnell ergänzen (in dem ich auch „nur“ auf das System verwiesen habe).
    Nicht dass ich ganz tolle Lösungen anzubieten hätte, aber zumindest gibt es Vorschläge, die ich diskussionswürdig finde, so z. B. hier:
    Ein ganz anderes Steuersystem, Automated Payment Transaction Tax, kurz APT Tax (siehe http://www.brandeins.de/magazin/-afc796490a/weniger-bringt-mehr.html)

  8. derast, mir scheint, Sie haben...
    derast, mir scheint, Sie haben sich in dasselbe Unbehagen hineingeschrieben wie ich. Und es ist begründet. Es ist ja kein Gegenargument zu sagen, anderswo sei es genauso schlimm. Denn erstens gibt es immer noch qualitative Unterschiede (Stichwort Armutsschere, die in Spanien eben noch viel weiter auseinandergeht als in Frankreich oder Deutschland), zweitens entlässt uns die Ubiquität des Problems nicht aus der unbequemen Pflicht, die Frage nach der Verantwortung des Staates doch noch einmal zu stellen, und drittens spüren viele von uns, dass es kaum ein wichtigeres Thema gibt: Es betrifft so viele, es zerschlägt Projekte und Hoffnungen, es bestimmt unser Denken auf eine Weise, wie wir es vor zehn Jahren für undenkbar gehalten hätten.

  9. Ich meine, Sie irren, Don...
    Ich meine, Sie irren, Don Paul, wenn Sie schreiben, der Wert des Wohnraums wäre in den Jahren 2002 und 2003 in Spanien um je 20% gestiegen. Gestiegen ist nur der Preis. Sie irren ebenfalls, so scheint es mir, wenn Sie Spekulanten und Investoren gleichsetzen. Darin liegt ein nicht unwesentlicher Teil des Problems. Besonders in Spanien, aber leider nicht nur dort.

  10. Lieber pardel, dann setzen Sie...
    Lieber pardel, dann setzen Sie doch „Preis“ für „Wert“ ein. Und betrachten Sie Investoren und Spekulanten nicht als „gleichgesetzt“, sondern nur als aufgezählt oder gereiht. Nichts anderes tut mein Satz. Er sagt nicht, sie seien gleich; er sagt, sie hätten beide profitiert.

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