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Von Kutten und Kapuzen: Eine Bildgeschichte

09.04.2012, 17:41 Uhr  ·  Karfreitag in Cuenca. Wer die Stadt kennt, dem kann ich nichts Neues erzählen. Wer sie aber nicht kennt, für den setze ich ein Foto hierher, das die Topographie oder auch Geologie dieses einzigartigen Ortes andeutet.

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Karfreitag in Cuenca. Wer die Stadt kennt, dem kann ich nichts Neues erzählen. Wer sie aber nicht kennt, für den setze ich ein Foto hierher, das die Topographie oder auch Geologie dieses einzigartigen Ortes andeutet. Lässt sich auch überall nachlesen, daher muss ich nicht viel sagen über den Río Huécar und die Schlucht und die berühmten „hängenden Häuser” und all das.

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Nur eben: Man geht viel steil bergauf, in die Altstadt hinein. Und man geht wieder hinab, wenn man im Auditorio, dem großen Konzertsaal der Stadt, einen Musikabend im Rahmen des Festivals für religiöse Musik erleben will. Und gleich danach geht man wieder hinauf, um etwas zu essen und zu trinken. Und später – sofern man nicht in einem der schönen Hotels dort oben wohnt, also im Parador auf der anderen Seite der Kluft oder der Posada San José – geht man möglicherweise wieder hinab. So habe ich es diesmal getan.

Ich weiß es noch, ich erinnere mich! Vor ein paar Jahren habe ich hier im Blog das Loblied der livrierten Kellner gesungen. Ich könnte es jetzt wieder singen, nur dass es sich eher um Kellnerinnen handelte, die obendrein in einem anderen Lokal arbeiteten. Aber eben dass man in Cuenca solche Erfahrungen macht, sagt etwas Schönes über den Ort und seine einzigartige conditio in der Karwoche: In Cuenca treffen zusammen das einnehmende Stadtbild vor dem Hintergrund der wild zerklüfteten Landschaft, die Osterprozessionen, die geistliche Musik (man muss den Begriff weit spannen, damit er passt) und das gute und reichhaltige Essen.

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Wie gesagt, Karfreitag. Es ist Mittagszeit. Wir essen zu dritt in einem ordentlichen Restaurant in der Altstadt. Mittagsmenü mit drei Gängen, tapa, Brot, Wein und Kaffee für 29 Euro pro Person. Gibt’s anderswo in Spanien auch billiger, aber hier wird richtig aufgefahren. Der Wein wird nicht nur großzügig eingeschenkt, sondern auch mehr als großzügig nachgeschenkt, so dass es die Gedanken und Reden im Lauf der Minuten an österlichem Ernst fehlen lassen. Nach dem Aufstehen vom Tisch hätten wir Lust, uns bis zum Hotel den Hügel hinunterrollen zu lassen. Aber gleich außerhalb des Restaurants werden wir aufgehalten. Vor der Kathedrale sammeln sich die pasos der Mittagsprozession. Die Prozession des frühen Morgens (die wichtigste) war schon wegen Regens ausgefallen. Da war es schön, dass mit dieser nicht dasselbe geschah.

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So ein Prozessionsgewühl ist unübertrefflich. Wir blieben stehen und ließen uns ein bisschen hier- und dorthin schieben. Ich lief auf der Plaza Mayor herum und machte Bilder. Da ist der ernste Anblick der Träger, wenn man sie denn „ernst” nennen darf, obwohl man ihr Gesicht nicht sieht, hier:

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Oder die banda de música, die unverhüllt bleibt, aber mit demselben Ernst bei der Sache ist.

Oder der Mann im Rollstuhl, der unbedingt dabeisein will, und wenn wir unter die Stoffhülle schauen könnten, würden wir vielleicht sein Lachen sehen.

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Oder die Teilnahme der Kleinsten, die später den Schnuller ablegen, eine Tunika anziehen und eine Kapuze tragen werden:

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Ich musste dann über verschiedene Organisationsformen nachdenken, etwa beim Menschen und beim Tier. Was unterscheidet den planenden Geist (bei Paraden und Prozessionen) vom instinktgetriebenen Herdenverhalten, mit dem wir es so oft zu tun haben? Was unterscheidet, um ein Beispiel zu geben, den Anblick der obigen Bilder von diesem hier?

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Und ich meine nicht die Tatsache, dass die Menschen Kapuzen tragen, die Schafe nicht. Oder dass die einen sich etwas überziehen müssen, die anderen dagegen ihre Wolle haben. Nein, ich meine es grundsätzlicher.

Ich habe lange darüber nachgegrübelt: planende Wesen in Aktion. Aber nur der Mensch hat die Gabe, sich die Sache um einer höheren Idee willen so richtig schwer zu machen. Das irrsinnige Gewicht der pasos zu schultern, wenn es auch einfach ginge, indem man sie etwas leichter machte. Die eher unbequemen Kutten anzuziehen und dann auch noch diese Kapuzen, durch deren Augenschlitze man kaum etwas sieht. Überhaupt unser ganzes symbolisches Meinen! Schwer vorstellbar, dass Schafe auf so einen Gedanken kämen, wenn ich ihre lieben Augen richtig deute. Es ist sogar fraglich, ob sie in der Lage wären, sich ohne menschliche Hilfe zu scheren.

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Und jetzt kommt ein Zeichen von Kultur. Oder wie mein Vater zu sagen pflegte: „Kultur bedeutet Anstrengung!” Hier sehen wir also das Mühevolle, Aufwendige, teils auch Nervtötende an diesen Kutten und Kapuzen, und woran sehen wir es? An der Notwendigkeit, ständig den Sitz des Stoffes zu korrigieren, damit man überhaupt noch etwas sieht. Dieses richtende Eingreifen der bekleideten Hände wird seinerseits zum kulturellen Zeichen. Es ist überhaupt die meistwiederholte Geste dieses Prozessionstages, wenn ich vom Wiegeschritt der Träger absehe: weiße Hände, die unablässig den Sitz des cucurucho begradigen.

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Als wir schon dachten, jetzt sind sie bestimmt alle losgezogen, kamen noch weitere Prozessionsgänger aus einer Seitenstraße, und die machten nun wirklich Ernst. Ein Mann schleppte das schwere Kreuz. Sie sehen ihn hier.

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Uniformierte kamen ebenfalls des Wegs, der eine sah durchaus echt aus, die andere wirkte wie aus dem Wachsfigurenkabinett und schritt mit versteinertem Gesicht an uns vorbei. Vielleicht eine Apothekerin oder Kinderärztin, ich weiß es nicht.

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Die jungen Frauen zogen ihre Schuhe aus, um die Kälte des Bodens zu spüren, und zeigten ihre lackierten Zehennägel, einer der apartesten Kontraste dieses in allen Einzelheiten farbenprächtigen Nachmittags.

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Und gegen Ende dann sah ich noch dieses Bild:

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Dieses Foto fasste den Tag für mich aufs schönste zusammen. Es lehrte mich, dass die Welt, ja jedes einzelne Menschenleben ein großes Nebeneinander von Bedürfnissen, Interessen und Neigungen ist, von öffentlichen und privaten Existenzen. Wir sind nicht einer (oder eine), sondern viele zugleich! Wir sind nicht homogen, sondern senden teils widersprüchliche Botschaften aus. Und wir sind nicht immer leicht zu verstehen. Am Ende könnte es sein, dass wir einfach nur auf die Fotos der Cuenca-Touristen oder in den Blog von Sanchos Esel kommen wollen, auch das will ich nicht ausschließen. Spanien ist das Land des großen Welttheaters.

                           [ Fotos : Festival de la Semana Religiosa de Cuenca (1), Sanchos Esel ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Cuenca, Zehennägel, Schafe, Osterprozession

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).