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Leben und Sterben eines spanischen Schweins: Eine Bildgeschichte

19.04.2012, 08:17 Uhr  ·  Neulich war ich in Aragonien, wo die spanische Weihnachtslotterie am 22. Dezember ein paar Dörfer beglückte und 720 Millionen Euro hinterließ.

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Neulich war ich in Aragonien, wo der gordo der spanischen Weihnachtslotterie am 22. Dezember ein paar Dörfer besucht und 720 Millionen Euro hinterlassen hat. Ich wollte wissen, was das viele Geld dort verändert hatte, ob Menschen glücklich oder unglücklich geworden waren, solche Sachen. Das Dorf Sodeto (300 Einwohner, großzügig gerechnet) machte auf mich keinen besonders unglücklichen Eindruck. Hier hatte jede Familie mindestens 100.000 Euro gewonnen. Jede Familie. Manche waren auch mit 700.000 Euro davongegangen. Andere wiederum, nicht weit entfernt, und das ist keine schöne Geschichte, hatten durch Pech gewissermaßen etwas verloren. Sie waren am Glück vorbeigeschrappt, knapp, aber um die entscheidenden Zentimeter.

Zum Beispiel die Inhaberin der Bar Luna in dem kleinen Ort Grañén, dessen Lottoannahmestelle sämtliche Lose des gordo verkauft hat. Kein Mensch weiß, was der Frau in den Kopf kam, als sie ein paar Tage vor der Ziehung die 58268 ablehnte und sagte, die Zahl gefalle ihr nicht, sie wolle eine andere. „Weil sie doch das ganze Jahr hindurch die Endziffer 8 spielt!”, sagte María Pilar zu mir, die die Lottoannahmestelle betreibt. (María Pilar hat leider auch nicht gewonnen.) „Dann bleibt man doch dabei. Gerade zu Weihnachten. Aber die 58268 gefiel ihr nicht. Sie bat meinen Mann, alle Serien wieder mitzunehmen. Sie wollte die Endziffer 5.”

Und die Endziffer 5 hat sie bekommen. Und dazu eine Menge unzufriedener Gäste, die von der Wirtin um ihren möglichen Gewinn gebracht wurden. Ich habe ein paar dieser Gäste gesehen. Am Tresen der Bar Luna. Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Sondern von unseren Besuchen in Sodeto, dem noch kleineren Dorf, dem mit den vielen Gewinnern. Sodeto an einem schönen, kühlen Märztag sieht so aus:

Bild zu: Leben und Sterben eines spanischen Schweins: Eine Bildgeschichte

Als wir ankamen, waren die wenigen Läden noch zu, aber was uns erstaunte, war, dass selbst die Bar geschlossen hatte. Wo gibt’s denn so was, dachten wir. “Wir”, das war neben Sanchos Esel noch unser Fotograf Frank Röth, ein Mann, der meilenweit läuft für ein gutes Bild.

Erstmal liefen wir aber nur um die Ecke, um uns die Zeit bis vier Uhr zu vertreiben. Dann nämlich, so hatte uns das einzige menschliche Wesen auf der Main Street von Sodeto anvertraut, macht die Bar auf. Nun ja, und um die Ecke, gleichsam am Dorfrand, sahen wir dann den Kameraden unten. Wir standen da, sahen zu dem Storch hoch und entdeckten in seinem Leben, vor allem aber in seiner weltweisen Haltung eine Menge Vorteile.

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Nicht weit entfernt lugte ich in einen Innenhof, der folgenden Anblick bot:

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Das war schon recht poetisch. Ich fand für das Bild zwei Erklärungen. Entweder hatte es jemandem entschieden an Sorgfalt, Einsatz und Willen gefehlt, seinen Hof sauberzuhalten. Einen solchen Hof, in den man hineinschauen konnte, in diesem Zustand … So etwas hatte ich in Spanien noch nicht oft gesehen. Die zweite Erklärung war, dass der Besitzer dieses Hofs in der Weihnachtslotterie gewonnen und sich aus dem Staub gemacht hatte. Es gibt solche Menschen.

Dann trat ich zurück und sah, dass dieser Mensch bestimmt nicht zu denen gehörte, die ihren Hof im Stich lassen. Denn ich erkannte: Kunst. Wandmalerei. Ich sah zeitgenössische Kunst aus Sodeto. Und zwar eine Passionsgeschichte, die Passion des Schweins Faustino. Die farbenprächtige Malerei zog sich um drei Seiten des Gevierts. Jetzt wäre ein Panoramaobjektiv gut gewesen, aber Frank Röth war noch bei den Störchen.

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Glückliche Schweine, das war das Motiv. Dann kam eine Szene von Liebeswerben und Sichverlieben. Natürlich alles unter Schweinen, aber irgendwie ohne jede Schweinerei. Ich bin für romantische Augenblicke, gerade im animalischen Kontext, sehr empfänglich.

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Auf dem nächsten Bild springt die Geschichte schon vor den Traualtar. Der Maler wollte keine Zeit verlieren. Faustino (links) heiratet sein Schweinemädchen, und die Sau auf dem Standesamt macht Bla, bla, bla.

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Dies hier unten wirkt wie die Apotheose des Mutterglücks, aber ich will mich ikonographisch nicht festlegen. Das schwarze Ding rechts, das ist der Hufabdruck eines Schweins. Er erschien mir wie die Signatur des Künstlers. Was, wenn eine Sau all das gemalt hätte?

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Dann brach Tragik in das Geschehen ein. Brutal. Unerbittlich. Faustino, der Ehemann, wird verhaftet. Man entführt ihn in einem Gefängniswagen, der sicherlich nicht von Schweinen gelenkt wird. Ich lese die Szene als Kommentar auf die Militärdiktaturen dieser Welt, aber auch im engeren, schweinebezogenen Kontext. Sie wissen, was ich meine. Ein Protest gegen die Knechtung aller Kreatur.

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Das nächste Bild ist problematisch durch seine Rührseligkeit. Kann es sein, dass die Ehefrau einverstanden ist mit dem Lauf der Dinge? Akzeptieren sie und die Kleinen die Deportation des Ehemanns und Vaters? Das frage ich mich.

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Das nächste Gemälde gibt die Antwort. Der Mensch. Der Mensch mit einem großen Messer. Flucht ist zwecklos. Abgestochen und geschlachtet zu werden ist Schweinelos.

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Den härtesten Realismus will uns der Künstler (die Künstlerin) ersparen. Keine Szene zeigt uns das Innere des Schlachthauses und die Mechanik des Zerlegungsbetriebs. Wir sehen nur das fertige Produkt. Die Wurst, den Speck, den Schinken. Doch hier beeindruckt der  nüchterne Blick auf die Wirklichkeit. Der Schlachter oder Metzger singt. Das Leben kann grausam sein. Auch Goya stammte aus Aragonien.

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Und das ist schon das Ende der Geschichte. Einmal um den Hof, und man erfährt von Leben und Sterben eines spanischen Schweins. Nicht mehr. Nicht weniger. Unten sehen Sie, als poetischen Rest dieser Schlachtviehkarriere in Aragonien, die Hufabdrücke. Es könnten Faustinos sein, aber auch die irgendeines Vorgängers. Wer weiß?

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Ich habe mich dann in der Nähe noch etwas umgeschaut. Alles war still, verwaist. Als würde das ganze Dorf auf vier Uhr warten.

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Selbst der Storch, der uns mit seiner Haltung so beeindruckt hatte, schien die Flügel anzulegen und die Minuten verstreichen zu lassen. Bis er sich in den Luftstrom warf und davonglitt, vermutlich dorthin, wo er und seinesgleichen nachmittags zusammenkommen.

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Als ich zurückging, nun wirklich der Bar entgegen, sah ich noch einmal den Titel der großen Wandmalerei. La vida de Faustino: un sabroso tocino. Auf deutsch: “Das Leben des Faustino, ein schmackhafter Schweinespeck”. Achten Sie auf die Farbgebung.

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In dichterischer Verknappung wird uns gesagt, hier finde eine Existenz ihre Erfüllung. Natürlich werden die Schweine nicht gefragt. 

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Frank Röth ist dann auch wieder aufgetaucht und hat dieses Foto des Autors gemacht. Der Autor wiederum hat versucht, Störche zu fotografieren. Aber sie haben nicht stillgehalten.

Gleich danach, in der Bar von Sodeto, sprachen wir mit dem griesgrämigen jungen Mann hinterm Tresen. Er schien keine Lust zu haben, uns zu bedienen. Wir waren die einzigen Gäste. Als er merkte, dass wir über die Weihnachtslotterie sprechen wollten, “machte er zu”, wie man so sagt. Nun wollte er erst recht keinen Ton mehr sagen. Sehr ungewöhnlich, diese Haltung, bei einem Spanier. Später erfuhren wir, dass seine Mutter in der Lotterie gewonnen hatte, er aber nicht. 

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Was das ist, muss ich niemandem erklären. Es stand im Nebenraum. Aber das ist eine andere Geschichte.

                                             [ Fotos : Sanchos Esel (1-15; 17), Frank Röth (16) ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Weihnachtslotterie, Sodeto, Schwein

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).