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Real Madrid Campeón oder Mein Herz so weiß

03.05.2012, 01:00 Uhr  ·  Ich will jetzt gar nicht viel sagen. Real Madrid ist endlich wieder spanischer Meister. Es gab eine Zeit, da fanden die Leute hier das ein bisschen wenig. Unterhalb der Champions League wollten sie kaum noch antreten.

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Ich will jetzt gar nicht viel sagen. Real Madrid ist endlich wieder spanischer Meister. Es gab eine Zeit, da fanden die Leute hier das ein bisschen wenig. Unterhalb der Champions League wollten sie kaum noch antreten. Den guten Vicente del Bosque haben sie 2003 gefeuert, weil er nur spanischer Meister geworden war. Oder weil er mit seinem Bauch und dem Schnurrbart nicht sexy genug aussah. Ich weiß es nicht. Die wirklichen Fans haben das damals nicht verstanden. So wenig wie heute. Aber gut. Es ist Vergangenheit. Jetzt haben wir einen, der weder Bauch noch Schnurrbart hat. Man könnte ihn ein Führungsschaf nennen, weil er Dinge tut, die niemand anderes wagt. Weil er gern allein steht. Oder einsam in die eine Richtung schaut, während alle anderen in die andere schauen.

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Was man ihm nicht nehmen kann, dem José Mourinho, ist das gewisse Etwas der Sieger. Sagt Pep Guardiola, vier Jahre Spitzenfußball als Trainer des FC Barcelona hätten ihn ausgebrannt. Sagt Mourinho, ihn könnten nur die Pausen im Fußball ausbrennen, so ab Juni. Ein ganz Harter ist das. Ich finde nicht, dass sein Auftreten bei anderen die besten menschlichen Eigenschaften hervorlockt. Ein bisschen wie die ganz einsamen Tiere, die weit oben thronen und sich über alle anderen erhaben fühlen.

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Aber man müsste blind sein, um zu verkennen, dass er eine starke und erfolgreiche Mannschaft geformt hat. Den Kader einer Spitzenmannschaft muss man erstmal im Griff haben. All die Egos, das Rempeln und Sich-recken. Der Ehrgeiz und die Eitelkeiten. Die schiere Masse, unter der ein Trainer für Ordnung sorgen muss, gerade dann, wenn alles in dieselbe Richtung strebt. Ich stelle es mir nicht so leicht vor.

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Am besten gefallen mir ja Özil und Benzema, zwei Künstler, durch deren Spiel alle anderen besser werden. Gäbe es diese beiden nicht, ich wüsste nicht, wovon ich träumen sollte.

Was die ewige Konkurrenz zwischen Madrid und Barcelona angeht, so ertrage ich sie am besten hier im Blog. Wenn die Formen gewahrt bleiben. Der clásicos bin ich, ehrlich gesagt, etwas müde. Pep Guardiola auch. Es waren so viele! Vielleicht liegt es auch daran, dass wir so oft verloren haben. Verlieren erschöpft. Insofern war der letzte Besuch in Barcelona sehr angenehm. Ein Sieg, wie schön! Nur Mourinho kriegt von diesen Duellen den Hals nicht voll, da bin ich mir sicher. Ich schäme mich noch immer, wenn ich an den Finger denke, den er dem armen Tito Vilanova ins Auge gepiekt hat. Na gut, das macht er sicher nicht noch einmal. Unter Cheftrainern. Man könnte sogar die Behauptung wagen, er habe sich dafür gleichsam halb oder gewissermaßen symbolisch ein bisschen entschuldigt.

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Was von der Saison bleibt: eine unfassbare Menge Tore. Neuer Rekord in der spanischen Liga. Das hätten Mourinho die wenigsten zugetraut. Sanchos Esel auch nicht. Darin ist er eben manchmal … ein Esel.

Leider hat nicht alles geklappt. Dass Cristiano Ronaldo ausgerechnet gegen Bayern München den ersten Elfmeter nach zwei Dutzend lockeren Elfmetertoren versiebt … geschenkt. Es war eher Neuers Verdienst als Cristianos Versagen. Heute abend, in Bilbao, hat CR7 wieder einen Elfer verschossen, diesmal richtig blöd. Ein Kullerball unten Mitte. Aber wer fragt danach, wenn durch das 3:0 die Meisterschaft gewonnen wurde? Auch der gute Özil hat ein Tor gemacht. Ach, ich höre jetzt auf. Ich wollte nur sagen: Ich freue mich für Real Madrid. Die guten Manieren nehmen wir uns für die kommende Saison vor. Aber erstmal muss José Mourinho die Europameisterschaft überstehen, in der es nicht um ihn geht. Irgendwann im August, wenn das Training wieder losgeht, werde ich mir genau ansehen, wie ausgebrannt er ist, der Arme. Vom Nicht-im-Rampenlicht-stehen.

                                                                                           [ Fotos : Sanchos Esel ]

 
 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).