Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (21)
 

Real Madrid Campeón oder Die Party

04.05.2012, 09:25 Uhr  ·  Ich habe mir gesagt: Wann werde ich es wieder erleben, dass Real Madrid spanischer Meister wird? Also bin ich bei grauem Himmel zur Plaza de Cibeles gezogen, um den Spielern und den Fans beim Feiern ihres Titels zuzusehen.

Von

Ich habe mir gesagt: Wann werde ich es wieder erleben, dass Real Madrid spanischer Meister wird? Also bin ich bei grauem Himmel zur Plaza de Cibeles gezogen, um den Spielern und den Fans beim Feiern ihres Titels zuzusehen. Ich glaube nicht, dass es der Vorbereitung auf die letzten beiden Ligaspiele guttut, aber nachdem Mourinho uns eingehämmert hat, diese Meisterschaft sei wirklich verdient und wahnsinnig viel Arbeit und eine echte Heldentat gewesen, was er bei den letzten drei Meisterschaften des FC Barcelona naturgemäß nicht angemerkt hat … Gut, habe ich mir gesagt, ich gehe hin. Sollen sie ausgelassen sein. Es sind junge Männer.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Die heutige Zeit zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass alle von allem und jedem Fotos machen. Auch Fotos fotografierender Menschen sind weit verbreitet. Leben, um es zu dokumentieren! Die digitalen Datenmengen, die bei einem Großereignis wie einer öffentlichen Meisterschaftsfeier in der Madrider Innenstadt innerhalb einer einzigen Stunde produziert werden, kann sich kein Mensch mehr vorstellen. Auch Sanchos Esel nicht. Schlimmer, der Esel trägt sogar noch zur Aufblähung der digitalen Datenbestände bei, indem er seinerseits wie ein Wahnsinniger fotografiert. Ohne große Feinheiten, das ist hier ja bekannt, eher im Freistil. Aber ein paar hübsche Eindrücke sind doch dabei zusammengekommen.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Der Kletterer im Gegenlicht hat etwas Poetisches. Er klammert sich an eine Ampel. Das Lustige war, dass sie in Betrieb war. Die Polizei hatte Wichtigeres zu tun, als den Mann herunterzuholen. Was das gewesen sein könnte, ist mir aber nicht klargeworden. Als ich die C/Alcalá hinunterging, sah ich, wie junge Männer eine Wanne mit gekühlten Getränken auf den Gehsteig schoben. Sie sahen sich lauernd um, ob niemand guckte. Aber die Polizei hatte Wichtigeres zu tun, als sich um nicht genehmigten Straßenverkauf zu kümmern. Sanchos Esel wiederum genoss den schönen Anblick der dunklen Wanne auf dem nassglänzenden Gehsteig. Wäre ein Dichter zur Hand gewesen, er hätte entweder Özils Steilpässe besungen oder diese Wanne. Ich bin ganz sicher.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Es blieb der einzige stille, besinnungsvolle Moment. Das wusste ich natürlich nicht, als ich die Straße hinunterging. Weiter unten sah es aber so aus, wie Sie hier sehen können. Es war voll, und die Menschen drängelten sich. Glücklicherweise hat es definitiv aufgehört, dass man in solchen Menschenmengen Stöße und Knüffe abbekommt. Dafür haben die Leute gar keine Arme mehr. Denn die Arme sind in die Höhe gereckt. Die Arme halten Kameras. Schauen Sie mal auf das Foto unten, die Zone vorne links. Ich sage nur: Bildgesellschaft. Wir sind eine Gesellschaft, die auf Bilder versessen ist.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Als dann die Spieler kamen, hat Sanchos Esel einfach auf den Auslöser gedrückt, was er konnte, gewissermaßen mit grobem Huf. Genau hinschauen konnte man sowieso nicht. Später am Bildschirm sah ich dann, was da alles drauf war.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Zum Beispiel der nachdenkliche Xabi Alonso in der Bildmitte. Irgendwie sieht er immer so aus, als wäre er erwachsener und erfahrener als andere, als wüsste er vom Leben viel mehr und vor allem anderes als seine Kollegen. Er betrachtet den Rummel vor seinen Augen und denkt sich: Und? Was hat mir das jetzt zu bieten? War das schon alles?

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Ganz anders als der ausgelassene Marcelo.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Oder Di María, Pepe und Cristiano Ronaldo (während Mourinho sich gerade über einen Böller erschreckt oder eine Ladung Konfetti).

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Oder Khedira und Özil. Natürlich sollte sich jeder so verhalten, wie er sich fühlt. Übrigens sind im Netz jede Menge Fotos zu sehen, die die Spieler selbst gemacht haben. Sie haben sich ständig gegenseitig fotografiert und die Feierfotos dann auf Facebook oder Twitter gestellt. Das macht Sanchos Esel nicht. Er stellt nichts auf Facebook oder Twitter.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Das sollten Sie auch noch sehen, finde ich. Unseren Kapitän im Konfettischneetreiben. Ich bin stolz auf ihn. Genauso wie damals auf Raúl. Wenn ich an Real Madrid denke, dann an Spieler wie Iker Casillas.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Und weniger an Leute wie den Herrn rechts. Obwohl ich seine beträchtliche demagogische Begabung nicht leugne. Das wäre einen eigenen Artikel wert.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Man sah ihn auf der Feier auch mit Sohn, was die Legende des “anderen” oder “privaten” Mou nähren mag. Es gibt Leute, denen das wichtig ist. Dass jemand neben seiner knallharten Berufsexistenz noch eine private, weiche Seite hat, wo man angeblich den “wahren” Mourinho zu sehen bekommt. Was mir dazu einfällt, ist das, was die Engländer zu sagen pflegen: That’s not here nor there. Es ist mir egal. Was zählt, is aufm Platz. Und da werden wir noch etwas zu hören und lesen bekommen. Ich kündige es hiermit schon einmal an.

Unter den Fans (früher sagte man Anhänger, noch früher sagte man “Schlachtenbummler”, ein farbiger Begriff, der leider in die Mottenkiste gewandert ist) interessierten mich vor allem die Frauen. Ihr alle mögt Real Madrid?, fragte ich mich, während ich die Schlachtenbummlerinnen verschiedenen Typs aufmerksam studierte. Ihr alle seid hierhergekommen? Das ist aber schön. Oder mögt ihr nur Cristiano Ronaldo?

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Zum Beispiel sie.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Oder sie.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Oder auch sie.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Oder diese konzentrierte Fotografin.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Die naturgemäß nur eine von vielen Fotografinnen war. Wirklich, sie ließen sich einfach nicht ablenken. Vielleicht sitzen all diese fotografierenden Schlachtenbummlerinnen gerade jetzt, während ich dies schreibe, auch an ihrem Madrider Schreibtisch und verfassen einen Blogeintrag, den sie mit ihren schönsten Fotos garnieren. Wer weiß, vielleicht haben sie ja Sanchos Esel beim Fotografieren fotografiert! Nicht auszudenken. Man sieht schnell eselshaft aus, wenn man beim Fotografieren fotografiert wird. Man hat keine Augen und keine Sinne mehr für die Umwelt, weil man unbedingt diesen einen winzigen Ausschnitt aus der vorbeizischenden Zeit festhalten will.

Meine Sympathie für diese Schlachtenbummlerinnen ist grenzenlos. Weniger schön fand ich auf dem Rückweg eine Gruppe von Schlachtenbummlern, die auf der Gran Vía den Mourinho-Gesang aus der Südkurve anstimmten. Er geht so: “Jo-sé Mou-rin-ho, Jo-sé Mou-rin-ho, Jo-sé Mou-rin-ho, Jo-sé Mou-rin-ho!” Und dann das Ganze von vorn. Mein geschätzter Kollege Javier Cáceres kann das beeindruckend intonieren. Über diese Jungs jedenfalls hat der Trainer mal gesagt, sie seien die einzigen, die ihn wirklich unterstützten, sie seien immer da, sorgten immer für Stimmung im Stadion und stünden fest zu ihm und der Mannschaft. Oder so ähnlich. Seitdem lieben die Jungs in der Südkurve ihn noch mehr und singen immer wieder: “Jo-sé Mou-rin-ho, Jo-sé Mou-rin-ho, Jo-sé Mou-rin-ho, Jo-sé Mou-rin-ho!”

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Nein, Sanchos Esel hält es eher mit den anderen. Denen, die sich freuen ohne Hass oder Dumpfheit. Sie sind ja in der Überzahl. Man sieht es gleich. Und man staunt, wie verschieden sie sind. Das war das Schönste an der ganzen Feier an der Plaza de Cibeles. Die Madrider Verschiedenheit.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

Irgendwie hoffe ich also doch, dass es in den kommenden Jahren weitere Feiern gibt. Die nächste steigt ja schon, wenn die Meisterschaftstrophäe wirklich überreicht wird, also nach dem letzten Spieltag. Und dann … muss man sehen. Ich habe bei diesem Mourinho ein mulmiges Gefühl. Ich kann mir nicht helfen. Ich hoffe, dass ich mich täusche.

Bild zu: Real Madrid Campeón oder Die Party

                                                                                      [ Fotos : Sanchos Esel ]

 
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).