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Vermischte Nachrichten, die hängengeblieben sind

23.05.2012, 11:20 Uhr  ·  Lektürenotizen aus der letzten Zeit. Knapp fünfzigtausend Menschen gehen in Madrid auf die Straße, um gegen die Sparmaßnahmen der Rajoy-Regierung zu demonstrieren.

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Lektürenotizen aus der letzten Zeit. Knapp fünfzigtausend Menschen gehen in Madrid auf die Straße, um gegen die Sparmaßnahmen der Rajoy-Regierung zu demonstrieren. Vor acht Tagen, am Jahrestag des 15. Mai, waren es auch ziemlich viele, aber die Schätzungen gehen naturgemäß weit auseinander, je nachdem, wer gerade schätzt. Die regierenden Konservativen werfen der Opposition vor, sich mit dem Protest gemein zu machen und Angst zu schüren. Angst wovor?, frage ich mich. Wovor kann man in Spanien denn noch Angst haben, wo die längst eingetretene Gegenwart schon so gruselig ist, dass es kaum schlimmer geht?

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„Kriminelle” waren für die Zeitung La Razón sechs der achtzehn festgenommenen indignados, die vorletztes Wochenende die Puerta del Sol nicht räumen wollten. Ich war auch da, aber früher. Und ich war nicht kriminell. Bei meinem Gang nach Mitternacht (die von der Polizei gesetzte Frist war verstrichen, aber kaum einer rührte sich vom Fleck) sah ich kleine Gruppen am Boden, im Schneidersitz, mit Rauchzeug und Getränken in der Mitte. Sah ziemlich gemütlich aus. Allgemeiner Eindruck: Weniger Leute als vor einem Jahr. Hedonistischer als vor einem Jahr. Verschiedener als vor einem Jahr. Gerade jetzt aber fragen mich Leute: Was hat es denn nun mit dem Protest des 15-M auf sich? Und ich sage: Weiß ich doch nicht! Aber dann denke ich: Schön, daß noch jemand weitermacht. Die Jungs und Mädchen könnten ja auch vor dem Fernseher hocken und was glotzen. Aber sie veranstalten Vollversammlungen, die so ziemlich zu den schwierigsten Geduldsübungen unter der Sonne zählen. (Hier stehen weitere Eindrücke und etwas zu den Plänen bei der eingestellten Zeitung Público.)

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In Katalonien, so las ich vor vierzehn Tagen, formiert sich Widerstand gegen die Mautgebühren auf der Autobahn. Rund 2500 Menschen stiegen in ihre Autos, verweigerten an der Zahlstelle den Obulus und fuhren wieder nach Hause. Eine interessante Überlegung: Was wäre, wenn sich eine große Zahl Menschen auf Verabredung weigert, die monetären Transaktionen, auf denen der Ablauf des alltäglichen Lebens in den großen Städten beruht, mitzumachen?

Am 1. Mai sind die Tariferhöhungen im Madrider Nahverkehrsbereich in Kraft getreten. Der Preis des Zehnertickets stieg von 9,30 € auf 12 €. Vor zwei Jahren waren es noch 6,30 €. Von den Postgebühren will ich gar nicht reden. Die Postgebühren steigen jedes Jahr am 1. Januar. Deswegen standen sie jetzt auch nicht in der Zeitung.

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Iñaki Urdangarin, der Schwiegersohn von König Juan Carlos, will offenbar größeren Imageschaden vom spanischen Königshaus abwenden. Deswegen bietet der Ehemann der Infantin Cristina (dem unter anderem Steuerbetrug und die Veruntreuung öffentlicher Gelder in Millionenhöhe zur Last gelegt wird) der Justiz an, sich schuldig er zu bekennen und eine Entschädigung zu zahlen. Zuerst war die Rede von 3,7 Millionen Euro, eine Summe, die sich mit späteren Meldungen deutlich reduzierte. Ich habe den Verdacht, da könnte noch etwas gedreht werden. Derweil weigert sich Urdangarins ehemaliger Kompagnon Diego Torres auszusagen. So kommt man natürlich nicht weiter.

Vanity Fair schickt mir eine E-Mail. Anhang: Das Titelbild der neuen Nummer von Vanity Fair. Darauf ist Corinna zu Sayn-Wittgenstein zu sehen, die mutmaßliche Freundin einer hochgestellten Persönlichkeit, die in letzter Zeit allgemein etwas Pech gehabt hat. Es gibt Kollegen von mir, die finden das ein tolles Thema: Corinna und er. Aber ich will am liebsten davonlaufen. Was ich hiermit tue.

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Interessant: Der Prinz-von-Asturien-Preis für Kommunikation und Geisteswissenschften geht an Shigeru Miyamoto, den Videospielentwickler von Nintendo. Brandfrische Meldung. Miyamoto hat Spiele wie „Super Mario” und „The Legend of Zelda” entworfen. Ich kenne sie nur vom Hörensagen, aber als ich las, dass Miyamoto keine Gewaltspiele entwickelt, fand ich das schon mal gut. Und dass er auch Spiele für Alte erfindet, die ihr Gehirn trainieren sollen. Und Sachen für die ganze Familie. Was mich daran erinnert, dass ich schon länger kein Brettspiel mehr gespielt habe. Die Kinder haben auch nicht mehr danach gefragt. Vielleicht hängen sie vor einem Miyamoto-Spiel, und ich bekomme es nicht mit?

O. Fast vergessen. Eine ältere Nachricht, die mir nicht aus dem Kopf geht. Jennifer López, Enrique Iglesias und noch jemand, dessen Namen mir nichts sagte, gehen gemeinsam auf Tour. „Diese Tournee wird historisch”, sagte der Sohn des berühmtesten spanischen Schnulzensängers aller Zeiten. „So etwas wird möglich durch die uneigennützige Kameradschaft, die man nur erreicht, wenn drei Superstars ihre Kräfte bündeln, um eine Darbietung zu liefern, die man auf keinen Fall verpassen darf.” Klingt völlig verbogen, hirnrissig, sinnfrei? Finde ich auch. Aber ich habe es getreu übersetzt, wie es in der Zeitung steht. Uneigennützige Kameradschaft, my foot. Und sich selbst als Superstar zu bezeichnen ist auch ziemlich dreist. Aber am schönsten ist die Tautologie, in die am Ende der ganze Satz plumpst.

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Ich wollte es nur mal zu bedenken geben. Das alles läuft weiter, trotz indignados, Krise, verstaatlichter Bankia, Risikoprämien. Der Reichtum geht weiter. Die Schönheit dauert an. Und Dummheit währet ewig.

                                                                                [ Fotos : Sanchos Esel ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, 15-M, Sinnfreiheit

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).