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Stolz der Demütigen

14.06.2012, 12:25 Uhr  ·  Gerade ist mir etwas Interessantes widerfahren.

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Gerade ist mir etwas Interessantes widerfahren. Einer meiner Zeitungsartikel – über den spanischen „Stolz” – hat im Internet ausschließlich negative oder abweichende Leserkommentare hervorgerufen. Anders gesagt: Niemand stimmt mir zu. Oder um es zu präzisieren: Jeder findet, man müsse angesichts der sog. spanischen „Bankenrettung” vom vergangenen Wochenende etwas anderes sagen, als ich dort sage.

Ich gestehe, dass ich mir die Leserkommentare unter meinen Artikeln selten anschaue. Das liegt an der fehlenden Zeit. Aber natürlich interessiert mich, was Leserinnen und Leser denken, sofern sie ihre Meinungen mit einem Minimum an Form und Höflichkeit vorbringen. In diesem Fall habe ich viel aus den Reaktionen gelernt. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass die Nachteile, die den deutschen Steuerzahlern aus dem Rettungsschirm erwachsen, ein wichtigeres Thema sind als die Befindlichkeit des Volkes, das den Rettungsschirm in Anspruch nimmt. Da mich zu meinem Artikel auch einige Leserbriefe erreicht haben, habe ich eine Antwort entworfen, die auf die Gegenargumente reagiert und meinen eigenen Standpunkt noch einmal darlegt.

Bild zu: Stolz der Demütigen

„Vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich kann die Ungehaltenheit der deutschen Steuerzahler verstehen. Dass die spanischen Eliten versagt haben (und weiterhin versagen, weil sie keine Ursachenforschung betreiben), drücke ich in meinem Artikel unmissverständlich aus. Den Unterschied der Zahlungsmoral zeige ich etwa an dem Vergleich zwischen Florentino Pérez und Uli Hoeneß. Es ist ein Bild für spanische Selbstüberhebung und Schuldenmacherei und als solches zu betrachten: Es steht für viele andere.

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Gewiss rechne ich nicht mit besonderer Nachsicht für den Stolz, den ich in meinem Artikel beschreibe. Wer Spanien kennt, weiß allerdings, wovon ich rede. Der entscheidende Punkt wird nämlich oft übersehen: Diese charakterliche Festigkeit ermöglicht den Spaniern, besonders den ärmeren unter ihnen, mit Zähigkeit und ohne Jammern durch die harte der Zeit der Arbeitslosigkeit und zahlreicher wirtschaftlicher Einschnitte zu kommen. Berechtigte soziale Unruhe führt hier nicht zu Tumulten oder Gewalt; sie bringt die Institutionen nicht ins Wanken; und aus materiellem Elend erwachsen keine griechischen Verhältnisse. Da ich das Versagen der spanischen Wirtschaft und Politik schon in vielen Artikeln beschrieben habe, lag mir daran, das Thema diesmal von der Mentalität her zu beleuchten. Auch wenn ich einsehe, dass dies dem deutschen Steuerzahler nicht als zwingendes Thema erscheint, und ich die Kritik an meinem Artikel in Demut annehme, halte ich diese Perspektive nach wie vor für lohnend, eben weil sie normalerweise keine Rolle spielt. Ich finde, es schade einem deutschen Steuerzahler nicht zu erfahren, wie die Krise sich für einen Spanier anfühlt. Denn nicht jeder Spanier trägt an dem Desaster persönliche Schuld. Manchen sind diese Zeiten „passiert”, wie ihnen auch bessere Zeiten „passieren”. Viele haben einfach nur gearbeitet und sich so um die Zukunft gekümmert, wie es ihnen die landestypischen Konventionen nahelegen.”

Soweit mein Brief.

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Inzwischen fallen die Hochrechnungen, wie lange Spanien mit der gegenwärtigen Krise zu kämpfen haben wird, immer großzügiger aus. Zwei, drei, fünf, zehn oder noch mehr Jahre: Alle wissen, dass der Immobilienboom nicht wiederkommt. Aber nicht alle handeln danach. Ebenso wenig wird davon gesprochen, welche negativen Folgeerscheinungen die Einschnitte in Bildung, Sozialpolitik und Kultur haben werden. Inzwischen hat sich der offizielle Krisendiskurs weit vom tatsächlichen Leben, den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entfernt. Manchmal glaube ich, die Politiker wüssten nicht mehr, von welchem Land sie sprechen: Das, in dem ich lebe, kommt in ihren Verlautbarungen kaum vor.

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Einer der Leserkommentatoren meines Artikels erwähnte den interessanten Umstand, dass der spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque sich von allen Versuchen distanziert hat, den Erfolg oder Misserfolg seiner Mannschaft bei der Europameisterschaft als politisch-gesellschaftliche Aussage zu deuten. Vorsicht vor Analogien!, scheint del Bosque sagen zu wollen. Ähnliches hat er mir auch in dem Gespräch erzählt, das ich mit ihm vor zwei Wochen in Schruns im Vorarlberg geführt habe. „Wir sind nur Fußballtrainer und Fußballspieler”, sagte er, man dürfe diese Rolle nicht überbewerten. Als Sportler könne man nicht viel mehr tun, als die beste Leistung zu bringen und sein Land würdig zu vertreten. Alegría, sagte er noch. Man wolle den Leuten ein bisschen Freude bringen.

Müsste ich einen Spanier wählen, der in diesen Jahren – genaugenommen: in mageren wie in fetten Jahren! – als persönliches und gesellschaftliches Vorbild dienen könnte, dann würde ich Vicente del Bosque nennen. Das nur nebenbei.

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Von jenem Tag in Schruns zeige ich Ihnen hier ein paar Bilder. In das Stadion des FC Schruns passen zweitausend Zuschauer, und hinten sieht man ein paar Kühe grasen. Während des Trainings flog ein Paraglider dicht über das Spielfeld, um die spanischen Profis bei der Arbeit zu erleben, und ging dann im benachbarten Feld nieder. Die österreichischen Fans waren natürlich begeistert, den spanischen Spielern so nahe zu sein. Ich zeige Ihnen die Fotos, weil es eine hübsche Szene war und mir am spanischen Fußball liegt und ich heute abend gegen Irland auf einen schönen Sieg hoffe. Mit allem Respekt vor den tapferen Iren und dem ewig jungen Giovanni Trapattoni.

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                                                                                             [ Fotos : Sanchos Esel ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Vicente del Bosque, Krise

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).