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I decided to contact you

29.06.2012, 16:40 Uhr  ·  Es ist nicht wahr, dass ich nur an Fußball denke. Ich denke vor allem daran, dass ich kaum noch Zeit zum Bloggen habe, weil ich zuviel arbeite, und wenn ich nicht arbeite, gucke ich Fußball.

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Es ist nicht wahr, dass ich nur an Fußball denke. Ich denke vor allem daran, dass ich kaum noch Zeit zum Bloggen habe, weil ich zuviel arbeite, und wenn ich nicht arbeite, gucke ich Fußball. Ansonsten: Überall spanische Krise, Finanzlöcher, Schuldenproblematik, wichtige Themen hier oder dort, die sich mir aufdrängen mit kleinen spitzen Schreien: „Hier, bitte, schreib mich!” „Nein, mich!” „Nein, mich!”

Und ich halte mir die Ohren zu und weiß gar nicht, wo ich anfangen oder weitermachen soll. Außerdem war es zu heiß. Vor drei Tagen saß ich mit geschätzten Kollegen gegen Mitternacht in Chamartín, als ich sah, wie das Thermometer von 35 auf 34 Grad fiel. Das war ein erhebender Augenblick.

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Aber Sie wollen wissen, was Sanchos Esel so treibt, was er sammelt oder übersieht, vielleicht sogar, was er nahezu unbetrachtet und unbedacht vorüberziehen lässt? Zum Beispiel diese E-Mail von vorgestern. Der Absender heißt Lina Busoni. Und die Mail, in deren Rechtschreibung ich nicht eingegriffen habe, geht wie folgt:

“Hello Dear

My name is Lina Micheal (female), i saw your mail today and i decided to contact you. I would like to be your good friend. I will like to know more about you, learn a lot from you. When i receive your yes answer, i will send you my picture for you to see me and tell you more about myself.

yours new friend,
Lina”

Ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber ich fand die Botschaft irgendwie rührend. Nein, ich habe sie nicht geöffnet! Nur in diesem Sichtfeld rechts kopiert. Um sie Ihnen zu zeigen. Weil ich den Verdacht habe, dass Sie Spam-Mails normalerweise löschen, ohne sie zu beachten, wie wir alle es gelernt haben. Doch manchmal, so finde ich, blitzen menschliche Werte darin auf, die nicht verloren gehen sollten. Deshalb habe ich mir gesagt: Heute reiche ich mal eine Spam-Botschaft weiter, um Ihnen den Tag zu verschönern.

Dieser Mario Balotelli gestern, das wollte ich zum Fußball noch anmerken. Wer sich so das Trikot auszieht, um mit nacktem, muskelschwellendem Oberkörper schon fürs Pressefoto zu posieren, während seine Kameraden noch auf dem Platz stehen, und wer außerdem eine Gelbe Karte dafür in Kauf nimmt, den würde ich als Trainer sofort vom Platz holen. Als Sanktion. Weil er die Mannschaft schädigt. Zwei- oder dreimal jemanden ausgewechselt, und der Unfug kommt nie wieder vor. Ausnahme: Iniesta vor zwei Jahren nach seinem Siegtor gegen die Niederlande. Denn erstens wollte er sein Tor vor der ganzen Welt seinem toten Freund Dani Jarque widmen; zweitens blieben in der Verlängerung nur noch wenige Minuten zu spielen; und drittens hat Iniesta nicht mit nacktem Oberkörper posiert, sondern noch ein T-Shirt angehabt.

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Die großen Momente der EM: Silvas Tor gegen Irland; natürlich Pirlos Elfmeter; Xabi Alonsos Kopfballtor gegen Frankreich; dann Sergio Ramos’ Elfmeter gegen Portugal; Balotellis zweites Tor gegen Deutschland (ohne Trikotausziehen); allgemein die Abwehrstärke der Spanier, die nicht genug gewürdigt wird. An den Deutschen gefiel mir das bescheidene Auftreten. Gelegentlich blitzte bei ihnen so etwas wie Spielkunst auf. Die Gomez-Tore waren wunderbar, aber sie sind schon wieder so lange her, dass man sich am Kopf kratzt, wenn man an sie denkt. Und gegen Italien hätte Klose spielen sollen. Podolski wiederum hätte so wenig auflaufen sollen wie Gomez. Aber mit dieser Meinung bin ich wohl nicht allein, und nachher ist man immer schlauer.

Wahrscheinlich habe ich viele wichtige Augenblicke vergessen. Nicht so schlimm. Fußball erneuert sich. Nur wir erneuern uns nicht.

Gerade ist wieder eine E-Mail gekommen, ich gebe Sie Ihnen frisch weiter:

“My name is Violetta Scola and I’m working at Euromonitor International. I would be happy to provide you with statistic data, insights and comments by our experts, in support of your article. I thought you might be interested in receiving more insights regarding a breaking news about Grupo Modelo. In a $20.1 billion cash deal announced this morning, Anheuser-Busch InBev will take full control of Mexico-based Grupo Modelo, which makes Corona Extra.”

Solche Nachrichten laufen hier am späten Nachmittag so ein, in diesem Englisch und bei 34 Grad. Ich werde Violetta nicht antworten. Aber es könnte sein, dass ich mir demnächst ein Bierchen aufknacke. Kein Modelo, etwas anderes.

Da fällt mir ein, dass ich heute mittag mit Javier Marías gesprochen habe. Ich habe ihn gefragt, was er für das Finale tippt. Er sagte: 52% für Spanien, 48% für Italien. Das fand ich interessant, aber die einzig korrekte Form, den Tip in ein Torergebnis zu übersetzen, wäre 52:48. Als mir das einfiel, hatten wir leider schon aufgelegt. Hier also mein Tip: 2:0 für Spanien. Keine Angst vor Balotelli, sage ich. Respekt vor Pirlo, aber früher stören, als das die Deutschen getan haben.

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                                                                   [ Fotos : Sanchos Esel ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Iniesta, Fußball, Balotelli

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).