Berührt, geführt

Verbessere dein Schach! Aber wie?

Der beste Rat, der je für Schachspieler gegeben wurde, kommt von José Raúl Capablanca und lautet „Wenn Du einen guten Zug siehst, mache ihn.“ Vor mir liegt ein Buch mit dem schlichten Namen „Chess“, das daraus die Konsequenz gezogen hat. Geschrieben, wenn man es überhaupt schreiben nennen will, hat es László Polgar. Der heute siebzigjährige Ungar ist als Vater der Polgar-Schwestern Zsuzsa, Sófia und Judit Polgar bekannt geworden, mit denen er eines der berühmtesten und erfolgreichsten pädagogischen Real-Experimente gemacht hat: Häusliche Erziehung, die ganz auf die Entwicklung einer spezifischen Begabung gerichtet war, eben der des Schachspielens.

Aber nicht darum soll er uns jetzt interessieren, sondern als Autor von „Chess“ (Black Dog & Leventhal Publishers, New York 2013, 1104 Seiten, 23 Euro), das vor gut zwanzig Jahren erstmals erschien. Das Buch enthält nämlich, nach kurzen Erklärungen der Schachregeln und –figuren, nichts anderes als fünftausend und noch ein paar Aufgaben: 306 mal Matt in einem Zug, 3412 mal Matt in zwei Zügen, 744 mal Matt in drei Zügen, 600 Kombinationen aus Partien, 144 einfache Endspiele und 128 Polgar-Schwestern-Kombinationen aus Turnieren. Diagramm auf Diagramm.

Zum Beispiel dieses aus der Partie Stein-Portisch, Stockholm 1962:

Weiß am Zug.

Es dürfte nicht viele Schachbücher geben, die mit so wenig Worten auskommen. Sein Schach zu verbessern, scheint Polgar sagen zu wollen, gelingt am besten, wenn man eine Aufgabe nach der anderen löst.

Das sehen heute gewaltige Mengen von Schachliteratur anders. Jeden Monat erscheinen neue Bücher und DVDs, die sich an Spieler mittlerer Stärke mit Titeln und Untertiteln wenden wie: „Pump Up Your Rating: Unlock Your Chess Potential“, „Tune Your Chess Tactics Antenna“, „Finding Tactical Solutions in Overwhelming Positions“, „How to Convert Advantages in Chess“, „Improve Your Middlegame Play“, „Improve Your Chess Pattern Recognition“, „Winning Advantage with Bad Pawns“, „Control the Center“, „Ultra Deep Strategy Techniques of the Super GMs“ und so weiter.

Ein wenig mutet diese Literatur an wie Bücher, die ihren Lesern versprechen, durch bestimmte Diäten oder Make-up-Techniken so schön werden zu können wie Gwyneth Paltrow. Nicht, dass es keine interessanten Titel darunter gäbe. Und zu lesen, was Viktor Moskalenko, Andrew Soltis oder Joel Benjamin zu sagen und zu zeigen haben, kann nicht schaden. Doch die Vorstellung, dass man mehr Partien gewinnt, nachdem man sich durch all diese Verbessere-Dich-Bücher durchgearbeitet hat, dürfte für viele Spieler illusorisch bleiben.

Es geht um Welträtsel

Einerseits ist der Spezialisierungsgrad ungeheuer: „Wie man auf Gewinn spielt, wenn Weiß die Spanische Eröffnung umgeht.“ Die Sorgen möchte ich haben. Manchmal hat man den Eindruck, das Schachbücherschreiben ist wie ein Durchreichen von Wissen von oben nach unten, ohne dass unten die Fragen gestellt würden, für die man oben die Antworten hat. Die ultratiefen Strategien der Supergroßmeister nützen – bei allem Unterhaltungswert, den sie für jeden Schachspieler haben – am Ende vielleicht nur Großmeistern oder denen, die kurz davor stehen, einer zu werden.

Anderseits werden Welträtsel behandelt: „Wann man abtauschen soll.“ Ob die Antwort wohl anders lauten kann als „Kommt darauf an“ oder „Wenn es vorteilhaft ist“? Schließlich umwerben Dutzende von Repertoire-Vorschlägen – „1. d4 siegt!“ (manchmal, müsste man ehrlicherweise ergänzen) – den Käufer. Der steht, wenn er diesem Werben nachgegeben hat und dann alles besitzt, was es über Möglichkeiten gibt, sich gegen Grünfeld zu wehren, ohne Trompowsky spielen zu müssen, am Ende leicht da wie die Besitzer der tollsten Kochbücher, die nach einem Jahr feststellen, dass sie wieder nur dieselben zehn Gerichte zubereitet haben. In meiner Jugend habe ich Wochen damit zugebracht, die Polugajewsky-Variante im Najdorf-Sizilianer zu studieren – und hatte nicht eine einzige Partie damit.

Die Gründe, aus denen Partien verloren gehen, haben wiederum meistens wenig mit den Rezepten zu tun, die man vorher studiert hat. So wie es auch bei den meisten Kochversuchen ist, die verlorengehen. Wer es darauf anlegt, unterstützt von ultratiefen Supergroßmeistern das schachliche Pendant zu „Mit Hecht gefüllte Kürbisblüten an Buttermilchterrine im Räucherlachsmantel“ hinzubekommen, muss – „Hhm, interessant“ – mit den Ergebnissen leben.

Einer der klügsten und zugleich unterhaltsamsten Schach-Ratgeber der vergangenen Jahre nimmt manche dieser Zweifel am Rezeptwissen auf: „Erst ziehen, dann denken“ von Willy Hendriks (Verlag New in Chess, 2014, 256 Seiten, 22,80 Euro). Es beginnt mit diesem Diagramm:

Und mit den Sätzen: „Ja, ich halte mich für eine rationale Person. Ja, ich habe in dieser Stellung  20….Kb8 gespielt. Nein, ich war nicht in Zeitnot. Habe mehr als zehn Minuten an diesem Zug überlegt.“

Was Hendriks, der ein holländischer Internationaler Meister mit einer Elo-Zahl um 2400 ist, damit sagen will: Er hat zehn Minuten lang nicht gesehen, was es mit diesem Zug auf sich hat, sondern allgemeine Erwägungen angestellt, über Angriff und Verteidigung, den einen und den anderen Flügel oder was immer. Das eigene Spiel, heißt das, verbessert man nur durch Auseinandersetzung mit konkreten Stellungen.

Es müssen dabei die guten Züge nicht immer sofort entscheidende, immer Matt- Züge oder Gewinnkombinationen sein, wie bei Polgar. Alle längeren Texte jedoch, in denen Strategien, Prinzipien, Regeln, Muster angeboten werden, sind ihrerseits im entscheidenden Moment oft irreführend.

Nicht gut begründet entscheidet sondern gut gemacht

Eine Stellung auf ihre Charakteristiken hin untersuchen, dann einen allgemeinen Plan ausarbeiten, schließlich konkrete Züge aus diesem Plan ableiten – so, meint Hendriks, wird Schach nicht gespielt. Interessante Stellungen auf dem Brett erläutern keine allgemeinen Wahrheiten.

Gute Züge im Sinne von Capablanca findet man dabei oft, weil man ähnliche Motive in anderen Stellungen schon gesehen hat, weil man „diese Art Zug“ kennt. Wenn man hinterher begründet, warum sie gut waren, darf man sich nicht einbilden, man sei auch über diese Begründung zu ihnen gekommen.

Das ist, wovon es in Hendriks Buch viele gibt, eine fast schon philosophische Einsicht. Gute Dinge – Schachzüge, Paarbeziehungen, Suppen, Theorien, Bilder – sind nicht gut, weil sie gut begründet, sondern insofern sie gut gemacht sind.

(In der Partie Stein-Portisch ging es übrigens in der Diagrammstellung mit: 19. Sxg7 Lxc4 20. Lf6 Le7 21.Df3 und großem Vorteil weiter. Auf 19. … Kxg7 wäre 20. Lf6+ Kg8 21. Dh5 Te8 22. Dh6 Lf8 23. Dg5 gefolgt. Und auf 19. Sxg7 Lxc4 20. Lf6 Lxe2 einfach 21. Sf5+ Kg8 22. Sh6#).