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Kasparows Wiedergänger triumphiert im Dortmunder Eliteturnier

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Jedes Jahr im Juli ist Dortmund für die Dauer eines hochkarätigen Einladungsturniers die Hauptstadt der Schachwelt. Die Weltmeister Anatoli Karpow, Garri Kasparow, und Wladimir Kramnik haben vielfach in Dortmund gespielt, aber das 1973 ins Leben gerufene Turnier gewinnt seinen Reiz auch durch das Kräftemessen der absoluten Weltspitze mit deutschen Spitzenspielern. So bezwang Robert Hübner, langjährige deutsche Nummer Eins und mehrfacher WM-Kandidat, Garri Kasparow anno 1992 (was letzteren nicht davon abhielt, das Turnier zu gewinnen), und 2002 mischte Christopher Lutz bei einer Sonderausgabe des Turniers mit, die den Herausforderer für den damaligen Champion Wladimir Kramnik ermittelte.

Nur einmal, im Jahre 2005 durch Arkadij Naidtisch, konnte ein Deutscher das Turnier gewinnen; den unangefochtenen Rekord hält der Russe Wladimir Kramnik mit 10 Turniersiegen bei sage und schreibe 22 Teilnahmen. Sein letzter Turniersieg datiert allerdings aus dem Jahre 2011 – in den letzten Jahren musste er sich mehrfach dem Italo-Amerikaner Fabiano Caruana beugen, den viele als den heißesten Anwärter auf Magnus Carlsens Weltmeisterthron sehen; für den WM-Zweikampf in diesem November qualifizieren konnte er sich allerdings wieder nicht.

Kramnik und Caruana, vor Turnierbeginn die Nummer Zwei und Drei der Welt, waren auch dieses Jahr wieder am Start; der Franzose Maxime Vachier-Lagrave, zuletzt in hervorragende Form, war der Dritte im Bunde der Dortmunder Top-Ten Spieler. Der Europameister des Jahres 2015, Jewgeni Najer (Russland), der Kubaner Lenier Dominguez und der Sieger der K.O.-WM des Jahres 2001, Ruslan Ponomariov (Ukraine), sollten ihnen das Leben schwermachen. Die deutschen Fahnen hielten Rainer Buhmann und der aus Rumänien gebürtige und in vielen Topwettbewerben gestählte Liviu-Dieter Nisipeanu hoch. Während Nisipeanu, dessen Mähne an einen Rockmusiker erinnert, schon rein äußerlich Erfahrung und Sicherheit ausstrahlt und ein starkes Turnier spielte, konnte Buhmann während seiner Dortmunder Premiere die Nervosität nie ganz ablegen.

Fehlgriff in Runde 1

Das Turnierambiente genügte gehobenen Ansprüchen, ohne die für das Ruhrgebiet typische Bodenständigkeit zu verlieren. Morgens maßen zahlreiche Amateure bei aufgebrühtem Kaffee, Mettbrötchen und Bratwurst vom Schwenkgrill ihre Kräfte im Dortmunder Haus der Jugend. Nachmittags zog der Tross ins Orchesterzentrum des Landes NRW weiter um den Topspielern auf der Bühne zuzuschauen. Der Zuspruch war lebhaft: zeitweise waren mehrere hundert Zuschauer gleichzeitig im Saal. Dank großmeisterlicher, per Kopfhörer zuschaltbarer Kommentare aus dem Off (Klaus Bischoff und Sebastian Siebrecht) blieb es selbst dann kurzweilig, wenn die Cracks eine halbe Stunde über eine positionelle Feinheit nachdachten. Eine speziell für dieses Turnier erstellte Fotoausstellung zu Stefan Zweigs “Schachnovelle” rundete das Angebot ab.

Die Weichen für den Turnierverlauf wurden bereits in der ersten Runde gestellt, als Caruana und Vachier-Lagrave, beide für ihr prinzipielles Spiel bekannt, aufeinanderprallten. Es entwickelte sich ein spannendes Duell, in dem Caruana in einer scharfen Stellung fehlgriff und von Vachier-Lagrave kühl ausgekontert wurde. Dieser Sieg mit den schwarzen Steinen, vergleichbar einem Auswärtssieg im Fußball, verlieh Vachier-Lagrave Flügel. Dank seines ebenso energischen wie präzisen Spiels stand er bereits vor der letzten Runde als Turniersieger fest. Hier ein Beispiel für sein starkes Spiel:

Maxime Vachier-Lagrave (Weiß) gegen Rainer Buhmann (Schwarz), 4. Runde. Mit dem Bauernopfer 30. c5! entfesselte Vachier-Lagrave das Potential seiner Figuren. Buhmann fand die beste Verteidigung (30. …Tc5:) nicht und musste sich nach 30. …Dc5: 31. Sc4 Ta7 32. Sd6: Kg7 (32. …Td7 ist zäher) 33. Df3 Dc6 34. Lf7: Te7 35. La2 geschlagen geben.

Caruana wiederum beschränkte sich nach der Auftaktniederlage darauf, den Schaden zu begrenzen. Der andere Favorit, Wladimir Kramnik, spielte sehr kreativ und unternehmungslustig, aber ohne Fortüne. Auch andere Spieler konnten Vachier-Lagrave nicht gefährden. Hier noch ein Beispiel für Kramniks imposantes Spiel in Dortmund:

Wladimir Kramnik (Weiß) gegen Rainer Buhmann (Schwarz), 3. Runde. Kramnik, der bereits zwei Figuren für Angriff geopfert hatte, gab mit 26. Df8:+ nun auch die Dame. Das überspannt den Bogen (besser ist 26. Ld4); nach 26. ..Kf8: 27. Td5: Lg6! sollte Schwarz gewinnen. Nach dem schwächeren 27. …Lh7?! konnte Kramnik spektakulär ins Remis flüchten: 28. b3 Ke8 29. g6! Lg6: 30. Th8+ Ke7 31. f5! und der weiße Angriff kompensiert den Materialrückstand.

Vachier-Lagrave, 26 Jahre alt, ist auf Topniveau kein Unbekannter und zeichnet sich vor allem durch sein scharfes, auf konkrete Berechnung und prinzipielle Eröffnungswahl basierendes Spiel aus. Damit verweigert er sich dem Trend zur flexiblen, scheinbar anspruchslosen Partie-Anlage, den Weltmeister Carlsen popularisiert hat und erinnert unter allen Topspielern am meisten an die Legende Garri Kasparow.

Mit dem Sieg in Dortmund und dem Vorstoß auf den zweiten Platz der Weltrangliste hat der Franzose seine Ambitionen auf ein WM-Macht gegen den gleichaltrigen Carlsen untermauert. Es wäre ein Aufeinandertreffen ganz verschiedener Herangehensweisen, eine große Herausforderung für den norwegischen Champion, und äußerst spannend für das Schachpublikum. In Carlsens Lager wird man das Dortmunder Ergebnis jedenfalls aufmerksam verfolgt haben.

Ein Porträt von Maxime Vachier-Lagrave, den wir in Dortmund getroffen haben, erscheint übrigens in den nächsten Tagen in diesem Blog.

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