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Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Die Chili im Currytopf

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Interviews mit Spielern der Weltelite sind keine einfache Aufgabe, warnt mich ein Kollege im Pressezentrum. “Meistens bekommt man da nichts Interessantes raus. Professionell, aber langweilig.” Die 6. Runde des Dortmunder Eliteturniers am Wochenende war gerade zu Ende gegangen und ich gratuliere dem französischen Spitzen-Großmeister Maxime Vachier-Lagrave zu Partiegewinn und souveränem Turniersieg. Maxime, est-ce que vous avez dix minutes pour un grand quotidien allemand? – Oui, bien sûr.

"MVL" nimmt den Siegerpreis in Dortmund entgegen.© Dortmunder Schachtage„MVL“ nimmt den Siegerpreis in Dortmund entgegen.

Es werden deutlich mehr als zehn Minuten, obwohl “MVL” gerade eine lange Partie gegen den Ukrainer Ruslan Ponomariov gespielt hat. Von der Etikettierung als “friendly nerd”, die sein Kollege Anish Giri vorgenommen hat, stimmt nur der erste Teil. Vachier-Lagrave, Jahrgang 1990, ist ein zugänglicher junger Mann, der mit ruhiger Stimme und ohne viel Gebaren intelligente Antworten gibt und auch äußerlich—ungezwungene, aber korrekte Kleidung, pffiffige Brille—keineswegs einem Fachidioten gleicht. Auf Twitter zeigt er mit der Selbstbezeichnung als “chess patzer” und “crazy gambler” Humor, aber er ist auch ein großer Sportfan: Seine Bewunderung für Roger Federer springt ins Auge, im Fußball schlägt sein Herz für den Olympique Lyonnais sowie Les Bleus, und selbst hält er sich mit Laufen fit. Letztes Jahr hatte er zudem einen Cameo-Auftritt im Kinofilm “Le Tournoi” – als Kanonenfutter für einen berühmten Schachmeister in einer Blindsimultan-Vorstellung.

Maxime Vachier-Lagrave wurde bereits mit 14 Jahren Großmeister und mit 16 erstmals Französischer Meister. Mit 19 folgte die Juniorenweltmeisterschaft und kurz darauf ein Bachelor-Abschluss in Mathematik. Danach entschied er sich für die Laufbahn Schachprofi.

Doch zunächst stagnierten seine Leistungen. Äußere Einflüsse mögen dabei eine Rolle gespielt haben: Sein langjähriger Trainer Arnaud Hauchard war in die Betrugsaffäre um den gleichaltrigen Sebastien Feller verwickelt. Sein Notebook, auf dem zahlreiche Varianten und Analysen gespeichert waren, wurde unter nie aufgeklärten Umständen gestohlen. Schließlich erhielt er trotz starker Leistungen weniger Einladungen zu hochkarätigen Turnieren als vergleichbare Spieler. Die Einladung nach Dortmund war überfällig.

Hier spielt "MVL" gegen den früheren Weltmeister Vishy Anand.© Dortmunder SchachtageHier spielt „MVL“ gegen den früheren Weltmeister Vishy Anand.

Nur die Veranstalter eines starken Turniers haben Vachier-Lagraves Talent früh erkannt und ihn immer eingeladen: das jährliche Schachfestival in Biel, wo er seit dem Jahr 2008 schon viermal gewonnen hat. 2009 schlug er dort den Russen Alexander Morosewitsch in einer verrückten, rationaler Annäherung beinahe unzugänglichen Partie, die manche für die beste des noch jungen Jahrhunderts halten. Inzwischen in die absolute Weltelite aufgestiegen erweist sich Vachier-Lagrave den Bieler Organisatoren als dankbar: Um bei der an diesem Samstag beginnenden 49. Auflage des Festivals dabei zu sein, hat er durchgesetzt, dass er bei seinem folgenden, wesentlich stärker besetzten Turnier im amerikanischen St. Louis später anreisen darf als die anderen Spieler.

Alexander Morosewitsch (Weiß) gegen Maxime Vachier-Lagrave (Schwarz), Biel 2009. Mit 27. …Th7!! gab Vachier-Lagrave hier einen Turm, um Mattmotive auf der a2-g8-Diagonalen aus der Stellung zu nehmen. Morosewitsch lehnte das Opfer mit 28. Te1 ab – die korrekte Entscheidung. Nach 28. …Lc6: 29. Dc6: Ld4 und vielen weiteren Abenteuern gewann Vachier-Lagrave schlußendlich.

Worüber er gerne ein Schachbuch schreiben würde? Über ungleiche Materialverhältnisse wie Dame gegen Turm und Leichtfigur(en): komplexe Stellungsbilder, in denen es wenig Regeln gibt, in denen beinahe alles auf Basis konkreter Berechnung entschieden werden muss. Wie in seiner Partie gegen Morosewitsch. Was er über die Rolle der Eröffnungen im modernen Schach denkt? Sie zu studieren sei Voraussetzung um in einem späteren Partiestadium Kreativität zu entwickeln.

Vachier-Lagrave ist einer der wenigen Topspieler, die nahezu ausschließlich mit dem klassischen 1. e4 eröffnet; nach diesem prinzipiellen Zug rühren viele Gegner Beton an. Auch in der Weltelite. Um das Spiel nicht verflachen zu lassen, muss man bereits in der Eröffnung eine kreative Idee präsentieren. Anspruchslos aufzuschlagen und den Gegner langsam in seinen eigenen Netzen zu fangen, eine Spezialität der Weltmeister Anatoli Karpow und Magnus Carlsen, ist seine Sache nicht.

Unter allen heutigen Topspielern hat Vachier-Lagrave vielleicht die größte Ähnlichkeit mit der langjährigen Nummer Eins Garri Kasparow. Vachier-Lagraves Schwarzrepertoire basiert auf messerscharfen Eröffnungen (Grünfeld-Indisch und die Najdorf-Variante der sizilianischen Verteidigung), die zu Kasparows Lieblingswaffen gehörten und starke Rechenfähigkeiten sowie ein extrem gutes Gedächtnis verlangen. Während viele Topspieler mit Schwarz die Sicherheit an erste Stelle setzen und mit einem Remis mehr als zufrieden sind, stürzt sich Vachier-Lagrave in ein unübersichtliches Spiel auf drei Ergebnisse: Sein Spiel ist die Chili im Currytopf eines Topturniers. Auch diese Freude am spannungsgeladenen Spiel erinnert an den großen Kämpfer Kasparow.

Seine Vorbilder sind…

Als Vorbild nennt Vachier-Lagrave allerdings nicht Kasparow, sondern den Sowjetrussen David Bronstein und den legendären Amerikaner Robert James Fischer. Bronstein war einer der besten Spieler seiner Zeit und verpasste im Jahr 1951 nur knapp den Weltmeistertitel, als er ein Match gegen Titelverteidiger Botwinnik 12:12 unentschieden gestaltete. Berühmt war er vor allem für seine Intuition und sein kreatives Angriffs- und Kombinationsspiel. Fischer hingegen, der 1972 das “Match des Jahrhunderts” gegen Boris Spassky gewann, war ein Meister des konkreten Spiels und der technischen Präzision. Ein seltsamer Gegensatz? Nur auf den ersten Blick. Beide waren Ausnahmeerscheinungen in ihrer Zeit, nicht nur wegen ihrer Spielstärke, sondern auch wegen ihres sehr individuellen Stils und ihrer ausgeprägten Persönlichkeit. Der charismatische Bronstein kam mehrfach in Konflikt mit dem Sowjetsystem, während der Exzentriker Fischer auch wohlgesinnte Kräfte verprellte und sich letztlich alleine gegen die versammelte sowjetische Schachschule durchsetzen musste.

Vachier-Lagrave ist konzilianter im Auftreten, aber auch bei ihm ist ein starker Wille zu verspüren, seinen eigenen Weg zu gehen und seinem unverwechselbaren Stil treu zu bleiben. Daneben verkörpern Bronstein und Fischer zwei unterschiedliche Aspekte des Angriffsspiels: den Mut, sich in unkontrollierbare Verwicklungen zu stürzen und präzise, auf konkrete Faktoren gestützte Berechnung. Sowohl der romantische als auch der logisch-analytische Zugang finden sich im Spiel des studierten Mathematikers Vachier-Lagraves. Manche finden diesen Stil computerartig, sie verkennen die Faszination unübersichtlicher, irrationaler Stellungen, die man weder kontrollieren noch anhand allgemeiner Prinzipien erschließen kann. Ebenso wie Fischer macht Vachier-Lagrave sehr wenige Fehler, und seine vielleicht größte Schwäche ist stilbedingt: Manchmal agiert er selbst dann auf der Basis konkreter Varianten, wenn der richtige Zug eher aus abstrakten Einschätzungen und langfristigen Überlegungen folgt.

Vachier-Lagrave hat im letzten Jahr stark gespielt, aber abgesehen von einem geteilten ersten Platz bei den London Chess Classics 2015 blieb ihm ein großer Erfolg versagt. Das Moskauer Kandidatenturnier fand ohne ihn statt, und statt seiner wird nun Sergej Karjakin den Weltmeister herausfordern. Beim Durchspielen seiner Partien fiel mir zudem auf, dass seine Gegner häufig Vereinfachungen und Stellungen mit wenig Würze anstreben. Kaum einer lässt sich auf einen offenen Schlagabtausch ein. Zuletzt wählten beinahe alle Topspieler gegen ihn die Berliner Verteidigung der Spanischen Partie, die für ihre Solidität und Tendenz zum Unentschieden berüchtigt ist. Beim letzten Topturnier in Stavanger glückte es Vachier-Lagrave kein einziges Mal, diese “Berliner Mauer” zu durchbrechen.

Jetzt, in Dortmund, gelang ihm endlich ein voller Punkt gegen diese Eröffnung. Und auch sonst lief es rund: Fabiano Caruana, Nummer drei der Welt, spielte gegen ihn in der ersten Runde auf Gewinn, aber verlor im Mittelspiel den Faden und Vachier-Lagrave konterte ihn kühl aus.

Fabiano Caruana (Weiß) gegen Maxime Vachier-Lagrave (Schwarz), Dortmund 2016. Mit 39. …Tg5:! sackte Vachier-Lagrave hier einen zweiten Bauern ein. Caruanas Verzweiflungs-Angriff wurde leicht abgeschlagen: 40. h6 gh6: 41. Tf2 Dd7 42. Sf5 De6 und Weiß gab auf. Dadurch zusätzlich angespornt erreichte Vachier-Lagrave 5,5 Punkte aus 7 Partien. Ein seltenes Ergebnis in einem Turnier dieser Stärke.

Zum Abschluss wünsche ich Maxime viel Glück beim Erreichen seiner Ziele. „…pour vous, ça veut forcement dire: devenir champion du monde?“ Er nickt bestätigend, ohne Anzeichen einer inneren Regung und schüttelt mir freundlich die Hand. Nicht nur für ihn, sondern auch für viele Schachfans, denen das Spiel der Elite zu sehr auf Kontrolle fixiert ist, ginge damit ein Traum in Erfüllung.

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