Berührt, geführt

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Patzer in St. Louis

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Der frühere Weltmeister Vishy Anand (m.) und die beiden Spitzenspieler "MVL" (r.) und Fabio Caruana.© Sinquefield CupDer frühere Weltmeister Vishy Anand (m.) und die beiden Spitzenspieler „MVL“ (r.) und Fabio Caruana.

Rex Sinquefield, der aus ärmlichen Verhältnissen kommend Milliardär wurde und das seinem am Schach geschärften Verstand zuschreibt, ist mindestens in der westlichen Hemisphäre der bedeutendste Schachmäzen. Dank seiner Zuwendungen hat St. Louis die Weltstadt New York als Zentrum des amerikanischen Schachs abgelöst. Sein Geld hat den Ausnahemspieler Fabiano Caruana vom italienischen Verband zurück in die Vereinigten Staaten gelockt. Genauso wie Hikaru Nakamura hat Caruana nun eine Wohnung in St. Louis. Und Amerikas Nummer drei, der von den Philippinen abgeworbene Wesley So, hat sich nur ein paar Autostunden entfernt niedergelassen.

Im Jahr 2014 steckte Sinquefield mehrere Millionen in Garri Kasparows Anlauf, Kirsan Iljumschinow an der Spitze des Weltschachbunds Fide abzulösen. Kasparow unterlag mit 60 zu 111 Stimmen, hat aber seine Opposition nicht eingestellt, sondern in Konkurrenz zum mehr schlecht als recht funktionierenden Grandprix der FIDE im Jahr 2015 die Grand Chess Tour ins Leben gerufen.

Wegen Nähe zu Putin nicht eingeladen

Der Sinquefield Cup und das London Chess Classic im Dezember sind Teil dieser mit 1.050.000 Dollar dotierten Serie, die nun allerdings kriselt: Das Weltklasseturnier im norwegischen Stavanger ist dieses Jahr ausgestiegen. Und Weltmeister Magnus Carlsen passte die Teilnahme in einem WM-Jahr nicht in den Zeitplan.

Neben Carlsen fehlen zwei weitere Spieler der aktuellen Top Ten. Sein Herausforderer Sergej Karjakin wurde wegen seiner politischen Nähe zu Putin gar nicht eingeladen. Exweltmeister Wladimir Kramnik hat kurzfristig wegen eines Rückenleidens abgesagt. Damit kündigt sich möglicherweise die Rückkehr der schweren Arthritis an, unter der er 2005 und 2006 litt. Für Kramnik eingesprungen ist ein anderer Russe, Peter Swidler. Ein Glücksgriff war das allerdings nicht.

Anand trumpft auf

Wohl angewidert von seinen Patzern gab Swidler seine beiden ersten Spiele in Stellungen auf, die fast alle anderen Beteiligten noch weitergekämpft hätten. Überhaupt wurde in den zwei ersten Runden des nun gestarteten Turniers zwar fehlerreiches aber interessantes Schach geboten. Langweilig war es nur jeweils am Brett von Ding Liren, der nach zuletzt schwachem Spiel in China keine Risiken eingehen und erst einmal wieder Selbstbewusstsein fassen wollte. Hikaru Nakamura, der vor drei Wochen erstmals eine lange Partie gegen Carlsen gewonnen hatte, verlor nun erstmals bei langer Bedenkzeit gegen Wesley So. Tags darauf schlug Nakamura dafür Anish Giri, der anscheinend in eine Formkrise geschlittert ist.

Die Partien können außer am spielfreien Mittwoch täglich ab 20 Uhr live verfolgt werden (hier). Besonders bemerkenswert ist Maxime Vachier-Lagraves Niederlage gegen Viswanathan Anand, dem mit 46 Jahren ältesten Teilnehmer. Der kürzlich hier vorgestellte Franzose, der gerade durch Siege in Dortmund und in einem Freundschaftsmatch gegen Swidler in Biel auf Platz zwei der Weltrangliste geklettert ist, findet sich in ungewöhnlichen Stellungsbildern meist sehr gut zurecht. Er konnte den früheren Weltmeister aus Indien zwar bei vollem Brett und offener Stellung daran hindern, seinen König durch eine Rochade in Sicherheit zu bringen, verlor aber später, wohl durch einen Rechenfehler, die Kontrolle.

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