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Wesley So räumt in St. Louis ab

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Wie so oft in seiner Karriere ist der Ehrgeiz mit Wesselin Topalow durchgegangen. Hätte der Bulgare, der in der Übergangszeit zwischen Garri Kasparows Abritt und Magnus Carlsens Aufstieg zeitweise die Nummer eins im Schach war, hier mit seiner schwarzen Dame den weißen c-Bauern geschlagen, hätte er diese Partie in der sechsten Runde des Sinquefield Cups in Saint Louis eigentlich nicht verlieren können.

Er hätte seine Führung im Turnier behauptet und es wahrscheinlich gewonnen. Stattdessen zog Topalow 32… Te5. Übersah er, dass Weiß nach 33.b4 Lg5 seinen e-Bauern nicht decken brauchte, sondern mit 34.Td1! Lxe3 35.Dd7 beziehungsweise 34. … Tx3 35.Dd5 einfach eine Gewinnstellung herbeiführen konnte? Jedenfalls ergriff sein Gegner Wesley So die gebotene Chance, übernahm den ersten Platz und gab ihn nicht wieder her. Zwei Siege und sieben Remis genügten ihm in dem ausgeglichenen Spitzenfeld um amerikanischen Weltklasseturnier für den ungeteilten ersten Platz.

Der 22 Jahre alte So ist derzeit mit einer pragmatischen, risikoarmen Spielweise erfolgreich und war zuletzt kaum zu schlagen. Ganz im Gegensatz etwa zum gleichaltrigen Anish Giri, noch vor kurzem selbst das Sinnbild von Solidität, der in Saint Louis nun aber wie schon im spanischen Bilbao vor einigen Wochen Letzter wurde.

Wesley So hat sich im Topturnier in St. Louis durchgesetzt.© Lennart Ootes / Grand Chess TourWesley So hat sich im Topturnier in St. Louis durchgesetzt.

So ist auf den Philippinen aufgewachsen. Vor sechs Jahren übersiedelte seine Familie nach Kanada. Im Jahr 2012 kam er mit einem Stipendium der Webster University nach Saint Louis. Das Studium lag ihm nicht. Nach seinem 100.000 Dollar-Sieg beim Millionaire Chess Open im Jahr 2014 in Las Vegas brach er das Studium ab, um sich ganz aufs Profischach zu konzentrieren.

Ein Schach-Stipendium, das zum Leben reicht

Etwa zur gleichen Zeit traf er zwei weitere Lebensentscheidungen: Er wechselte zum amerikanischen Schachverband, und er brach mit seinen Eltern. Lotis Key, eine frühere Schauspielerin, die nun seine Managerin und so etwas wie seine Ersatzmutter ist, und ihr Ehemann Renato Kabigting, ein Amateurschachspieler, haben ihn in ihr Haus in Minnetonka, Minnesota aufgenommen. So und seine Ersatzeltern geben sich sehr religiös.

Voriges Jahr wirkte sich der Bruch in seinem Leben zeitweise auf seine Resultate aus. So enttäuschte bei der amerikanischen Meisterschaft und beim Sinquefield Cup, wo er mit einer Wildcard antrat und Letzter wurde. Kurz darauf gewann er in Bilbao, und seitdem geht es aufwärts.

Nun wurde ihm außerdem das Samford-Schachstipendium zugesprochen, das mit 42.000 amerikanischen Dollar im Jahr dotiert ist und gewöhnlich im zweiten Jahr verlängert wird. Das amerikanische Team mit So und den ebenfalls erstklassigen Spielern Fabio Caruana und Hikaru Nakamura startet nun am 1. September in Baku als einer der Favoriten in die Schacholympiade.

Carlsen nicht dabei

Der Sonntagnacht zu Ende gegangene Sinquefield Cup (Endstand und Partien zum Nachspielen hier) ist Teil der von Garri Kasparow initiierten Grand Chess Tour, in der So nun die allerbesten Chancen auf den Gesamtsieg und damit 100.000 Dollar Bonus hat. Er führt die Gesamtwertung vor Nakamura und dem aus Armenien stammenden Levon Aronjan an. Weltmeister Carlsen hat wegen der anstehenden WM im November darauf verzichtet, die ganze Tour zu spielen und hat selbst mit einer weiteren Wildcard im abschließenden Turnier im Dezember in London und einem Sieg dort keine Chance auf den Bonustopf.

Siebzig Prozent der Partien des Sinquefield Cups endeten ohne Sieger, und ohne einige Einsteller in den ersten Runden, Giris Krise und Topalows Fehleinschätzung gegen So wären es noch mehr gewesen. Dabei war durchaus mehr Kampfgeist im Spiel als zuletzt in Bilbao, wo eigentlich nur Carlsen durch Risikofreude aufgefallen war.

Dass auf hohem Niveau so oft remis gespielt wird, hat mit der soliden Spielanlage zu tun, mit der Weltklassespieler ihre Gegner auszubremsen versuchen. Als Ding Liren sich in der letzten Runde auf eine scharfe Eröffnungsvariante einließ, lief er Hikaru Nakamura geradewegs in die Vorbereitung und erlaubte dem Amerikaner einen schnellen, spektakulären Sieg.

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