Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Was Schach von Go lernen kann

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In vielen Ländern ist Schach das Strategiespiel Nummer eins. Oft ist es das einzige, über das regelmäßig in den Medien berichtet wird, das als anerkannter Sport Subventionen erhält und das an Schulen Fuß gefasst hat. Kein anderes Strategiespiel ist international so verbreitet.

Schachspieler scheren sich oft nicht darum, was in anderen Denksportarten passiert. Während in Europa oder Nordamerika praktisch jeder Go-Spieler auch Schach beherrscht, können umgekehrt nur wenige Schachspieler das in Ostasien dominierende Spiel. Dabei könnte sich Schach, wie auf einer von mir mitorganisierten Tagung über Strategiespiele in der Schule an der Universität Cambridge deutlich wurde, gerade von Go allerhand abschauen.

Zum Beispiel beobachte ich im Schach eine Verschlechterung der Manieren: Da gibt es unangebrachte Remisangebote, die nur die Konzentration stören. Da werden aufgabereife Stellungen unnötig in die Länge gezogen. Die gemeinsame Partie-Nachbesprechung wird stets kürzer oder fällt ganz weg. Das ist schade. Im Go dagegen sind Höflichkeit und Respekt Teil des Spiels (geblieben). Nicht nur in Japan verbeugt man sich vor seinem Gegner. Selbst für Berufsspieler ist eine Partie erst beendet, wenn sie alle Go-Steine ihrer Farbe selbst in die Schale zurückgelegt haben.

Gleichstarke gegeneinander

Turnierschach besteht vielfach aus einseitigen Begegnungen. Obwohl Partien zwischen Spielern unterschiedlichen Niveaus oft als unbefriedigend und geradezu Zeitverschwendung empfunden werden, sind sie bei offenen Turnieren weit verbreitet. Nach dem „Schweizer System“ treffen zwar die Spieler mit gleich vielen Punkten aufeinander. Im Schach werden dabei aber unter den Punktgleichen ausdrücklich die Starken gegen die Schwachen gesetzt.

Go-Spieler wiederum bevorzugen dagegen die Mac-Mahon-Variante des Schweizer Systems, die sich dadurch auszeichnet, dass von Anfang an möglichst gleichstarke Spieler gepaart werden. Im Klub wird Go zudem gern mit Handicaps gespielt. Je nach dem Unterschied zwischen den Kyu- oder Dan-Graden der Spieler darf der Schwächere schon einige Steine setzen, bevor der Stärkere zum Zug kommt. So wird selbst aus ungleichen Begegnungen ein fairer Kampf.

Während Schachverbände darauf aus sind, dass Schach als Sport anerkannt wird, und dem Turnieschach Priorität einräumen, verstehen Go-Verbände ihr Spiel vornehmlich als kulturelles Erbe und als soziale Aktivität. Go-Partien werden gerne im Team gespielt und dabei zu zweit oder zu dritt abwechselnd gezogen. Bei den beliebten Paargo-Turnieren spielen in der Regel ein Mann und eine Frau zusammen.

Kinder sollten mit weniger Figuren anfangen

Der inzwischen in Asien und Amerika kopierte Europäische Go-Kongress ist, was die Deutschen Schachkongresse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren: Ein soziales Event mit vielen Turnieren, Spielformen, Vorträgen und Partys. Sogar Schach hatte beim letzten Go-Kongress in Sankt Petersburg einen prominenten Platz, die Schachgroßmeister Alexander Morosewitsch und Tiger Hillarp-Persson spielten simultan und bestritten einen Schaukampf in beiden Spielen.

Das Leitbild Turnierschach steht besonders bei der Vermittlung von Schach an Kinder im Weg. 16 Figuren über 64 Felder zu dirigieren überfordert Anfänger. Werden ihnen im Schnellverfahren die Züge beigebracht, taumeln sie wie durch einen Nebel. Kleine Spiele mit wenigen Figuren, die nicht nur deren Gangart einüben, sondern bei denen die Kinder bewusst von Spiel zu Spiel dazulernen, haben sich immer noch nicht durchgesetzt.

Im Go herrscht dagegen nahezu Einigkeit, dass das große Spiel auf 19 mal 19 Feldern Anfänger überfordert und sie über mehrere kleine Varianten herangeführt werden. Dazu gehören Bretter ab 7 mal 7 Feldern oder Atarigo, bei dem gewinnt, wer den ersten Stein oder wahlweise eine andere Zahl gegnerischer Steine fängt.

Über den Brettrand hinausschauen

Go wurzelt im Lernen. Der verbreitetste Ursprungsmythos lautet, dass es ein Herrscher in uralter Zeit erfand, um seinen Sohn zu erziehen. Im Go gibt es eine ausgeprägte Kultur von Lehrpartien, in denen der stärkere den schwächeren Spieler sowohl spielend als auch erklärend führt. Auf vielen Go-Turnieren stehen Berufsspieler allen Teilnehmern zur Verfügung, um laufende Partien zu erklären oder beendete Partien nach zu besprechen.

In westlichen Ländern wird Go an Schulen oder Bibliotheken oft zusammen mit Schach und manchmal auch mit Dame, Shogi, Backgammon oder Bridge angeboten. So finden sich mehr Interessierte, und sie haben dann auch eine Wahl und Abwechslung. Es lohnt sich nämlich, über den Brettrand hinaus zu schauen.

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3 Lesermeinungen

  1. Mit Go
    kenne ich mich nicht so aus, wie beim Schach, aber die Beobachtung einer Verrohung der Sitten beim Schach kann ich durchaus teilen: Aber – dies liegt unter anderem daran, dass die FIDE die Regeln derart geändert hat, dass diese Situation entstehen konnte. Z.B. durch die Abschaffung der Hängepartie ebenso wie durch die dadurch neu kreierten Bedenkzeiten, die nur noch mittels elektronischer Uhren in die Praxis umgesetzt werden können.
    Amateure und Profis werden, teilweise mit Erfolg, dazu verleitet völlig aussichtlose Stellungen weiterzuspielen, um die Zeitnot des Gegners zum eigenen Vorteil zu nutzen.
    Beispiele, die als Beweis für diese Behauptung herhalten können, gibt es genug. Eine Änderung der Bedenkzeitregelung durch die FIDE darf ebenfalls nicht erwartet werden.
    Dies ist nicht gut für das Schach im Allgemeinen und für das Amateur-Schach im Besonderen.
    Ein weiterer Vorschlag wäre es, ein Diplom für jeden Schachspieler einzuführen für den Nachweise des Mattsetze

  2. Sooo einfach ist das nicht mit dem Schach!
    Während man Go statt auf dem Standardbrett durchaus auf einem kleineren Brett lernen kann, weil bei den Spielsteinen keine Unterschiede bestehen, kann man dies nicht mit dem Schachspiel machen. Es gibt 6 unterschiedliche Spielsteine, die nach unterschiedlichen Zugregeln auf dem Brett bewegt werden. Dies kann man nicht „mal eben“ vereinfachen!

    Erfahrene Schachspieler lernen es früher oder später auch mit nominell schwächeren Gegnern zurecht zu kommen. Wer als „Erfahrener“ dreimal unverhofft matt gesetzt wurde, wird spätestens dann „erfahren“, dass man beim Spiel solange konzentriert bleiben muss, bis der Gegner seine Partieaufgabe erklärt hat.

    Ziel des Schachspiels ist das Mattsetzen. Deshalb darf jeder Spieler solange ziehen, bis er mattgesetzt wurde. Wer das als „Erfahrener“ nicht gelernt hat zu akzeptieren, der wird auch ein viertes und fünftes Mal mattgesetzt.

  3. Nicht nur Go wurzelt im Lernen – auch das Schachspiel!
    Wenn man mal bei Amazon die Anzahl der „Lehrbücher“ zu den beiden Spielen Go und Schach sucht und deren Anzahl vergleicht, kann man für das Schachspiel zumindest in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent deutlich mehr Bücher käuflich erwerben.
    Auch auf Schachturnieren stehen die Großmeister den Amateuren Rede und Antwort zu ihren spielerischen Entscheidungen, wenn sie gefragt werden.
    „16 Figuren über 64 Felder zu dirigieren überfordert Anfänger.“ Das ist doch wohl eher ein Mythos denn eine wirklich belegbare Tatsache!
    Wer als Kind von seinen Eltern nicht gelernt hat, höflich zu sein, wird es weder beim Go noch beim Schachspiel lernen und sein! Höflichkeit ist doch eher eine Frage der Kinderstube denn eines Spiels!

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