Berührt, geführt

Berührt, geführt

Das Schachblog von FAZ.NET

Wahnsinns-Partie mit 114 Zügen!

| 1 Lesermeinung

Und noch einmal zur Meisterschaft im schönen Kroatien: Zur achten Runde hatte sich der Wind gedreht: anstelle der schneidenden Bora, die für klaren Himmel und frische Temperaturen gesorgt hatte, wehte nun der warme Jugo und brachte Regen und Sturm von der Adria. Unter grellen Lichtblitzen und knallendem Donner geriet Liburnija gegen den starken Aufsteiger aus Kaštela in Rückstand (Šarić-Ivanišević 0-1) und konnte diesen nicht mehr wettmachen: alle übrigen Partien endeten remis.

Für Zagreb bedeutete dieses Ergebnis die zweite Luft im Meisterschaftsrennen, aber der bereits abgestiegene ŠK Brda (Split), für den auch ich spiele, leistete erbitterten Widerstand. Iwantschuk und Malachow kamen an den Spitzenbrettern nicht über ein Remis hinaus. Dafür holte Zagreb an den Mittelbrettern aus drei gleichen bis verlorenen Stellungen 2,5 Punkte. Beim Stand von 3,5-1,5 lief nach mehr als fünf Stunden noch die Partie an Brett sechs Susak gegen Zelčić (siehe Diagramm oben), gerade hatte Weiß im 77. Zug (!) seinen König auf das Feld f1 gestellt.

In den letzten 45 Zügen hatten beide Seiten nur hin- und hergezogen und ein Remis durch Reklamation der 50-Züge-Regel zeichnete sich ab. Allerdings hatte unser Spieler in diesem Moment übersehen, dass Schwarz chancenreich eine Figur opfern kann. Er schlug mit seinem Läufer den weißen Bauern auf dem Feld b3: 77. …Lxb3! 78. cxb3 Dxd3 79. Kg2 Dxb3

Beiden Spielern waren hier noch wenige Minuten für den Rest der Partie verblieben, zuzüglich des Bonus von 30 Sekunden pro Zug. Die Aufregung angesichts der Bedeutung der Partie war ihnen anzumerken. Vor allem Zelčić spielte nun schnell und knallte manchmal die Züge aufs Brett, als ob er eine Bocciakugel würfe – als handele es sich nicht um die womöglich entscheidende Partie einer nationalen Meisterschaft, sondern um eine Zwei-Euro-Kontra-Re-Blitzpartie in einem schummrigen Caféhaus. Die Partie ging weiter mit 80. Th1 Td3 81. Df2 Th8 82. h4 gxh4 83. g5+ Kxg5 84. Dxc5 De6 85. Th3 Tc8 86. Tf2 Th8 87. Dc5 Kf6 88. Kh2 g5 89. Tg2 Tc8 90. Df2

Nun spielte Zelčić, immer noch im Caféhausmodus, 90. …Tcc3??. Hierbei hatte er wohl nur mit 91. Txg5 Txf3 92. Txf3 Txf3 93. Dxh4 gerechnet, wonach 93. …Th3+! in ein gewonnenes Bauernendspiel abwickelt. “Šuki” wurde jedoch seinem Ruf als guter Taktiker gerecht und spielte 91. Txh4! Nun scheitert 91. …Txf3 an 92. Th6+ Kf7 (92. …Kh6 93. Txg5+) 93. Da7+! mit Matt-Angriff oder Damengewinn.  Zelčić entschloss sich zu 91. …gxh4, aber nach 92. Qxh4+ Kf7 93. Qh7+ Kf8 94. Qh8+ Ke7 95. Rg7+

war Damenverlust mit 95. …Df7 96. Txf7+ Kxf7 unvermeidbar (95. …Kd6 96. Db8+ Kc5 97. Tc7+ verliert nach 97. …Dc6 98. Db5+ oder 97. …Kd4 98. Da7+ sofort). Weiß gab ein Läuferschach auf h5, sammelte die schwarzen Bauern mit Schach ein und gewann nach sage und schreibe 114 Zügen. Im Lager von Brda ging nach dieser Partie der eine oder andere Pelinkovac – es könnte auch Orahovica oder Traravica gewesen sein – über die Wupper.

Somit nur 3,5-2,5 für die nominell weit überlegene Mannschaft aus Zagreb, und bei gleichen Mannschaftspunkten ein halber Brettpunkt Vorsprung vor Liburnija. Am folgenden Tag ging das große Finale über die Bühne, in einem halbleeren Saal. Mehrere Mannschaften, für die es um nichts mehr ging, spielten in der letzten Runde ein abgesprochenes 3-3, um noch rechtzeitig nach Hause zu kommen und eine Hotelübernachtung zu sparen. Auch dies ist leider eine regelmäßige Begleiterscheinung der kroatischen Liga. Besonders kurios war ein Mannschaftskampf, in dem die Bretter zwei bis sechs sich schnell auf Remis einigten und nur Iwan Tscheparinow, der Sekundant von Wesselin Topalow, probierte seine Partie zu gewinnen. Der vorbildliche Kampfgeist wurde letztlich belohnt.

Schnell war klar, dass die Ergebnisse im Titelrennen diesmal deutlich ausfallen würden und jedes Remis ein fataler Punktverlust sein könnte. Zagreb erteilte der bereits geretteten und wenig motivierten Mannschaft aus Sljeme die Höchststrafe: 6-0. Unter normalen Umständen hätte dies zur Meisterschaft gereicht, aber auch Liburnija fertigte den ŠK Brda, der sein Pulver sichtlich verschossen hatte, mit 5,5-0,5 ab. Damit war die Mannschaft aus Istrien bei gleichen Mannschafts- und Brettpunkten aufgrund der besseren Feinwertung einmal mehr kroatischer Meister.

Klarer Himmel zum Schluss

Die Stürme des Turniers waren vorbei. Die wechselnden Winde der Vortage waren der bonaca gewichen: klarer Himmel bei spiegelglatter See und 20 Grad im Schatten. An solchen Tagen fühlt man sich an der dalmatinischen Küste wie im Paradies auf Erden. Selbst ein Abstieg, wie meine Mannschaft ihn (erwartungsgemäß) mitmachen musste, schmerzt nach der einen oder anderen Flasche Plavac Mali nicht mehr. Und wenn man morgens mit Blick auf die glitzernde Adria aufwacht und einen Espresso trinkt, der sich mit den besten Bars Italiens messen kann, dann ist das Turnier unabhängig vom Ergebnis ein Erfolg.

Frohen Mutes machte ich mich vorbei an Olivenhainen und malerischen Küstenorten auf den Weg zum Flughafen nach Split. Selbst hatte ich passabel gespielt ohne zu glänzen. Dabei war der Start mit einer „großen Rochade“ (drei Nullen in Folge) katastrophal ausgefallen. Vor allem dank dieser Partie, die ich bereits als gewonnen abgehakt hatte. Sehen Sie, warum Schwarz nach 45. …Th6 46. Th2 besser nicht auf h4 schlagen sollte?

[Pikula-Sprenger]

5

1 Lesermeinung

  1. 46... Txh4?
    47. De5+ Dxe5 (47… Dg7 48. Txh4 Lh6 49. Txh6#) 48. Txh4+ Kg7 49. Sxe5

Hinterlasse eine Lesermeinung