Berührt, geführt

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Ungeheure Vorwürfe gegen Schachfunktionäre

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Eine Schlammschlacht zwischen dem früheren und dem heutigen Präsidenten der Europäischen Schachunion (ECU) bietet tiefe Einblicke in die Welt der Spitzenfunktionäre. Die gegenseitigen Vorwürfe reichen von Veruntreuung über manipulierte Spiele bis zu sexueller Belästigung.

Die Geschichte geht so los: Bevor die Schachpolitik sie auseinander brachte, waren sie Freunde. Als Silvio Danailow noch oben schwamm, hatte er wiederholt Gelegenheit gefunden, Surab Asmaiparaschwili ein paar Tausender zuzuschanzen. Er fühlte sich verraten, als der Georgier bekanntgab, dass er im Jahr 2014 gegen ihn kandidiert. Danailow war überzeugt, dass Asmaiparaschwili nicht aus eigener Initiative antrat, sondern als Marionette von Georgios Makropoulos, der bereits seit dreißig Jahren die Nummer zwei im Weltschachbund (FIDE) ist. Dazu passt seine Behauptung, dass Asmaiparaschwili ihm für einen freiwilligen Verzicht auf das Amt 200.000 Euro angeboten habe.

Zu Danailows Überraschung begnügte sich Asmaiparaschwili nicht mit der Macht, sondern begann, obskure Geldflüsse unter seinem Vorgänger aufzuarbeiten. Unter Danailow hatte die ECU eine Firma in Delaware und ein Konto in Slowenien unterhalten, von denen nicht einmal seine Kollegen im Vorstand wussten. Fast eine halbe Million Euro soll angeblich versickert sein. Zur Aufklärung schaltete die neue ECU-Führung die bulgarischen Behörden und sogar Europol ein. Die Ermittlungen scheinen noch anzudauern.

Daten geklaut von Kasparow?

Nun revanchiert sich Danailow mit einer Liste von Gegenvorwürfen, die er als „Lebensgeschichte von Surab Asmaiparaschwili“ und „moralisches Porträt“ bezeichnet. Manches davon war bekannt. Etwa, dass der Georgier im Jahr 1995 bei einem manipulierten Turnier in der mazedonischen Stadt Strumica fünfzig Elo-Punkte kaufte und damit in der Weltrangliste weit genug nach vorne sprang, um für große Einladungsturniere in Frage zu kommen. Dass er, als er im Jahr 2003 in Istanbul Europameister wurde, einen Zug, der sofort verloren hätte, zurücknahm und durch einen besseren Zug ersetzte. Oder dass er während der Regierungszeit von Michail Saakaschwilis Georgien verlassen musste und sich als Schachtrainer in Singapur verdingte.

Neu ist, dass Asmaiparaschwili als Offizieller während der WM im Jahr 2007 in Mexiko City von einer Hotelangestellten wegen sexueller Belästigung angezeigt wurde. Dass er Garri Kasparow, zu dessen Trainerteam er bis 1995 zählte, eine Computerdatei mit zahlreichen Eröffnungsanalysen gestohlen haben soll. Oder dass Asmaiparaschwili seit dem Jahr 2012 von der ECU-Firma in Delaware und dem Konto in Slowenien gewusst haben soll, weil er damals persönlich 15.000 Euro von dort erhalte habe. Laut Danailows Darstellung dafür, dass der georgische Verband auf eine Bewerbung um ECU-Veranstaltungen verzichtete, die dann an Bulgarien gingen.

Dank seiner Beziehungen

Asmaiparaschwili will auf unsere Nachfrage nicht zu den Vorwürfen gegen ihn konkret Stellung nehmen. Danailow habe versucht, ihn zu erpressen, und er habe bereits im März 2015 den Kontakt zu dem Bulgaren mit den Worten abgebrochen, er könne tun, was er wolle.

Wenn dem so ist, hat Danailow seine Drohung jetzt wahrgemacht. Gewählt wird in der ECU und FIDE zwar erst in zwei Jahren, doch gerade laufen im georgischen Batumi die Weltmeisterschaften der Altersklassen U8 bis U12 – eine von mehreren Großveranstaltungen bis zur Schacholympiade im Jahr 2018, die Asmaiparaschwili dank seiner Beziehungen zur heutigen georgischen Regierung in der Schwarzmeer-Stadt untergebracht hat. Und das zählt für die Schachverbände in Europa, die ihn gewählt haben, im Zweifel mehr als die Frage, welcher ihrer Präsidenten der größere Schurke ist.

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