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Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Turm h8 wäre es gewesen

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Carlsen ist sauer auf sich. Als ihm nach der fünften Partie (hier zum Nachspielen) ein Mikro hingehalten wird, sagt er nur „ich hatte Glück“ und will am liebsten sofort auf und davon. Erst macht er nichts aus seinem Vorteil, später verliert er sogar die Kontrolle über die Stellung. Karjakin zögert nicht, nun selbst auf Gewinn zu spielen, aber er verpasst im 43. Zug eine starke, vielleicht gewinnbringende Fortsetzung.

So verschieden erlebten sie die 5. Partie. (Foto: Polina Gurtovaya for Agon Limited)So verschieden erlebten sie die 5. Partie. (Foto: Polina Gurtovaya for Agon Limited)

Doch der Herausforderer kann damit leben, dass er Carlsen nun erstmals in diesem Match in die Defensive gebracht hat. Nach dem Spiel lächelt er gelassen, während Carlsen sich neben ihm durch die Pressekonferenz grummelt.

Carlsen hat als Weißer nicht mit Spanisch (3. Lb5) sondern Italienisch (3. Lc4) eröffnet. Das ist in der Weltklasse derzeit angesagt, weil Spanisch sehr ausgelatscht ist und entdeckt wurde, dass man Italienisch wie Carlsen hier in seinem sechsten Zug mit frühem a2-a4 behandeln kann. Der Zug gewinnt Raum, verhindert, dass der Läufer mit Sc6-a5 (und falls Lb5 a6, La4-b5) zum Abtausch gezwungen werden kann, und eröffnet die Möglichkeit, den Damenspringer über a3 nach c2 zu entwickeln.

Während Karjakin über seinen 12. Zug nachdenkt im Ruheraum (Foto: Stefan Löffler)Während Karjakin über seinen 12. Zug nachdenkt, fläzt sich Carlsen auf eines der Sofas im Rückzugsraum (Foto: Stefan Löffler)

Hier denkt Karjakin das erste Mal länger nach und entscheidet sich, die Spannung in der Mitte aufzugeben: 12. … exd4 13. cxd4 Sxe4, worauf Carlsen sich nicht mit 14. Sxe4 d5 15. Ld3 dxe4 16. Lxe4 Le6 zufrieden gibt, sondern 14. Lxf7+ Txf7 15. Sxe4 zieht.

Karjakin hat gerade mit d6-d5 den Springer angegriffen und Carlsen zieht ihn nach c5. Stattdessen kommt hier das Figurenopfer 16. Sfg5!? fxe4 17. Dh5 in Frage. 17. … Dxd4? 18. Le3 Df6 19. Dxh7+ Kf8 20. Sxe4 ist gut für Weiß. Weniger klar ist 17. … Tf6 18. Dxh7+ Kf8 19. b5 Lxd4 20. La3+ c5 21. Tad1. Doch Schwarz kann das Opfer auch mit 16. … Tf8 17. Sc5 Df6 ablehnen. Eine weitere Möglichkeit ist laut Karjakin 16. Sg3.

Anstelle des von vielen erwarteten 19. Tae3 zögert Carlsen nicht, die Karten auf den Tisch zu legen. Nach 19. Se5 Sxe5 20. dxe5 Dh4 21. Tf3 (mit der Drohung 22. e6) 21. … Lxc5 22. bxc5 entsteht eine Stellung mit Läufern unterschiedlicher Felderfarbe.

Stellungen mit Läufern ungleicher Felderfarbe haben eine Tendenz zum Remis, im konkreten Fall kann allerdings praktisch nur Weiß Fortschritte machen, nämlich wenn er es schafft, seine Bauern am Königsflügel vorzustoßen. Darum sei die Stellung jedenfalls gut für ihn, auch wenn sie vielleicht objektiv remis sei, sagt Carlsen hinterher. An dieser Stelle erzwingt Karjakin mit 24. … Le4 den Abtausch eines Turmpaars und reduziert damit das weiße Angriffspotenzial.

Carlsen hat gerade 32. a5 gezogen, wonach er nicht mehr über das Feld a5 in die schwarze Stellung eindringen kann. Karjakin reagiert sofort, indem er nun seinen König Richtung Damenflügel in Bewegung setzt und von g8 nach c8 läuft, um anschließend am Königsflügel selbst seine Bauern vorzurücken.

Die Initiative ist zu Karjakin gewechselt, und hier greift Carlsen fehl: Nach 41. Kg2? hxg4 kann er nicht 42. fxg4 spielen wegen 42. … De4+ und 43. … Dxe5. 42. hxg4 ist erzwungen, aber nun kann Schwarz über die h-Linie kommen, und auch f3 wird zum Angriffsziel. Besser ist 41. Th2 oder 41. Dd4.

Vor seinem Fehler ist etwas Ungewöhnliches passiert. Carlsen hat einen Zug zu notieren vergessen, so dass auf seinem Formular erst 39 Züge stehen, aber 40 nötig sind, um mit Erreichen der ersten Zeitkontrolle fünfzig weitere Minuten zu erhalten. Auf Bildern des norwegischen Senders NRK sieht man seine Verwirrung, bevor er hastig zur Sicherheit seinen König zieht.

Die kritische Stellung der Partie: Karjakin hat gerade mit d5-d4 einen Bauern geopfert, um seinen Läufer über d5 oder manchmal auch c4 ins Spiel zu bringen. Nun ist die Frage, wie er seinen Angriff fortsetzt. Die Kandidaten sind 43. … Ld5, 43. … Dh6 oder 43. … Th8. Auf 43. … Dh6 mit der Drohung 44. … Th8 45. Kf1 Td8! 46. Da4 Dh1+ 47. Ke2 Lc4+! 48. Dxc4 Dd1 matt, ginge gerade noch 44. Dc3, um die d-Linie notfalls mit Le3-d4 zu stopfen.

Stärker ist 43. … Th8! Karjakin hat darauf 44. De4 Dh6 45. Kf1 Dh1+ 46. Ke2 Td8 berechnet und es wegen der Verteidigung 47. Ld2 verworfen. Erst nachdem er 43. … Ld5 ausgeführt hat, sei ihm aufgefallen, dass er statt 46. … Td8 das stärkere 46. … Da1 mit der Drohung 47. … Th1 hat. Es ist nicht klar, ob und wie Weiß den Angriff dann überleben kann.

Carlsen zögert nicht, den Bauern mit 44. e6! zurückzugeben. Eine gute praktische Entscheidung: Nun verhindert die weiße Dame, dass der schwarze Turm auf die h-Linie schwenken kann. Nach 44. … Dxe6 45. Kg3 kommt außerdem die Verteidigung f3-f4 ins Spiel.

51. … Te4 erzwingt den Abtausch der Türme. Da der g-Bauer vom schwarzen König und Läufer gemeinsam aufgehalten werden kann, und Weiß selbst dann nicht gewinnen kann, wenn er den Bauern b7 erhält, weil der Läufer von b5 aus beide Bauern decken kann: Remis. Freitag geht es weiter, Karjakin hat Weiß.

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2 Lesermeinungen

  1. Mein Vorschlag
    Mit d5-d4 einen Bauern opfern, dann einen Läufer über d5 oder auch c4 ins Spiel bringen. Angriff fortsetzen mit 43. … Ld5, 43. … Dh6 oder 43. … Th8. Auf 43. … Dh6 mit der Drohung 44. … Th8 45. Kf1 Td8! 46. Da4 Dh1+ 47. Ke2 Lc4+! Dann 44. Dc3, um die d-Linie notfalls mit Le3-d4 zu stopfen. Dann DH 5 und A 4 Th 35, anschliessend XF 55 gegen weissen Läufer A7 X 10, anschliessend X 7 und Feierabend.

  2. Danke für die Berichterstattung
    Ich fand es sehr spannend immer mal wieder die Matches zu verfolgen – und das obwohl Schach eigentlich nicht soo mein Ding ist. Nett, durch die FAZ drauf gebracht worden zu sein.

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