Berührt, geführt

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Knallerzug ohne Knalleffekt

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In der neunten Partie (hier zum Nachspielen) lässt sich Carlsen mit Schwarz auf eine lange Theorievariante ein. Karjakin kann erstmals die ganze Partie über Druck machen und hat zwischenzeitlich Siegchancen. Wahrscheinlich verpasst er sie, als er in der folgenden Stellung einen Läufer auf f7 in die schwarze Stellung knallt, statt mit Dd3-b3 den Druck zu verstärken.

Aber von Anfang an: Wieder gibt es eine Spanische Eröffnung. Carlsen wechselt mit Schwarz die Variante:

Diesmal spielt der Norweger 5. … b5 6. Lb3 Lc5. Das hat er zuletzt 2011 getan. Damals war sie auf Weltklasseniveau in Mode, zuletzt haben sich die Schwarzspieler selten darauf eingelassen, und die vorliegende Partie zeigt ganz gut warum. Überraschend an Carlsens Wahl ist aber auch, dass Karjakin diese Variante mit Weiß sehr gut kennt.

Auf den ersten Blick sieht hier 21. dxc5 Lxc5 22. exd6 Lxd6 23. Ta6 Tfd8 24. Dd3 g6 25. Td1 stark aus, doch Schwarz hat 25. … Txb2 26. Lh6 Txc2! 27. Dxc2 Dh3! und falls 28. f4? Lh6. Weiß muss mit 28. Taxd6 Txd6 die Qualität zurückgeben (29. Txd6? Df1 matt). Karjakin spielt genau wie Nakamura vor zwei Jahren bei der Schacholympiade in Tromsö gegen Kasimdschanow 21. exd6 c4 22. b3. Kasimdschanow zog damals 22. …c3, Carlsen jetzt 22. … cxb3.

Karjakin hat gerade für Carlsen überraschend und unangenehm den Turm nach h4 gestellt. Das hätten sich nicht viele getraut, weil er dort, wenn Weiß keinen Angriff mehr hat, außer Spiel und ein Angriffsziel sein kann. Doch vorerst deckt er den d-Bauern und verhindert vor allem, dass die schwarze Dame nach h3 kommt. Carlsen bleibt ohne Gegenspiel und muss sich verteidigen.

Carlsen hat gerade den Springer mit 32. … Tb5 gedeckt. Beide glaubten, dass 33. La4 Df5 gut für Schwarz ist und übersahen 34. Df1. Dann behält Schwarz nach 34. … Tb1! 35. Dxf1 Dxf3+ 36. Tg2 Sc3 37. Df1 Sxa4 zwar eine Qualität weniger (also einen Springer gegen einen materiell  wertvolleren Turm), aber klar ist diese Stellung wegen der ungeschickt stehenden weißen Figuren nicht.

Wäre auf Karjakins nächsten Zug 33. Dc2 anstelle von 33. … Ta8 die Antwort 33. … Sb4? gekommen, wäre diese Stellung entstanden, und Weiß hätte hier einen hübschen Gewinnzug. Sehen Sie ihn? Kleiner Tipp: Schach geben mit der Dame. Ja, wirklich.

33. … Ta8 hat eine Falle gestellt: Hätte Karjakin hier 34. La4? gespielt, kriegt er nach 34. … Txa4 35. Dxa4 Df5 den Bauern f3 nicht gedeckt: 36. Da3 Ld6 bzw. 36. Dd1 Sc3.

Carlsen hat gerade den Springer von d5 nach e7 gezogen. Wenn er es nach f5 schafft, ist die schwarze Stellung solide. Zwei Minuten bleiben ihm hier gegen Karjakins dreißig. Fast seiner ganze verbliebene Bedenkzeit (nach dem 40. Zug, also nach dem übernächsten Zug, kommen freilich fünfzig Minuten dazu) denkt Karjakin hier nach und zieht schließlich 39. Lxf7+. Doch der Knallerzug führt statt zum Sieg nur zu Vereinfachungen. Besser ist 39. Db3! Sf5 40. Lxf7+ Dxf7 41. Dxf7+ Kxf7 42. Txh7+ (und falls 42. … Sg7 43. Lh6) oder 40. … Kg7 41. Lg8 h5 42. d5! (und falls 42. … Kxg8 43. d6+). Diese Varianten besprechen und zeigen Karjakin und Carlsen in der späteren Fragerunde. Carlsen sagt, er hätte wohl versucht, nach 39. Db3 Sf5 40. Lxf7+ Dxf7 41. Dxf7+ Kxf7 42. Txh7+ Ke6 43. Txc7 Sxd4 remis zu halten. Eine sehr viel schwierigere Aufgabe als in der Partiefolge.

Weiß hat gerade d4-d5 gezogen und droht 42. Lc3+. Hier ist 41. … Le5 42. Lc3 Dd6 43. Te4 bzw. 42. … Df5 43. d6 keine gute Erwiderung. Carlsen gibt stattdessen – genau richtig – mit 41. … Sf5! die Mehrfigur zurück.

Die Verwicklungen sind überstanden. Karjakin hat einen Bauern mehr doch wegen seiner ruinierten Bauernstellung nahezu keine Gewinnchancen. Als ein Journalist die Spieler später damit konfrontiert, dass manche Computer Weiß mit eineinhalb Bauerneinheiten im Vorteil sehen, nimmt Carlsen die Menscheit in Schutz: „Wir können auch nicht 47 Züge voraussehen.“ Wenn Weiß hier mit 45. Dxh7 einen zweiten Bauern erobert, hat Schwarz sofort ein Remis durch Dauerschach angefangen mit 45. … Dg5+, zum Beispiel 46. Kh3 Df5+ 47. Kg2 Dg5+ 48. Kf1 Dc1+ 49. Kg2 Dg5+.

Dreißig Züge später steht es so. Fortschritte hat Weiß nicht mehr gemacht. Dann wird remis vereinbart. Karjakin führt nun mit 5:4. Zur Matchsituation sagt Carlsen: „Eine der nächsten drei Partien muss ich gewinnen. Normalerweise kann ich das schaffen.“

 

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4 Lesermeinungen

  1. Acht Remis in neun Partien?
    Ich bin kein (besonders guter) Schachspieler, sondern Fußballer, und sollte mich daher hier auch nicht tummeln. Trotzdem, acht Unentschieden in neun Partien klingt für mich nicht nach der Weisheit letzter Schluß. Wenn im Fußball achtmal hintereinander ein 0:0 herauskäme, würden nicht nur die Zuschauer davonlaufen, sondern man würde auch darüber diskutieren, wie man das Spiel attraktiver machen könnte. Größere Tore, Rückpassregel, gleiche Höhe = kein Abseits, zwei gelbe Karten = Platzverweis etc. Ist der Schachsport nicht besorgt, dass Zuschauer permanente Unentschieden möglicherweise langweilig finden?

  2. der hübsche Zug
    Vielleicht 34. Dxg6+. Wenn 34… hxg6 dann 35. Lf6 und Th8# ist unvermeidlich.

    Wenn 34… Kf8 dann 35. Dh6+ Kg8 36. Dxh7+ Kf8 37. Dh8#.

  3. Vergleich Schach-Fussball
    Remis im Schach sollte man nicht (immer) mit einem 0:0 im Fussball gleichsetzen. Derlei Partien gab es in diesem WM-Match, aber einige – u.a. diese – waren eher wie ein 1:1, 2:2 oder 4:4.
    Regeländerungen werden allerdings durchaus diskutiert – am ehesten Verkürzung der Bedenkzeit. Dann passieren mehr Fehler, dadurch gibt es mehr Siege und Niederlagen, darunter leidet allerdings die Qualität der Partien

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