Berührt, geführt

Berührt, geführt

Das Schachblog von FAZ.NET

Das wirklich große Finale

| 0 Lesermeinungen

Nach elf Runden steht es fünfeinhalb zu fünfeinhalb: Spannender hätte die Situation vor der letzten Runde der Schachweltmeisterschaft in New York kaum sein können. Titelverteidiger Magnus Carlsen und sein für Russland spielender Herausforderer Sergej Karjakin liegen gleichauf, und das nicht nur nach Punkten. Wie die bisherigen Begegnungen in diesem WM-Duell zeigen, ist die nach der eigentlich ziemlich aussagekräftigen Wertungszahl deutlich höhere Spielstärke des Norwegers just in diesen Tagen offenbar nicht viel größer.

Woran das liegt, darüber lässt sich munter spekulieren. Ist Carlsen, wie man in solchen Fällen sagt, einfach nicht „in Bestform“? Die Vorteile, die er in den Runden drei und vier nicht verwertete, sprechen dafür. Zumal er eigentlich derjenige der beiden Kontrahenten ist, der weniger Lampenfieber gehabt haben dürfte – immerhin ist es sein dritter WM-Zweikampf, die ersten beiden gewann er souverän, Karjakin steht zum ersten Mal in einem Finale um die Schachweltmeisterschaft.

Stimmt etwas mit seiner Einstellung nicht? Unser Autor Jan Sprenger hat vor wenigen Tagen so argumentiert – basierend auf dem Verhalten des Weltmeisters (gediegenes Ausruhen auf der Couch im Ruheraum, verweigern der Pressekonferenz nach seiner Niederlage sind Stichworte) und der Wahl seiner Eröffnungen. Carlsen wählte eben nicht nur Varianten, die besonders vielversprechend sind, sondern auch Abspiele, die eigentlich strategisch keinen großen Vorteil einbringen. So spielt jemand, der davon ausgeht, einfach der Bessere zu sein und irgendwie schon zu gewinnen. Gegen einen offenbar sehr gut vorbereiteten Herausforderer, der zur Weltspitze gehört, ist das wohl zu wenig.

Angst vor der eigenen Courage

Um ein Missverständnis zu vermeiden: Damit ist nicht gemeint, dass Carlsen so stark auf seine Eröffnungsvorbereitung setzen müsse wie das beispielsweise der frühere langjährige Weltmeister Garri Kasparow tat, der viele Partien im Grunde schon zuvor zuhause am Analysebrett „gewann“. Der scharfe Varianten auch mit den schwarzen Steinen wählte und viele wichtige Siege gerade auch mit dieser Farbe errang.

Carlsen hat seinen eigenen Stil, seine eigenen Stärken – eine ist seine unglaubliche Kondition, eine andere übrigens, dass er eigentlich keine wesentliche Schwäche besitzt. Es stimmt natürlich auch, dass er schlicht und einfach der derzeit beste Schachspieler auf dem Planeten ist (daran würde auch eine Niederlage in diesem WM-Kampf nichts ändern). Überheblichkeit aufgrund dessen dürfte ihm jedoch nicht weiterhelfen.

Dazu ist sein Herausforderer zu konzentriert, zu zäh, zu gut vorbereitet. Sergej Karjakin ging nicht zufällig als Erster in Führung in diesem Aufeinandertreffen. Er wendete kämpferisch mindestens eine ziemlich wahrscheinliche Niederlage ab. Dann nutzte er eine Konter-Möglichkeit, die sich ihm bot, und besiegte Carlsen sogar mit Schwarz. Eine weitere erfolgversprechende Chance ließ er aus – vielleicht schlicht aus Angst vor der eigenen Courage.

Nun also Gleichstand und ein spannendes Finale in New York. Für Schach-Begeisterte eine tolle Sache. Ansehen können Sie sich natürlich auch diese Begegnung live bei uns, hier.

7

Hinterlasse eine Lesermeinung