Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Doch, so kann eine WM entschieden werden

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Heute Abend entscheidet sich nun wirklich, wer Schachweltmeister wird oder bleibt. In vier Partien mit kürzerer Bedenkzeit treten Titelverteidiger Magnus Carlsen und sein Herausforderer Sergej Karjakin gegeneinander an, setzt sich auch dann keiner durch, mündet dieser „Tie-Break“ in eine sogenannte Armageddon-Partie: Weiß muss mit einer Minute Bedenkzeit mehr diese gewinnen, sonst geht der Titel an den Schwarzspieler. Unerhört. Unerhört?

Der frühere Schachweltmeister Anatoli Karpow hat pünktlich zum WM-Finale über den Modus geschimpft, in dem aufgrund der bisherigen Punktgleichheit der beiden Spieler nun der Titel ermittelt wird. „Das ist kein Schach mehr“, sagte er der russischen Nachrichtenagentur Tass, und weiter: „So kann man den Meister in einem Hinterhof ermitteln, aber nicht den Weltmeister.“ Karpow dürfte im Sinn haben, dass die Qualität der Spielzüge natürlich niedriger wird, wenn die Spieler weniger Zeit haben, um über sie nachzudenken.

48 Partien ohne Entscheidung

Außerdem sind seine Äußerungen sicher vor der eigenen Geschichte zu sehen: Karpow bewarb sich vor Jahren einmal dafür, Präsident des Weltschachbundes Fide zu werden – ein ihm wichtiges Anliegen war dabei, den angeblich verlorenen gegangenen Glanz des Weltmeister-Titels wieder herzustellen. Als er selbst um den Titel kämpfte, waren die Regeln andere. Da erhielt derjenige Spieler den Titel, der zuerst sechs Partien gewinnen konnte, Unentschieden wurden nicht gezählt. Legendär ist die Weltmeisterschaft im Jahr 1984 zwischen ihm und dem späteren langjährigen Champion Garri Kasparow: Sie dauerte vom 10. September 1984 bis zum 15. Februar 1985, also ungefähr ein halbes Jahr, 48 Partien.

Dann brach der damalige Fide-Präsident Florencio Campomanes das Duell ab, weil Karpow zunehmend erschöpft erschien. Ohne, dass der Zweikampf entschieden worden wäre, denn sechs Siege hatte bis dato kein Kontrahent erzielt. Sie wurde im selben Jahr, aber Monate später, fortgesetzt mit dem Ergebnis, dass Garri Kasparow als jüngster Weltmeister der Schachgeschichte daraus hervor ging.

Es muss kein Zweikampf sein

Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, wie eine Schachweltmeisterschaft ausgespielt werden sollte. Im Kern gibt es aber schlicht nicht „die“ objektiven Argumente, die ganz klar für einen einzigen richtigen Modus sprechen. Die Weltmeisterschaft kann in einem Modus wie im Jahr 1984 ausgetragen werden (wenn sich Sponsoren fänden und das attraktiv wäre für viele Zuschauer), sie kann auch mit guten Gründen wie nun vorgesehen mit einem Stechen enden.

In anderen Sportarten, etwa im Fußball, ist das auch so: Da gibt es die reguläre Spielzeit, dann eine Verlängerung mit kürzeren Halbzeiten und dann bekanntlich das Elfmeterschießen. Wer würde behaupten, dass Verlängerung und Elfmeterschießen nichts mit Fußball zu tun haben? Im Schach ist das ganz ähnlich: Partien mit kürzerer Bedenkzeit sind einfach eine andere Disziplin als Langzeitpartien. Ein hohes Schachverständnis ist stets nötig – nicht zufällig sind die besten Schachspieler der Welt an der Spitze sowohl mit langer als auch mit kurzer Bedenkzeit.

Möglich wäre schließlich, auch darüber darf übrigens nachgedacht werden,  die Schachweltmeisterschaft überhaupt nicht mehr als Zweikampf auszutragen, sondern als ein Turnier der sagen wir zehn oder zwanzig besten Schachspieler der Welt. Ein würdiger Weltmeister kann auch dann gekürt werden, wenn er sich in einem Spitzenfeld gegen mehrere unterschiedliche Kontrahenten durchsetzt und nicht gegen einen einzigen.

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2 Lesermeinungen

  1. Natürlich kann man so eine Schachweltmeisterschaft entscheiden
    Aber es ist nicht gut für das Schach. Bedauerlicherweise haben immer stärkere Schachprogramme (mit all ihren Nebenwirkungen) zu dieser Entwicklung beigetragen.
    Unabhängig davon, wer heute Weltmeister werden wird, diese WM dürfte eher nicht zum Vorteil des Schachs verlaufen sein.
    Auch im Schach ist genauso wie bei den Olympischen Spielen oder bei Mannschaftssportarten ein Umdenken erforderlich, da Schach ansonsten, speziell in Deutschland noch weiter an den Rand der Randsportarten gedrängt wird.
    Es bleibt zu hoffen, dass Carlsen Weltmeister bleibt, da Schach ansonsten in der Öffentlichkeit, vielleicht mit Ausnahme Russlands, überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird.
    Schachblogs wie dieser sind ein Versuch dies zu ändern, mehr nicht.

  2. Titel eingeben
    Es spricht gegen das Format des Spiels, wenn es so oft zu Unentschieden kommt. Das gilt für Fußball: Das Elfmeterschießen testet andere Fähigkeiten der Teams, genauer, nur die Fähigkeit des jeweiligen Schützen versus Torhüter. Das Elfmeterschießen testet nicht das Zusammenspiel, die Taktik etc der Teams, die Fußball für den Zuschauer attraktiv macht. Sehr ähnlich im Schach: es soll doch darum gehen, dass einer gewinnt, ein Remi ist deshalb ein Verlust für das Spiel als Spielformat.
    Deshalb sollte man die Regeln so ändert dass Remis weniger häufig vorkommen. Im Fußball z.B. könnte man (warum denn nicht!) einfach mit zwei Bällen spielen, die Tore größer machen, oder ganz den Torhüter abschaffen.

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