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Carlsen hat’s verdient – trotz allem

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Magnus Carlsen ist Schach-Weltmeister geblieben. Obwohl er in diesem Wettstreit lange brauchte, um seine Form zu finden (wirklich zeigte sich seine Überlegenheit erst in den Schnellschachpartien zum Schluss), ist er schlicht und einfach der bessere Schachspieler gewesen auch während dieser WM. Dass derzeit kein anderer Mensch auf dem Planten das Spiel auf den 64 Feldern so gut beherrscht wie er, ist ohnehin unbestritten; es drückt sich ganz unabhängig vom WM-Duell in Carlsens hoher Spielstärkenzahl aus. Die Weltrangliste führt er schon lange unangefochten an.

Beachtlich dabei ist, mit welcher scheinbaren Leichtigkeit er in den vergangenen Monaten und Jahren einen Sieg nach dem anderen eingefahren hat. In seinen beiden ersten Weltmeisterschaftsduellen gegen den Inder Viswanathan Anand geriet er im Grunde nie in die Gefahr, sie nicht zu gewinnen. Das Spitzenturnier im spanischen Bilbao in diesem Sommer gewann er bravourös – unter anderem auch, in dem er seinen jetzigen für Russland spielenden WM-Herausforderer Sergej Karjakin einmal regelrecht an die Wand spielte.

Bemerkenswert ist das insofern, als dass Carlsen oft gar nicht wirklich spektakuläre neue Varianten zeigt oder entsprechende Abspiele mitten in seinen Partien wählt, wie das etwa der frühere und bekannte Langzeit-Champion Garri Kasparow tat. Das war auch während dieser Weltmeisterschaft wieder so. Der Norweger wählte sogar mit den weißen Figuren Eröffnungen, die strategisch eigentlich überhaupt keinen Vorteil, nicht einmal einen kleinen, versprechen auf diesem Spieler-Niveau.

Frei nach dem englischen Fußballspieler Gary Lineker gilt derzeit vielmehr: Schach ist ein einfaches Spiel. Zwei Spieler grübeln stundenlang über die besten Züge, und am Ende gewinnt Magnus Carlsen. Natürlich patzt auch der Titelverteidiger hin und wieder, unschlagbar ist er nicht. Allerdings, um einen weiteren Vergleich mit einer anderen Sportart zu ziehen, spielt er einfach am beständigsten und besten und dominiert quasi auf allen Belagen wie der Tennisspieler Roger Federer zu seinen Glanzzeiten.

Die Weltmeisterschaft in New York hat überdies einmal mehr veranschaulicht, wie sich das Schach in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Partien, die von allgemeinen Prinzipien und Motiven komplett geprägt sind und in schematischen älteren Schachlehrbüchern als Beispiele präsentiert werden, gibt es so gut wie gar nicht. Vielmehr gilt für die Zugauswahl gerade in der Weltspitze eher die Regel: Was geht, geht. Das hängt auch mit der gewachsenen Bedeutung der Computer zusammen, die ermöglichen, viele Situationen einfach auszurechnen mit einem klaren Ergebnis; das ist vielfach an die Stelle getreten, an der früher einmal das „Stellungsgefühl“ stand.

 

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2 Lesermeinungen

  1. Verdient war es
    Auch wenn ich Karjakin die Daumen gehalten habe, muss ich anerkennen, dass Carlsens Sieg insgesamt verdient war. In den meisten Partien war er es, der das Spiel gemacht hat, um in der Fußballsprache zu bleiben, während man bei Karjakin stets das Gefühl hatte, dass er eigentlich in jeder Partie mit einem Remis zufrieden gewesen wäre, seine Spielanlage wirkte einfach weniger ambitioniert. Das ist natürlich sein gutes Recht, aber dann muss ich aber von einem Spieler seines Niveaus erwarten können, dass er auch in der Lage ist, die wenigen Chancen, die sich ihm dann boten, auch zu nutzen. Ich denke dabei konkret an die fünfte und neunte Partie, während er sich bei seiner einzigen Gewinnpartie von Carlsen auch erst mehrfach bitten lassen musste, bis er dann tatsächlich den vollen Punkt einfahren konnte.
    Vielleicht ist meine Vorstellung von spannendem Schach eine andere, aber die allermeisten Partien konnten mich nicht begeistern, viele Partien wirkten für mich einfach blutleer.

  2. Pingback: Nachdenkenswert #451 – sportinsider

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