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1504 Figuren im Kopf

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Spielt Schach ohne aufs Brett zu schauen, aber nicht ohne zu radeln: Timur Gareev (Foto: Lennart Ootes)Er kann Simultanschach ohne aufs Brett zu schauen, aber nicht ohne zu radeln: Timur Gareev (Foto: Lennart Ootes)

19 Stunden Spielzeit. 48 Partien. 1504 Figuren im Kopf und je 1350 eigene und gegnerische Züge. 35 Siege, 7 Remis, 6 Niederlagen. Das ist der neue Weltrekord im Blindsimultanschach, aufgestellt von Timur Gareyev am vergangenen Wochenende in Las Vegas. Respekt!

„König des Blindschachs“ nannte sich Gareyev auch schon vorher. Als ich ihn vor zwei Wochen in New York traf, habe ich gedacht, dass er den Rekord nicht schafft. Zumindest so bald nicht schafft. Zu wirr hörte sich für mich an, was der in Usbekistan geborene und in den Vereinigten Staaten lebende Großmeister bei einem Vortrag im Science House, einer New Yorker Unternehmensberatung, über seine Gedächtnistechnik von sich gab. Auch der Stand der Vorbereitungen weckte bei mir eher Skepsis. Es schien an allem zu fehlen: An Geld, an Technik zur Übertragung, an Helfern und an Gegnern, die bereit waren, eine Partie, die leicht zwanzig Stunden dauern konnte, durchzuhalten.

Doch wie man hier auf Video nachsehen oder hier nachspielen kann, hat am Ende alles geklappt. Fast alles. Während an allen Brettern der siebte Zug an der Reihe war, ging der Feueralarm los, weil in der Küche nebenan etwas anbrannte. Der Saal in einem Stiftungsgebäude der Universität von Nevada wurde evakuiert. Zehn ohrenbetäubende Minuten lang bangte Gareyev, ob alle Vorbereitung vergebens war. Dann ging die Sirene aus, und obwohl es in einer überaus kritischen Phase passierte, waren alle Stellungen noch in seinem Kopf.

Die Eröffnungsphase ist kritisch, weil die Stellungen einander noch gleichen. Es kursiert die Geschichte von einem tschechischen Großmeister, der in Jugoslawien in den 1970ern blindsimultan und an allen Brettern Weiß spielte. Alle seine Gegner begannen mit den Zügen b7-b6, e7-e6 und Lc8-b7 in dieser oder einer anderen Reihenfolge. Weil er die Stellungen nicht auseinanderhalten konnte, nutzte der Großmeister einen Toilettengang, um zu flüchten. Gareyev wappnete sich, in dem er mit beiden Farben und unterschiedliche Aufbauten spielte und sich kuriose, aber für ihn einprägsame Namen für die Stellungen zurechtlegte. Namen wie Krokodil, Nicolas Cage oder Revolver.

So ähnlich hat es schon Harry Pillsbury gemacht, als er Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts seine legendären Vorstellungen gab. Während dem Blindsimultanschach spielte der Amerikaner Karten und merkte sich Reihen vielsilbiger Fremdworte. Etwas von dem Showman steckt auch in Gareyev, der samt Augenblende in einem für den Event entworfenen T-Shirt auf ein Standrad stieg und dort einen Großteil der 19 Stunden durchstrampelte.

Rekordstandradler und -blindsimultanspieler Timur Gareev im Juni in Amsterdam (Foto: Lennart Ootes)Rekordstandradler und -simultanspieler Timur Gareev im Juni in Amsterdam (Foto: Lennart Ootes)

Selbst unter den Individualisten, die Schach zu ihrem Beruf gemacht haben, ist Gareyev der Paradiesvogel. Das gilt schon äußerlich. Der 28jährige trägt Irokesenschnitt und hegt eine Vorliebe für Hawaii-Hemden. Er läuft Marathon, geht Paragliden und Surfen. Ein fester Wohnsitz würde nicht zu seinem Lebensstil passen. Er ist freundlich und offenherzig. Sobald Alkohol ins Spiel kommt, wird es schwierig mit ihm. Er wurde schon von mehreren Partys herausgeworfen. Vor einigen Monaten wurde er nach einem Schachturnier in Portugal von Unbekannten zusammengeschlagen. In der Vorbereitung auf Las Vegas verzichtete er nicht nur auf Alkohol, sondern befolgte einen gesunden Diätplan und machte Yoga.

Was in Gareyev vorgeht, interessierte auch Wissenschaftler der University of California Los Angeles. Vor einigen Monaten haben sie, wie im Guardian nachzulesen, Tests mit ihm durchgeführt und sein Hirn gescant. Weder bei Aufgaben zu räumlichem Denken noch zum Arbeitsgedächtnis schnitt er auffällig ab. Doch beim Scan zeigten sich auffallend viele Verknüpfungen zwischen Gareevs Hirnarealen. Von 63 Vergleichspersonen, die keine Schachmeister sind, zeigten nur eine oder zwei ähnlich viele Verknüpfungen.

Übertroffen hat Gareyev den Günzburger Marc Lang, der es 2011 in Sontheim gegen 46 aufgenommen und damals einige Stunden länger gebraucht hatte. Gareyev brauchte im Schnitt nur eine Dreiviertelminute, um eine Stellung zu rekonstruieren und seinen Zug zu entscheiden. Das ist bei der Vielzahl der auseianderzuhaltenden Bretter eine enorme Leistung. Etwas erleichtert hat seine Aufgabe, dass einzelne Gegner nach einem Dutzend Zügen schon schachmatt waren oder nach einem Bauerneinsteller aufgaben. Wenn jemand den Rekord glaubwürdig nach oben schrauben will, ist darauf zu achten, dass alle Mitspieler eine gewisse Mindestspielstärke mitbringen und die Partien einigermaßen ausspielen.

Wie hat sich der König des Blindschachs eigentlich von den Strapazen erholt? Laut einem Tweet von Lennart Ootes, dem wir die Fotos und die Übertragung der meisten Partien verdanken, ist Gareyev kurz danach unsanft gegen eine Glaswand gelaufen.

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1 Lesermeinung

  1. Danke
    Danke für diesen Artikel. Ich musste beim Lesen sehr schmunzeln.

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