Berührt, geführt

Berührt, geführt

Das Schachblog von FAZ.NET

Ein starkes Schachjahr

| 0 Lesermeinungen

Ein aufregendes Schachjahr geht in diesen Tagen mit zahlreichen Opens und den Weltmeisterschaften im Schnell- und Blitzschach zu Ende. Aufsteiger des Jahres ist der 23jährige Wesley So.

31552226531_ec43f8df58_k

Wesley So (Foto: Lennart Ootes)

Er begann das Jahr auf Platz 10 der Weltrangliste und schloss es auf Rang vier ab. Zwischendurch gewann er die Spitzenturniere in St. Louis und London, die Gesamtwertung der Grand Chess Tour und damit 295 000 Dollar sowie mit dem Team der Vereinigten Staaten die Schacholympiade.

Ähnlich wie Carlsen versteht es So, Fehler seiner Gegner zu provozieren und eigene Chancen effektiv zu verwerten. Attraktive Partien spielte er zuletzt zwar kaum. Darum sei hier mit einer Blitzpartie, in der er einen Exweltmeister schwindlig spielte, daran erinnert, dass So auch ein begnadeter Feuerwerker sein kann:

So – Kasparow, St. Louis 2016, vor 19. Scxe5!

Ein weiterer Name, der 2016 geprägt hat, ist Sergei Karjakin. Im März gewann er in Moskau recht überzeugend das Kandidatenturnier. Dennoch hielten ihn viele für nahezu chancenlos im WM-Match. Doch der 26jährige Russe zeigte Carlsens wunden Punkt auf und brachte den Weltmeister mit kontrollierter Defensive an den Rand einer Niederlage (es fehlte vielleicht nur, dass Karjakin in der zehnten WM-Partie 20. … Sxf2+ durchrechnet). Am 28. März zeigte Karjakin in der letzten Runde des Kandidatenturniers Nervenstärke, als er gegen Caruana, der mit einem Sieg selbst Herausforderer geworden wäre, in Zeitnot einen Turm opferte – der Zug des Jahres:

Karjakin – Caruana, Moskau 2016, vor 37. Txd5!

Für Carlsen war es kein Spitzenjahr aber ein gutes. Er gewann in Wijk aan Zee, Stavanger und Bilbao und führte bei der Schacholympiade Norwegen auf den fünften Platz. Im New Yorker WM-Kampf ließ er gegen Karjakin einige Chancen aus, früh in Führung zu gehen, und geriet ziemlich unter Druck. Weltmeisterlich spielte er erst im Stechen, das er mit einem herrlichen, Matt erzwingenden Damenopfer abschloss:

Carlsen – Karjakin, New York 2016, vor 50. Dh6+!

Sein Vorsprung in der Weltrangliste, die er seit Juli 2011 ununterbrochen anführt, ist auf aktuell nur noch ein Dutzend Punkte geschrumpft. Auf Carlsens Fersen ist der beständige Fabiano Caruana, der heuer den in Deutschland lebenden Usbeken Rustam Kasimdschanow als Trainer verpflichtete. Kasim zeigte Caruana in einer gerade aktuellen Sizilianisch-Variante, dass Weiß sich in der folgenden Stellung nicht mit 21. Sc6 die Dame zurückholen muss (was nach 21. … Lxg4 22. Sxd8 Lxd8 etwa gleiche Chancen ergibt) sondern mit zwei Springern und Angriff mehr als genug Kompensation für seine eigentlich stärkste Figur bekommt:

Caruana – Nakamura vor 21. Sf5!

Mit Carlsen, Caruana, So, Karjakin, Vachier-Lagrave und Giri haben die in den Neunzigerjahren Geborenen nun die Mehrheit in den Top Ten. Umso erstaunlicher ist, wie sich der 41jährige Kramnik und der bereits 47jährige Anand behaupten. Der Inder war im Moskauer Kandidatenturnier sogar nahe dran, wieder Herausforderer zu werden. In London spielte er kurz vor Weihnachten die Eröffnungsneuerung des Jahres:

Topalow – Anand, London 2016, vor 12. … b5!

Anand kannte diesen wildromantischen Zug wahrscheinlich schon aus seiner WM-Vorbereitung gegen Carlsen, der die Lf4-Variante im klassischen Damengambit manchmal spielt, sie allerdings nicht so scharf behandelt wie Topalow. Nach den weiteren Zügen 13. Lxf6 gxf6 14. cxb5 Sa5! 15. exd4 exd4 16. Sb4 Lxb4 17. axb4 Le6! war Weiß mächtig unter Druck. Nach langer Verteidigung griff der Bulgare irgendwann fehl und Anand gewann.

Viktor Kortschnoi im Februar in Zürich (Foto: David Llada)Viktor Kortschnoi, 1931-2016 (Foto: David Llada)

Beim Zürcher Chess Challenge im Februar war Viktor Kortschnoi letztmals öffentlich zu sehen. Am 6. Juni starb er 85jährig in Wohlen im Aargau, wo er seit 1978 lebte.

Hou Yifan verteidigte ihren WM-Titel gegen Maria Musitschuk vielleicht letztmals. Sportlich ist die 22jährige Chinesin bei den Frauen eine Klasse für sich. Anders als der Titelverteidiger bei den Männern Carlsen muss sie sich entweder im K.o.-Modus oder in einer Grandprixserie durchsetzen, um den WM-Zweikampf bestreiten zu dürfen. Weil ihre Forderung nach Regeländerungen bisher ignoriert wurde, hat Hou angekündigt, nicht mehr anzutreten.

Der Weltschachbund nimmt noch einen Sackvoll weiterer Probleme ins neue Jahr mit. Die neu aufgesetzte Grandprixserie bei den Männern, in der immerhin zwei Plätze im nächsten Kandidatenturnier vergeben werden, ist kein großer Wurf. Der Vermarkter Agon versucht vergeblich, schützbare Liverechte für Züge laufender Partien durchzusetzen, und spielt immer noch kein Geld in die Kassen des Weltverbands. Dessen Finanzlage ist ähnlich angespannt wie 1995, als der damals kaum bekannte Kirsan Iljumschinow zum Präsidenten gewählt wurde. Der wird wegen Verdachts auf Geschäfte mit dem syrischen Regime auf einer Sanktionsliste des Schatzamts der Vereinigten Staaten geführt, weshalb er nicht zur WM nach New York reisen durfte. Einige Vorstandsmitglieder drängten, ihn zu ersetzen, doch Russland als wichtigster Geldgeber im internationalen Schach hält zu Iljumschinow.

Die deutsche Schachnachricht des Jahres war, dass die SG Solingen vor dem Seriensieger OSG Baden-Baden Deutscher Meister wurde. Während international ohne Kandidatenturnier, WM-Kampf und Schacholympiade ein ruhiges Schachjahr ansteht, bekommen die deutschen Schachfans 2017 relativ mehr geboten mit einem hochrangig besetzten Grenke-Schachfestival in Karlsruhe über das Osterwochenende 13. bis 17. April, einer zentralen Runde der Schachbundesliga in Berlin am 29. April bis 1. Mai und einem Sparkassen-Chess-Meeting am 15. bis 23. Juli im Zeichen von Kramniks 25jährigem Dortmund-Jubiläum.

4

Hinterlasse eine Lesermeinung