Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Kunst des Schmeichelns

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Marcel Duchamp (1887 – 1968) ist ein Glücksfall für das Schach. Er war eine der Schlüsselfiguren der Kunst des 20. Jahrhunderts und verschrieb sich doch zeitweise völlig dem Spiel. Er gewann ein paar Turniere, trat für das französische Nationalteam an, komponierte Endspielstudien und verfasste eine Schachrubrik. Er war der erfolgreichste aber weder der einzige Schachspieler noch der einzige Künstler seiner Familie. In jungen Jahren, als er noch selbst Leinwände füllte, porträtierte er seine Brüder Gaston (der den Künstlernamen Jacques Villon annahm) und Raymond Duchamp-Villon (ein halber Künstlername als Brücke zwischen den Brüdern) vertieft ins Schachspiel, während sich ihre Frauen langweilen.

Marcel Duchamp: Die Schachpartie, 1910 (Abb.: Fundació Miro)Marcel Duchamp: Die Schachpartie, 1910 (Abb.: Fundació Miró)

Während seines langen Lebens verführte Duchamp immer wieder andere Künstler, sich mit Schach zu befassen, und in der Folge auch die Kunstvermittler. Das zeigt sich nirgends schöner als in der Ausstellung „Fi de Partida“ (Endspiel – Duchamp, Schach und die Avantgarden) in der Fundació Joan Miró in Barcelona.

Ihr Kurator Manuel Segade erzählt die Geschichte der Avantgarden der bildenden Kunst während Duchamps langer Schaffenszeit zwischen 1910 und 1968 anhand des Schachspiels und behauptet, Schach sei zunehmend ein Schlüsselmotiv der Kubisten, Dadaisten, Surrealisten, Fluxus- und Konzeptkünstler geworden. Das ist fast so schmeichlerisch wie Duchamps Bonmot „nicht alle Künstler sind Schachspieler, aber alle Schachspieler sind Künstler“, nur sagte er das als Dinnerredner vor amerikanischen Schachspielern, während Segade ein ernster zu nehmendes kuratorisches Statement abgab, etwa in diesem fünfminütigen Video, .

In seiner Ausstellung zeigt er eine Skulptur von Marcels älterem Bruder Raymond Duchamp-Villon – ein Hybrid zwischen Schachfigur und Artilleriegeschütz:

Raymond Duchamp-Villon: Das Pferd, 1914 (Abb: Fundacion Miro)Raymond Duchamp-Villon: Das Pferd, 1914 (Abb: Fundacion Miro)

Von einem gemeinsamen Bekannter der Duchamp-Brüder, Jean Metzinger, stammt dieses kubistische Porträt:

Jean Metzinger: Soldat beim Schachspiel (David and Alfred Smart Museum of Art Chicago, Abb..: Fundació Miro)Jean Metzinger: Soldat beim Schachspiel (David and Alfred Smart Museum of Art, University of Chicago, Abb.: Fundació Miró)

In einem seiner frühen Readymades, einem auf den Boden genagelten Brett mit Kleiderhaken, verarbeitete Marcel Duchamp ein Schachmotiv: den gegenseitigen Zugzwang, der auf Französisch als „trébuchet“ bezeichnet wird.

Marcel Duchamp: Trébuchet (Trap), 1917 (The Vera and Arturo Schwarz Collection of Dada and Surrealist Art in the Israel Museum, Abb.: Fundació Miro)Marcel Duchamp: Trébuchet, 1917 (The Vera and Arturo Schwarz Collection of Dada and Surrealist Art in the Israel Museum, Abb.: Fundació Miró)

Mit dem Zweiten Weltkrieg verlor Paris seine in der bildenden Kunst tonangebende Stellung an New York. Dort lebte Duchamp mittlerweile. 1944 tat er sich mit dem auf Surrealisten spezialisierten Kunsthändler Julien Levy zusammen und kuratierte die Ausstellung „The Imagery of Chess“ (Symbolik des Schachs“). 32 Künstler, so viele Figuren wie beim Schachspiel, beteiligten sich. Teilweise mit Schachspielen wie diesem von Max Ernst:

Max Ernst, 1944 (Max Ersnst Museum Brühl, Abb.: Fundació Miro)Schachspiel, 1944 (Max Ernst Museum Brühl, Abb.: Fundació Miró)

Während der Ausstellung spielte George Koltanowski (auf dem nächsten Foto links hinten mit dem Rücken zur Kamera) blindsimultan gegen sieben Künstler (ganz rechts ist Max Ernst zu erkennen, mit dem Rücken zur Kamera stehend Duchamp, der für Koltanowski die Züge ausführte):

Blindsimultan mit Künstlern am 6. Januar 1945 in der Julien Levy Gallery (The Destina Foundation, Abb.: Fundació Miro)Blindsimultan mit Künstlern am 6. Januar 1945 in der Julien Levy Gallery (The Destina Foundation, Abb.: Fundació Miró)

Einige der originellsten Schachspiele wurden von Fluxuskünstlern entworfen wie dieses, bei dem die Figuren errochen werden mussten:

Takako Saito und George Maciunas: Spice Chess, 1966 (Fondazione Bonotto Molvena, Abb.: Fundació Miro)Takako Saito und George Maciunas: Spice Chess, 1966  (Fondazione Bonotto Molvena, Abb.: Fundació Miro)

In der außerhalb Spaniens nahezu unbeachtet gebliebenen Ausstellung kann man dank der zahlreichen Filme (herrlich ist diese einminütige englische Slapstick-Sequenz von 1903 aber auch der frivole sechsminütige Zeichentrickfilm „Chess Nuts“ von 1932) und Tondokumente (unter anderem ist Jorge Luis Borges mit seinem Schachgedicht hören) leicht einen halben Museumstag verbringen. Leider ist sie nur noch bis 22. Januar zu sehen und wird auch nirgends anders gezeigt. So bleibt nur der schöne, aber den Besuch nicht ersetzende Katalog.

Fi de Partida – Duchamps, els escacs i les avantgardes. Fundació Joan Miró Barcelona bis 22. Januar 2017

Katalog in Spanisch, Katalanisch oder Englisch, 80 Abbildungen, 160 Seiten

Ausstellungspreis € 34,20, danach € 38,-

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2 Lesermeinungen

  1. Hier stinkt's??
    Eine Frage zum Geruchsschach: Eine Königin riecht nach Chanel No.5, der König nach Pomade und Schnurrbartwichse. Ein Pferd riecht wie ein Pferd, ein Läufer nach 2 Jahre alten Nike-Laufschuh-Einlegesohlen, ein Bauer riecht wie ein Pferd mit einem kleinen Schuss Kuh und/oder Schwein, aber wie riecht ein Turm? Nach nichts? Oder wie die von Friedensreich Hundertwasser in Wien (die Abgastürme der Müllverbrennungsanlage)?

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