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Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Aller Ruhm gebührt Ihm

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Wesley Sos Lauf hält an. In Wijk aan Zee hat der 23-jährige gerade sein drittes Weltklasse-Turnier in Folge gewonnen. In der Weltrangliste ist im Moment nur noch Weltmeister Magnus Carlsen vor dem tiefgläubigen, für die Vereinigten Staaten spielenden Filipino.

Auf die Frage, wem er für Unterstützung danken möchte, beginnt er „zuallererst Gott, aller Ruhm gebührt Ihm“. Dann dankt er seiner Stiefmutter und seiner Stiefschwester dafür, ihn drei Wochen lang in die Niederlande begleitet zu haben.

Wesley So mit seiner Stiefmutter und Stiefschwester (Foto: Tata Steel Chess)Wesley So mit seiner Stiefmutter und Managerin Lotis Key und seiner Stiefschwester Abbey (Foto: Tata Steel Chess)

Die Ursache, warum er nun von Erfolg zu Erfolg eilt, dürfte in einer gut zwei Jahre zurückliegenden Entscheidung liegen. So hatte gerade in Las Vegas 100 000 Dollar Preisgeld gewonnen und führte lange Gespräche mit Lotis Key, einer Frau, die seine Großmutter sein könnte und die er 2013 am Rande einer Schachveranstaltung kennengelernt hatte. Von ihr ließ sich So zu einem doppelten Bruch bewegen: Er verließ das von Zsuzsa Polgar und ihrem Ehemann Paul Truong geleitete Schachprogramm der Webster University in St Louis und sagte sich von seiner in Kanada lebenden leiblichen Familie los. Seitdem lebt So in Minnetonka, einem Vorort von Minneapolis, bei Lotis Key und ihrer Familie. Er nennt sie seine Mutter und wird von ihr gemanagt.

Die wichtigste Person in Wesley Sos neuem Leben hat eine schillernde Vita: Die Tochter eines amerikanischen GI und einer philippinischen Akademikerin spielte in den Siebzigern und frühen Achtzigern in zahlreichen Filmproduktionen, bevor sie in die Vereinigten Staaten emigrierte. Dort wurde sie zu einer wiedergeborenen evangelikalen Christin und begann, spirituelle Romane und Theaterstücke zu schreiben. Nach eigenen Angaben moderierte sie außerdem Talkshows, managte ein Restaurant, handelte mit Antiquitäten, züchtete Katzen und sorgte für Waisen und für obdachlose Kinder. Ihr Mann Renato Kabigting ist ein ehemaliger Basketballprofi und Schachamateur. Ihre ältere Schwester soll Bobby Fischer Unterkunft gewährt haben soll, als der paranoide Exweltmeister in den Achtzigerjahren in Kalifornien auf der Flucht vor einer Sekte und den Medien untergetaucht war.

Nach dem Bruch mit seiner Familie und der Webster University meldete sich seine Mutter Eleanor in einem Interview im Dezember 2014 zu Wort und legte, nachdem er auch von Truong öffentlich angegriffen wurde, in einem weiteren Interview im April 2015 scharf nach. Zumal Wesley So gerade bei der US-Meisterschaft miserabel abgeschnitten und eine Partie aberkannt bekommen hatte, weil er sich trotz Verwarnungen des Schiedsrichters motivierende Botschaften neben seinen Zügen notiert hatte, wurde der Eindruck geweckt, er sei durch das Abwenden von seiner Familie und dem Ehepaar Ehepaar Polgar-Truong völlig aus der Bahn geraten. Aus heutiger Sicht erscheint das Gegenteil der Fall.

Bei Lotis Key und ihrer Familie hat So ein Umfeld gefunden, in dem er zumindest schachlich aufblüht. Dass er belächelt wird, wenn er Hand in Hand mit seiner Managerin und Stiefschwester zu seinen Spielen kommt oder seine üblichen Dankworte an Gott spricht, ficht ihn nicht an. Neuerdings hat er sogar einen Coach verpflichtet, nämlich den Ukrainer Wladimir Tukmakow, der zuletzt Anish Giri und davor das aserische Nationalteam betreut hatte.

Nach 13 Runden hatte So in Wijk aan Zee einen vollen Punkt Vorsprung auf den alleinigen Zweiten, Weltmeister Magnus Carlsen. 56 lange Partien ist So nun bereits ohne Niederlage. Das ist eine beachtliche Strecke. Der letzte, der ihn schlagen konnte war Carlsen im vergangenen Sommer während des Spitzenturniers im spanischen Bilbao. In Wijk aan Zee brachte So nur der Ungar Richard Rapport in Verlegenheit, aber selbst diese Partie vermochte er zu drehen.

Damit knüpft er an wichtige Turniererfolge im vergangenen Jahr an. Er gewann den Sinquefield-Cup in den Vereinigten Staaten und außerdem die London Chess Classic am Jahresende 2016. Spannend wird sein, ob So es schafft, sich zu einem echten Herausforderer für den Weltmeister zu mausern. In Wijk aan Zee ging das Aufeinandertreffen der beiden Spitzenspieler übrigens Unentschieden aus.

Und eines noch zum Weltmeister: Der wurde schließlich Zweiter. Fragen machten zwischenzeitlich allerdings die Runde wie schon während der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahre, ob er noch mit derselben Zielstrebigkeit ans Brett geht, die ihn ganz an die Spitze brachte. Dass er während des Turnier ein dreizügiges Matt übersah, könnte ein Indiz sein.

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1 Lesermeinung

  1. Was ist mit Carlsen los?
    Daß Magnus Carlsen in seiner Partie gegen Anish Giri ein dreizügiges Matt übersah, ist zwar ungewöhnlich, aber es kommt unter Turnierdruck schon einmal vor. Noch überraschender finde ich aber, wie er in der darauffolgenden Partie gegen Richard Rapport im Grunde den gleichen psychologischen Fehler wie in seiner Verlustpartie im Weltmeisterschaftskampf gegen Sergey Karjakin gemacht hat: nach der ausgelassenen Gewinnchance gegen Giri versuchte er in der Partie gegen Rapport den Sieg mit der Brechstange zu erzwingen und verlor dann gerade deswegen. Glückwünsche an Wesley So für seine wirklich überragende Leistung in diesem Turnier!

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