Berührt, geführt

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Schach, Lügen und Video

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Der März ist dieses Jahr ein eher ruhiger Monat im Schach, dafür beschäftigen Intrigen die Szene: Im Deutschen Schachbund wurde der Bundestrainer von einem Großmeisterkollegen mit Ehrenamt so lange drangsaliert, dass nun eine Schlammschlacht läuft. Zwei russische Großmeister werden bezichtigt, einer habe dem anderen den entscheidenden Punkt bei der Russischen Meisterschaft geschenkt, worauf dieser nun beim Grandprix in Schardscha seinem Kollegen den Punkt zurückgegeben haben soll. Und eine Großmeisterin, die als Regimeopfer dasteht, weil sie ohne Kopftuch spielt, lässt freizügige Aufnahmen anderer iranischer Spielerinnen verbreiten. Aber der Reihe nach.

2014 hat der Deutsche Schachbund etwas überraschend Dorian Rogozenco als hauptamtlichen Bundestrainer berufen. Nach dem Dafürhalten der meisten National- und Kaderspieler macht der aus Moldawien stammende und in Hamburg lebende Großmeister seinen Job engagiert und fachlich gut. Viel habe sich verbessert gegenüber der Zeit von Uwe Bönsch, auch weil dieser ihn nun als Sportdirektor unterstützt.

Vorigen Mai haben die Funktionäre einen anderen Großmeister, Thomas Luther, zum Referenten für Leistungssport gewählt. Praktisch ab seiner Berufung hat Luther, der am Ende seiner Profikarriere steht und sich als Multifunktionär und mit kleinen Trainerjobs über Wasser hält, Rogozenko das Leben schwer gemacht. Immer wieder wandte sich der Bundestrainer an das Präsidium. Doch weder Präsident Herbert Bastian noch der Vizepräsident Sport Klaus Deventer griffen anscheinend wirksam ein. Luthers wiederholte Versicherungen mit Rogozenko zusammenarbeiten zu wollen, genügten ihnen. Dann konnte das Mobbing weitergehen.

Vorige Woche hat Rogozenco mit einem Brief an die Landesverbände die Flucht nach vorne angetreten und die Behinderungen durch Luther und ihre Auswirkungen auf die Nationalspieler detailliert und bemüht sachlich geschildert. Die Vertreter der Landesverbände sollten doch bitte beim anstehenden Kongress Ende Mai einen anderen Referenten für Leistungssport wählen. Dass er diesen Brief auch an Chessbase zur Veröffentlichung geschickt hat, könnte ihn den Job kosten (Aktualisierung: Rogozenco kommt mit einer Abmahnung davon, Luther soll sein Amt ruhen lassen, die Kaderspieler werden für öffentliche Stellungnahmen gerügt, nur das Präsidium selbst hat anscheinend alles richtig gemacht). Denn er hat Interna ausgeplaudert, und der Schachbund präsentiert sich wie schon 2015 vor den Wahlen als zerstrittener Haufen, was Präsident Bastian offenbar  ungelegen kommt. Während Rogozenco entnervt den Urlaub angetreten hat, steht seine Entlassung bei einer Vorstandssitzung an diesem Wochenende zur Diskussion. Für Luther wäre sie ein Triumph.

Mobbt etwa auch Alex Yermolinsky? Oder stimmt die in ironische Äußerungen verpackte Betrugsbezichtigung des amerikanischen Großmeisters gegen zwei russische Kollegen? Jedenfalls wettert nun auch Wladimir Fedosejew gegen Partieabsprachen. Und es war ja auch mehr als verdächtig, wie Dimitri Jakowenko mit Weiß gegen seinen Freund Alexander Rijasanzew die Partie anlegte und verlor, als der genau diesen Punkt brauchte, um die gut dotierte Russische Meisterschaft zu gewinnen. Beim Grandprixturnier in Schardscha stellte Rijasanzew nun im 19. Zug mit Weiß gegen Jakowenko quasi einen Turm ein, als wollte er sich revanchieren. Dieser Sieg hat Jakowenkos Chancen, in der Turnierserie einen der beiden Plätze für das WM-Kandidatenturnier zu erobern, jedenfalls deutlich gehoben.

Apropos Grandprix und Intrigen: Wieso wurde ausgerechnet Wei Yi ersetzt, als Hou Yifan in letzter Minute ins Teilnehmerfeld rückte? Der 17jährige steht in der Weltrangliste neunzig Plätze höher als die Exweltmeisterin. Im Januar rockte er Wijk aan Zee, und beim Freundschaftsmatch China-Indien in Liaocheng steuerte er gegen Karthikeyan die beste Partie zum 10:6 der Gastgeber bei. Reellere Qualifikationschancen fürs Kandidatenturnier als Hou und Li Chao hätte er allemal.

Skandale erwartete die Öffentlichkeit ja eher bei der Frauen-Schach-WM im Iran. Tatsächlich wurden die ausländischen Teilnehmerinnen weder zurechtgewiesen, wenn ihre Haarverhüllung einmal nicht richtig saß, noch brauchten sie, wie vorher befürchtet, in der Partievorbereitung auf ihre männlichen Trainer verzichten, oder darauf, ohne männliche Begleitung das Hotel zu verlassen. Im Gegenteil lief die WM unterm Hidschab trotz einiger im Nachhinein bekannt gewordener Mängel in der Organisation relativ entspannt – außer für den Ausrichter. Mit der hohen Aufmerksamkeit der iranischen Medien kam auch die konservativer Politiker. Die werfen dem Iranischen Schachverband die Teilnahme amerikanischer Spielerinnen vor und im Januar ausgerechnet Nigel Short eingeladen zu haben, der vorigen September den Telegraph anrief und damit die mediale Aufmerksamkeit für die WM lostrat. Vor allem drohen Hardliner dem Verband mit Klage, weil dieser vermeintlich seine Spieler nicht im Griff habe.

Im Januar in Gibraltar ist nämlich Borna Derakhshani verbotenerweise gegen einen Israeli angetreten. Dass es die erste Runde war, also keine Zeit zur Vorbereitung blieb, bei der der 15-Jährige entdecken hätte können, woher Alexander Huzman kam, noch eine Flagge oder Nationalität auf dessen Namensschild stand, und die Schiedsrichter in der Hektik noch nicht daran gedacht hatten, im Auslosungsprogramm Paarungen zwischen Iranern und Israelis zu unterbinden, genügte alles nicht zur Entschuldigung. Der Verband sperrte Borna Derakhshani und gleich auch dessen 18 Jahre alte Schwester Dorsa. Diese zeigt nämlich bei Turnieren im Ausland regelmäßig ihre langen braunen Locken.

In einem Interview mit chess.com stellt sich Dorsa Derakhshani als prinzipientreu dar und wirft anderen iranischen Spielerinnen ein Doppelspiel vor. Inzwischen ist herausgekommen, dass ihre Mutter in Gibraltar die vom Iranischen Schachverband bevorzugten Atousia Pourkashiyan und Sara Khadem, als diese kein Kopftuch trugen, fotografiert und auf Video aufgenommen hat. Diese Aufnahmen hat Mutter Derakhshani an Offizielle im Iran geschickt. Eine Erklärung dazu haben die Derakhshanis auf Nachfrage bisher nicht gegeben.

Insider vermuten, dass die Aufregung der Familie gelegen komme, geht Dorsa Derakhshani doch nun als Opfer des iranischen Regimes durch die Medien. Den zur Aufnahme an einem amerikanischen College geforderten SAT hat sie bereits absolviert. Zwei mit einem Schachprogramm ausgestattete Hochschulen in den Vereinigten Staaten sollen ihr bereits ein Stipendium angeboten haben. Verwandtschaft in Texas hat sie auch. Ein Verbandswechsel ist dann nur eine Frage der Zeit.

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2 Lesermeinungen

  1. Sind Gäste im Islam nicht ausdrücklich von den Kleidungsvorschriften ausgenommen?
    Zumindest wurde das so vor jetzt schon über 10 Jahren durch einen der damals noch in ARD und ZDF vorhandenen authentischen Nahostreporter bei einem Besuch einer Außenministerin in Saudi-Arabien berichtet.

    Ich muss die Frage hier stellen, da zu vielen Themen bei den politischen – und dort vor allem den „transantlantisch“ geprägten – Artikeln meistens die Kommentarfunktion fehlt.

    • Für Besucherinnen gilt im Iran das gleiche wie für Inländerinnen, nämlich dass sie die Haare und den Körper verhüllen, nur Gesicht und Hände zeigen dürfen.

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