Berührt, geführt

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Die besondere Kraft mysteriöser Züge

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Deutschlands Schachereignis des Jahres, das Grenke Chess Classic, hat in Karlsruhe am Karsamstag mit einem Knaller begonnen. In der spannendesten Partie stand es nach 16 Zügen so:

Maxime Vachier-Lagrave, Fünfter der Weltrangliste aus Frankreich, hat einen Bauern geopfert. Seine Figuren stehen bedrohlich. Ein Durchbruch mit e5-e6 im richtigen Moment kann tödlich für Schwarz sein. Mit h4-h5, Sf3-g5 und Lf1-h3 kann er es vorbereiten. Wie soll Schwarz gegenhalten? Schwarz ist Arkadi Naiditsch. Nach einer halben Stunde Nachdenken hat er gerade den verblüffenden Zug Ta8-a7 gefunden. Sehen Sie auch, was er damit im Schilde führte? Naiditschs nächster Schwarzzug hier haute die Kommentatoren fast vom Hocker. Vachier-Lagrave sagte hinterher, er habe es völlig übersehen.

16. … Sb6-a8!! Der Springer strebt über c7 nach e6. Wenn e5-e6 einmal zuverlässig verhindert ist, steht Schwarz gut. Das beste an dem nur auf den ersten Blick mysteriösen Springerzug ins Eck war aber, dass sich Vachier-Lagrave zu 17. e6? hinreißen ließ. Nach 17. … Lxe6 18. Sxe6 fxe6 19. Tg6 Sc7 20. Lf4 Ld6 sahen beide Spieler Schwarz bereits klar im Vorteil. Naiditsch brachte den Punkt schließlich nach Hause.

Trotz seines Wechsels zum Aserbaidschanischen Verband wird Naiditsch, der seit langem für den Deutschen Meister OSG Baden-Baden spielt und dort bis zu seinem Umzug nach Baku wohnte, vom Veranstalter als Einheimischer präsentiert. Auch die beiden aktuellen deutschen Nationalspieler im Feld hatten einen guten Start: Georg Meier, der in Stockholm Wirtschaft studiert, kam gegen den Weltranglistenneunten Lewon Aronjan mit Schwarz ohne größere Probleme zu einem Remis. Matthias Blübaum hatte Weiß gegen Magnus Carlsen und wurde vom Weltmeister 59 Züge und fast fünf Stunden lang geprüft. Der Mathematikstudent meisterte die Probleme und kam ebenfalls zu einem das Selbstbewusstsein stärkenden Remis.

Es gab noch einen deutlicheren Favoritensturz. Der Weltranglistendritte Fabiano Caruana unterlag Hou Yifan. So erbärmlich stand der Amerikaner, der gerade auch bei der US-Meisterschaft enttäuschend gespielt hatte, nach 33 Zügen:

Sämtliche weiße Figuren sind besser postiert als ihre schwarzen Gegenüber, alle schwarzen Bauern sind schwach und vereinzelt. Und Weiß hat gleich mehrere Möglichkeiten, die Ernte taktisch einzufahren. Für welchen Weg würden Sie sich entscheiden?

Nach dem banalen 34. Le8 hätte Caruana wohl sofort die Waffen gestreckt. Vielleicht auch nach 34. Lxf6+ Txf6 35. Te7+. Nach dem elegantesten 34. Te7 hätte er dem Publikum vielleicht die Variante 34. … Txe7 35. Lxf6+ Dxf6 36. Txe7+ Kg6 37. Ld3+ Lf5 38. Lxf5+ Kxf5 39. g4 Kg5 40. Tg7+ gegönnt. Hou Yifan wählte den kompliziertesten Weg 34. Te8 und musste nach 34. … Dd6 35. Lg3 Db6 36. Dd3! finden, wonach die Partie noch vier Züge dauerte, bis Caruana nach 36. … Ld7 37. Lxd7 Tdxd7 38. Df5 Lxg3 39. Dg4+ Kg6 40. Dh3+ aufgab. Hou Yifan, die voriges Jahr aus den Top Hundert fiel, beendete damit eine sieglose Durststrecke in ihren letzten Einladungsturnieren und Matchen. Es war zugleich ihr erster Sieg gegen einen Spieler über 2800 Elo.

Hier können alle Partien nachgespielt werden. Die Partien der kommenden Tage (außer Dienstag) können jeweils ab 15 Uhr hier verfolgt werden. Zur Übertragung der Spitzenbretter des Opens geht es hier.

 

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