Berührt, geführt

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Patt in 192 Zügen

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Wenn die zwei nominell stärksten Spieler eines Turniers aufeinandertreffen, sind die Erwartungen hoch. Zumal wenn es der Weltmeister mit jenem Rivalen zu tun hat, der ihn so oft geschlagen hat wie sonst keiner. Die Kampfhandlungen zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana in der vierten Runde des Grenke Chess Classic währten indessen nur kurz. Nach 20 Zügen war der Weltmeister auf den ersten Blick in Schwierigkeiten, weil der Läufer, der seinen frech vorgepreschten Springer deckte, angegriffen war und kein Rückzugsfeld hatte, wo er nicht entweder geschlagen würde oder seine Deckungsaufgabe verlor.

Natürlich hatte Carlsen das berechnet, und nach seinem Zug 21. Se6! schlug Caruana natürlich nicht den Springer, weil er ihn nach 21. … fxe6? 22. dxe6 wegen des drohenden Abzugsschachs mit Zinsen gleich wieder los wäre, sondern den Läufer: 21. … Sxf4 22. Sxf4 Ld6 23. Sd3 Sc5 24. Sxc5 Txc5, und der vom schwarzen Läufer zuverlässig blockierte weiße Mehrbauer war wegen der unterschiedlichen Felderfarbe der Läufer bedeutungslos, so dass auch Carlsens vierte Partie in diesem Turnier remis endete.

Anders als am Osterwochenende in Karlsruhe, als während der ersten drei Runden täglich etwa 1500 Schachfans für eine außergewöhnliche Atmosphäre sorgten, ist die Kulisse nach dem Wechsel an die Akademiebühne am Ooser Rand von Baden-Baden bescheidener. Auch auf den Brettern ging es nicht so spektakulär zu wie in Karlsruhe. Nur ein paar Dutzend Zuschauer erlebten mit, wie Hou Yifan die Führung am Mittwoch abgeben musste. Gegen Maxime Vachier-Lagrave verteidigte sich die Chinesin zunächst gut, gestattete ihrem Gegner dann aber ohne Not, dass er einen entfernten Freibauern auf der h-Linie kriegt (Freibauern sind Bauern, die von gegnerischen Bauern nicht mehr blockiert oder geschlagen werden können), was selten eine gute Idee ist, wenn man mit einem kurzschrittigen Springer gegen einen langschrittigen Läufer verteidigt, und so verlor sie ihre erste Partie.

Neuer Leader beim Grenke Chess Classic ist Lewon Aronjan (Foto: Georgios Souleidis)

Vorne ist nun mit 3 Punkten aus vier Partien Lewon Aronjan nach einem Sieg gegen den zunehmend überfordert wirkenden Matthias Blübaum. Platz zwei teilen mit je 2,5 Punkten Caruana, Hou Yifan und Arkadi Naiditsch, der gegen Georg Meier zuerst schlechter, dann fast auf Gewinn und schließlich wieder schlechter stand, bevor nach 68 Zügen der Punkt geteilt wurde (diese Partie und die anderen zum Nachspielen). Am nächsten dran war Naiditsch einem Punkt hier, nachdem Meier unnötigerweise den weißen Turm in sein Lager gelassen hatte:

Naiditsch zog 29. exf7 Txd2 30. Lh4+ Kf8 31. Txd7 Le7 32. Lxe7+ Sxe7, und trotz des weißen Mehrbauern war die Sache nicht so klar. Meier konnte sogar später noch Gewinnversuche unternehmen. Ausgelassen hat Naiditsch das hübsche 29. Lh4+ f6 30. Lxf6+! – sowohl nach 30. … gxf6? 31. g7 Kf7 32. Txd7 als auch dem besseren 30. … Kxf6 31. Txd7 Le7 32. Sf3 oder 30. … Ke8 31. Sxc4! dxc4 32. Lxg7 ist Weiß am Drücker.

Es passiert nicht oft, dass ein Großmeister nach elf Zügen bereits sturmreif steht. So ist es am Wochenende im Open dem früheren Nationalspieler Alexander Graf ergangen:

Alexander Seyb, angehender Jurist aus Franken, opferte auf dem von Schwarz meistbefestigten Punkt e5 gleich zweimal: 12. e5! fxe5 13. Se4 La7 14. Sf6! Sce7 (nach 14. … Sxf6 15. Lxf6 geht der Turm verloren) 15. Dd2 Dc6 16. Sxe5! dxe5 17. Dd8+ Kg7 18. Se8+ Kf8 (18. … Kh6 19. Dd2+) 19. Lxe7+ Sxe7 20. Sd6+ Kg7 21. Dxe7+ Kh6 22. Sf7+, und Schwarz gab auf.

Ein Kuriosum aus dem Open war die Partie zwischen Sergei Volkow und Adrian Gschnitzer. So stand es nach 53 Zügen:

Da der weiße Turm sich nicht befreien kann, ohne dass sein einziger Trumpf, der freie g-Bauer fällt, ist die Stellung ziemlich banal remis. Doch der russische Profi wollte sich gegen den Heidelberger Schüler damit nicht abfinden. Die nächsten 126 Züge spielten ausschließlich der weiße König und der schwarze Turm, nur unterbrochen von zwei Zügen des weißen a-Bauern, sonst hätte die 50-Züge-Regel gegriffen (nach fünfzig Zügen ohne Schlag- oder Bauernzug kann remis reklamiert werden). Nach quälerisch langer Zeit gab Volkow seinen g-Bauern auf, tauschte die Türme und setzte im 192. Zug patt – die längste überlieferte Partie des Festivals.

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