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Carlsen mit Struppeltolle aber ohne Chance auf Turniersieg

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Neue Brille, neuer Haarschnitt, neue Freundin – oder muss es heißen, endlich eine Freundin? Der Weltmeister sorgte beim Grenke Chess Classic von Anfang an für Gesprächsstoff. Nur nicht der von ihm gewünschten Art. So sehr sich Magnus Carlsen auch bemühte, endeten alle seine Partien remis, bis sich Georg Meier in Runde fünf erbarmte und ihm die Eröffnung vorgab. Am Freitag tauchte dann allerdings schon nach nur zehn Zügen wieder das Remisgespenst auf. Eine Zugwiederholung war das beste, was Arkadi Naiditsch sich mit Weiß hier gegen Carlsen ausrechnete.

Es folgte 11. Sc7 Ta7 und nun nicht 12. Sxd5? Sxd5 13. Lxb8 Ta8 14. Se5 Sxe3! 15. fxe3 Lxe5 mit Vorteil für Schwarz sondern 12. Sb5. Man hätte es verstanden, wenn Carlsen hier 12. … Ta8 gezogen hätte. Die einzige Alternative lautete, seine Bauernformation zu schwächen und mit Nachteil weiterzukämpfen. Nur mit einem Sieg hatte er freilich noch Chancen, den bereits um einen Punkt enteilten Lewon Aronjan vielleicht noch abzufangen. Also tat Carlsen, was eines Weltmeisters würdig ist, und spielte 12. … axb5 13. Lxb8 Ta8 14. Le5 b4. Hier war nicht nur das Publikum erleichtert, sondern wohl auch Naiditsch. Schließlich hätte so ein Kurzremis seinen Ruf als Kämpfer ohne Angst vor großen Namen zumindest ein bisschen angeknackst. So entwickelte sich noch ein interessanter Kampf, der in einer ungewöhnlichen Materialkonstellation von weißer Dame und drei Bauern gegen zwei schwarze Türme und einen Läufer mit Remis endete.

Seine Struppeltolle erklärte Carlsen mit einem Thermenbesuch am Vorabend (Foto: chess24)

Aronjans Lauf hält derweil an. Gegen Hou Yifan opferte der Armenier in der Eröffnung einen Bauern:

10. … Sg4 11. h3 Sh6 12. Lxh6 gxh6 13. Td1 Le6 14. Se4 wäre nun nicht so gut. Doch nach 10. … Sd7 oder 10. … Sg8 hätte Aronjan den Wert seines Gambits erst einmal beweisen müssen. Hou gab den Bauern lieber sofort zurück. Nach 10. … Se4 11. Sxe4 dxe4 12. Dxe4 Dd5 13. Df4 Le7 14. 0-0 0-0 15. Td1 stand Weiß angenehmer. Aronjan erhielt später ein vorteilhaftes Endspiel und landete seinen vierten Sieg in Folge.

Da neben Carlsen auch sein anderer Verfolger Fabiano Caruana gegen Matthias Blübaum trotz langer Bemühungen nicht mehr als ein Remis herausholte, geht Aronjan mit 1,5 Punkten Vorsprung in die Schlussrunde an diesem Samstag. Der erste Platz ist ihm also nicht mehr zu nehmen. Das Geheimnis seines Erfolgs? Vielleicht, dass er zuletzt zwei quasi schachfreie Monate verbrachte, wie ein spanischer Freund David Llada auf twitter verriet.

Georg Meier bewies derweil, dass die Eröffnungskatastrophe des Vortags gegen Carlsen eine Ausnahme war. Gegen Maxime Vachier-Lagrave konnte er mit Schwarz weit seiner Vorbereitung in seiner Französisch-Lieblingsvariante folgen und eine Neuerung anbringen. Nachdem der Punkt geteilt war, sagte der Franzose: „Wenn jemand aufpassen musste, um remis zu machen, war es ich.“

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