Berührt, geführt

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Lange Denken führt zu nichts

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Züge, über die länger als zwanzig Minuten nachgedacht wird, stellen sich später oft als Fehler heraus, hat der englische Großmeister John Nunn einmal festgestellt. Lewon Aronjan belustigte sich dieser Tage über zu langes Nachdenken. Der vorzeitige Sieger des Grenke Chess Classic grübelte in seiner letzten Partie allerdings selbst außergewöhnlich lange über seinen 42. Zug nach, nämlich volle fünfzig Minuten. Nunns Orakel traf auch in seinem Fall zu. Heraus kam ein Fehler, der aus einer gewonnenen Stellung eine fast verlorene machte. Aronjan und sein Gegner Fabiano Caruana hatten beide gerade je einen Bauern in eine neue Dame umgewandelt, wobei Caruana, der bereits einen Springer weniger hatte, um die Umwandlung zu ermöglichen, auch noch einen Turm opfern musste. Weil Aronjans König offen und die meisten seiner Figuren zu weit entfernt zum Verteidigen standen, waren Aronjans Mehrfiguren aber nicht ausschlaggebend, da die weiße Dame und der weiße Turm über seinen König herzufallen drohen. Viel, sehr viel kam auf seinen folgenden Zug an.

Der Computer zeigte zwei Gewinnzüge für Schwarz: Zum Sieg führe sowohl 42. … De1 und falls 43. Td8+ Kc7 44. Tc8+ Kd6 45. Dd8+ Td7 setzt 46. Df6+ nicht matt, weil 46. … De6 geht, als auch 42. … Da7, um auf 43. Td8+ Kc7 44. Tc8+ mit 44. … Kb6 45. Dd8+ Ka6 flüchten zu können, ohne dass 46. Ta8 mattsetzt. Aronjan berechnete allerdings ganz andere Varianten. Er sah auf 42. … Se2 (mit der hübschen aber leicht zu durchschauenden Pointe 43. Dxa1? Th7 matt) ein Dauerschach und hielt 42. … Da5, was 43. Td8+ verhindert aber nichts gegen Damenschachs aus der anderen Richtung leistet, irrtümlich für den einzigen schwarzen Gewinnversuch. Dabei hatte er übersehen, dass Weiß nach 43. Dh3+ Kc7 44. Dg3+ hat. Nach den weiteren Zügen 44. … Kd7 45. Dd3+ Ke7 46. De3+ Kd6 47. Tg6+ Kc7 48. De5+ Kc8 49. Tg8+ war Aronjan gezwungen, mit 49. … Dd8 seine Dame für den Turm zu geben, wobei aber auch sein c-Bauer fiel. Danach verteidigte er sich präzise und rettete ein Remis.

Turniersieger Lewon Aronjan ging oft auf und ab, während Fabiano Caruana nachdachte (Foto: Georgios Souleidis)

Sehenswert ist, wie Aronjan zuvor Caruana den Springer abgenommen hatte:

Aronjan hat 21. Sc5 gerade mit 21. … Td5 erwidert. Dass nach 22. Sxb7? Tb8 der Springer gefangen ist, ist leicht zu sehen. Mit 22. Sd3 wäre die Stellung noch annähernd im Gleichgewicht geblieben. Doch dafür hatte Caruana seinen Springer nicht nach c5 gezogen. Er zog also 22. Sxe6 (Aronjan: „eine angenehme Überraschung“) 22. … Tc8 23. b3? (23. f4 oder 23. Tad1 hätte den Schaden in Grenzen gehalten, doch Caruana hatte den nächsten Zug nicht auf der Rechnung) 23. … c5! 24. c4 Td6, und sein Springer saß in der Falle. Caruana holte sich mit 25. Sxg7 Kxg6 26. Lxe5 zwar zwei Bauern, aber objektiv war seine Stellung von da an verloren – bis zu Aronjans 42. Zug.

Einbruchssicherung

Magnus Carlsen versuchte einiges in seiner letzten Partie. Einen Freibauern auf c6 opferte er, um Maxime Vachier-Lagrave in eine Fesselung zu nötigen.

Um zu gewinnen müsste der Weltmeister mit seinem König eindringen. Wäre er mit Weiß am Zug entschiede 45. h5 gxh5 46. Kg3 und Kg3-Kh4xh5-g5xf5 lässt sich nur unter Verlust des Springers verhindern bzw. 45. … g5 46. fxg5 hxg5 47. Txc6 Txc6 48. Lxc6 Kxc6 49. h6. Doch Schwarz war am Zug, und Maxime Vachier-Lagrave verhinderte den Einbruch mit 44. … h5! und behauptete so seine Festung. Darauf wanderte Carlsen mit seinem König zum Damenflügel, doch in ein Bauernendspiel durfte er nicht abtauschen, weil dann Schwarz mit dem Durchbruch g6-g5 einen uneinholbaren Freibauern hätte bilden können. Auch diese Partie endete schließlich mit einer Punkteteilung.

Nachdem in diesem sehr kampflustigen Turnier zuvor mehr als die Hälfte der Partien einen Sieger und einen Besiegten hatten, endeten am Abschlusstag alle Begegnungen remis. Enttäuschend war dies allerdings nur auf den ersten Blick, weil alle Partien spannend verliefen. Nämlich auch das Spiel um Platz sieben zwischen den Nationalspielern Georg Meier und Matthias Blübaum als auch das zwischen Hou Yifan und Arkadi Naiditsch, der aus Not einen Turm für einen Springer und Bauern opferte, aber danach sogar Gewinnchancen bekam.

Hou Yifan schreibt ein Autogramm direkt aufs Hemd (Foto: Löffler)

Damit lautete der Endstand nach sieben Runden: 1. Aronjan 5,5, 2.-3. Caruana, Carlsen je 4, 4.-6. Hou, Naiditsch, Vachier-Lagrave je 3,5, 7.-8. Meier, Blübaum je 2

Fortsetzung gilt als sicher

Organisationschef Sven Noppes zog eine sehr positive Bilanz. Dass es auch 2018 ein Grenke Chess Classic und ein Grenke Open geben wird, wohl wieder verteilt auf Karlsruhe und Baden-Baden, darf als nahezu sicher gelten.

Das nächste Weltklasseturnier läuft übrigens schon, nämlich in Schamkir im Westen von Aserbaidschan. Dort hat der Weltranglistenzweite Wesley So am Freitag nach 65 unbesiegten Partien in Folge erstmals wieder eine Partie verloren und zwar durch einen groben Fehler in etwa ausgeglichener Stellung gegen Schachrijar Mamedscharow. Zwei Plätze fürs nächste Kandidatenturnier werden für die beiden Spieler mit der höchsten Durchschnittselo zwischen Januar und Dezember 2017 vergeben. Wesley So hat die beste Ausgangsposition derzeit. Caruana und Vachier-Lagrave sind im Rennen. Aronjan bleibt trotz seines schönen Elozugewinns wegen seiner relativ niedrigen Zahl in den ersten Monaten des Jahres nur Außenseiter.

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