Berührt, geführt

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Die stärkste Liga wagt ihren stärksten Auftritt

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In vielen Ländern wird die nationale Schachliga zentral ausgetragen. In England oder Österreich sind die Spieltage über einige Wochenenden verteilt, in der Schweiz findet nur die abschließende Doppelrunde an einem gemeinsamen Ort statt, in Frankreich und Spanien wird dafür gleich das ganze Turnier an einem Stück durchgezogen. Das spart Reise- und Veranstaltungskosten und hält die Terminkalender der Profis übersichtlich. Viele verdingen sich schließlich in mehreren nationalen Ligen parallel. Dass sich viele Vereine gerne mit Heimkämpfen präsentieren, ist eigentlich eine Spezialität der Schachbundesliga. So präsentiert sich die stärkste Schachliga der Welt, die ein Vorbild für andere nationale Ligen war, in ihrer 27jährigen Geschichte erst zum vierten Mal mit einer zentralen Austragung an diesem Wochenende in Berlin.

Drei Spieltage stehen im Berliner Maritim-Hotel am Samstag, Sonntag und Montag noch an. Die OSG Baden-Baden hat alle zwölf Spiele bisher gewonnen und wird mit hoher Wahrscheinlich am Samstagabend vorzeitig als Deutscher Meister feststehen. Nach einer Unterbrechung durch die SG Solingen im Vorjahr wird es der elfte Titel für das mit Abstand spielstärkste und teuerste Team. Damit im Aufeinandertreffen mit dem momentan Zweitplatzierten SV Hockenheim nichts anbrannte, trat Baden-Baden mit Fabiano Caruana, Maxime Vachier-Lagrave und Exweltmeister Vishy Anand an. Noch ohne Einsatz in dieser Saison ist Lewon Aronjan, der vorige Woche Sieger das vom gleichen Sponsor finanzierte, auch als „erweiterte Vereinsmeisterschaft“ laufende Grenke Chess Classic gewonnen hat. Da Aronjans Familie in Berlin lebt, wird er dabei sein, wie die OSG Baden-Baden auf Nachfrage bestätigt hat.

Exweltmeister Anatoli Karpow soll Hockenheim zum Vizemeistertitel helfen (Foto: Georgios Souleidis)

Spannend ist diese Saison der Kampf um die Plätze. Hockenheim und Schwäbisch Hall haben die etwas bessere Ausgangsposition gegenüber Solingen und Mülheim-Nord, die beide noch gegen Baden-Baden antreten müssen. Hockenheim hat angekündigt, an diesem Wochenende Exweltmeister Anatoli Karpow aufzubieten. All diese Teams haben gemein, dass sie praktisch ausschließlich mit Großmeistern, allenfalls einzelnen jungen Spielern, die dieses Niveau auch schon haben, antreten. An den acht Brettern bedeutet das gemittelt rund 2600 Elopunkte. Die Teams des Mittelfelds von Platz sechs bis elf liegen gemittelt in der 2500er-Region. Sie setzen zwar ebenfalls großteils auf Großmeister, haben aber auch Spieler dabei, die diesen Titel noch erreichen wollen. So hat Roven Vogel, der U16-Weltmeister von 2015, auf Seiten des USV TU Dresden gute Aussichten auf eine Großmeisternorm. Jonas Lampert vom Hamburger SK hat sie schon sicher.

Gerangelt wird auch noch um Platz zwölf, der den sportlichen Klassenerhalt sichert. Diese Saison fielen fünf Teams deutlich gegenüber dem Mittelfeld ab, nämlich Speyer-Schwegenheim, die Schachabteilung des FC Bayern München, König Tegel, der SV Griesheim und Zugzwang MSA München. Auch sie können alle ein paar Großmeister aufstellen, haben an den acht Brettern aber überwiegend Spieler ohne diesen Titel sitzen und liegen im Eloschnitt knapp unter 2500. Alle fünf Teams haben noch Chancen sich zu retten, wobei der Sieger des direkten Vergleichs der Münchner Teams wohl die besten Karten hat. In der Praxis reicht wegen Rückzügen und Verzichten seitens der Aufsteiger seit vielen Jahren auch Platz 13, manchmal auch Platz 14, 15 und sogar 16 zum Verbleib in der Liga.

Wie groß der Abstand zwischen der Bundesliga und den Zweiten Ligen ist, zeigt sich daran, dass drei der genannten Teams vorige Saison erst aufgestiegen sind und die anderen beiden vorige Saison auf Abstiegsplätzen beendeten und nur dank Rückzügen noch dem Oberhaus angehören. Es kommt freilich auch vor, dass sich ein Aufsteiger nicht unten einordnet, sondern gleich um die vorderen Plätze spielen kann. Wie absehbarerweise kommende Saison die SF Deizisau, die schon in der Zweiten Liga fast nur mit gestandenen Großmeistern antraten und den gleichen Sponsor wie die OSG Baden-Baden haben.

Die Einsätze deutscher und ausländischer Spieler halten sich zuletzt etwa die Waage. Eine Beschränkung des Einsatzes von Ausländern gibt es in der Bundesliga schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Für die Nachwuchsförderung und das Auskommen der deutschen Profis und Halbprofis leistet die Liga freilich weniger als möglich. Die Bundesligisten dürfen zwar über den 16er-Kader hinaus Jugendspieler melden, doch zum Einsatz kommen sie bei den meisten Teams nicht. Es gibt auch eine Frauenbundesliga, in der ebenfalls zahlreiche Profi- und Halbprofispielerinnen aus dem Ausland mittun. Die Frauenbundesliga spielt erstmals am gleichen Ort wie die Männerliga und ermittelt in den drei Schlussrunden in Berlin Meister und Absteiger.

Zuschauer können die Spiele auf zahlreichen Monitoren verfolgen und der Livekommentierung lauschen. Es gibt Infostände, Blitzturniere und eine eigene Website mit einem Überblick über alle Angebote. Hohe Erwartungen an dieses Großevent haben sowohl die als eigener Verein organisierte Liga als auch der Ausrichter. Die Schachfreunde Berlin haben sich erheblich engagiert. Dem deutschen Schach verhelfen sie zu einem zweiten großen Stelldichein binnen zwei Wochen nach dem Festival in Karlsruhe. Vom Deutschen Schachbund hätte sich der Ausrichterverein daher mehr Unterstützung erwartet und hofft nun auf zahlreiche Zuschauer, die mit ihrem knapp kalkulierten Eintrittspreis das Defizit gering halten helfen.

Parallel findet zum hier kürzlich thematisierten Vereinsschach eine Konferenz mit Referenten aus ganz Deutschland statt. Unter anderem der Spagat zwischen einem Vereinsleben, das diesen Namen verdient, und der Beteiligung an nationalen Ligen mit Spielern, die großteils weit vom Verein entfernt zuhause sind. Vielleicht wird bemerkt, dass sich die Probleme und Chancen des organisierten Schachs überall in Mitteleuropa ähneln. Über die Grenzen hinaus Erfahrungen und Ideen austauschen kann man dann zu einem späteren Zeitpunkt.

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