Berührt, geführt

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Schulschach als Chefsache

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Die größte jährliche Schachwerbeveranstaltung der Welt hat sich selbst übertroffen. 4240 Schüler und Schülerinnen kamen vorigen Dienstag in die Hamburger Barclaycard Arena, um beim traditionellen Match Rechtes Alsterufer gegen Linkes Alsterufer je eine Partie Schach zu spielen (Cosponsor Chessbase zeigt sehenswerte Fotos von Stefan Malzkorn). Das Rechte Alsterufer gewann mit 1076:1046 (einige Schüler spielten anscheinend keine gewertete Partie). Es war der zwanzigste Sieg des Rechten Alsterufers. In der ewigen Tabelle liegt das Linke Alsterufer immer noch deutlich vorn mit 36 zu 20 Siegen.

Die Erfolgsgeschichte nach einer Idee des Lehrers Franz Buroh begann 1958 mit knapp 200 Schülern und einem vom damaligen Präsidenten des Deutschen Schachbunds Emil Dähne gestifteten Silberpokal. Im gleichen Jahr formierte sich der Hamburger Schachjugendbund. Er war das Vorbild für die 1970 gegründete Deutsche Schachjugend. Bisher hat der Deutsche Schachbund das Thema Schulschach seiner weitgehend eigenständigen Jugendorganisation überlassen. Das sollte sich nun ändern.

4240 Teilnehmer bei Rechtes Alsterufer – Linkes Alsterufer bedeuten in Hamburg Weltrekord (Foto: Dirk Eisermann)

Bei den Wahlen des Deutschen Schachbundes Ende Mai muss sich der seit 2011 amtierende Präsident Herbert Bastian einem Herausforderer stellen, der dafür sorgen will, dass weit mehr Vereine als bisher an das boomende Schulschach andocken. Ullrich Krauses Lübecker Schachverein gehört dank der Zusammenarbeit mit Schulen und mit einem professionellen Schachlehrer zu den mitgliederstärksten in Deutschland. Ebenso der SC Vaterstetten-Grasbrunn, aus dem der Vorsitzende der Deutschen Schulschachstiftung Walter Rädler kommt. Der umtriebige Bayer kandidiert als Vizepräsident für Verbandsentwicklung.

Schulschach im Deutschen Schachbund von einer Neben- zur Chefsache zu befördern macht Sinn. Die Deutsche Schachjugend hat zwar jede Menge engagierte Ehrenamtliche jedoch kaum Ressourcen – im Unterschied zum Dachverband, der großteils in sportliche Maßnahmen investiert bei allerdings mäßiger Ausbeute. Vor zehn Jahren war das deutsche Schulschach einigermaßen führend: mit dem Vorzeige-Event in Hamburg, jährlichen Schulschachkongressen, einer gefragten Fortbildung namens Schulschachpatent, einer Vielzahl an Lehrmaterialien, darunter der mehrfach ausgezeichneten ersten Schachsoftware für Kinder „Fritz und Fertig“, und überhaupt einer Menge kreativer und engagierter Lehrer. Einige deutsche Schulen wie dieses Hamburger Gymnasium experimentieren inzwischen erfolgreich mit Schach als Fach. Doch die Fortschritte sind vergleichsweise bescheiden, während anderswo im Schulschach geklotzt wird.

2012 sprach sich das Europäische Parlament für die Einführung von Schach in den Bildungssystemen aus. In Ungarn ist es Wahlfach an den Grundschulen. In Polen wird es diesen Herbst flächendeckend eingeführt. In Armenien ist es sogar Pflichtfach von der zweiten bis zur fünften Klasse. Pädagogische Pionierarbeit wird auch in Italien geleistet und in Dänemark, wo die Schulschachorganisation weit erfolgreicher und größer ist als der nationale Schachverband. Kommendes Wochenende ist eine Schulschachkonferenz in Warschau, eine Woche später in Turin, in Spanien findet derzeit fast jede Woche eine statt. Dort konkurrieren mehrere Anbieter, um Schachfortbildungen und Lehrmaterialien an die Lehrerschaft zu bringen.

Am größten ist Schulschach aber in den USA. Befeuert von Stories und Studien, dass Schach die Chancen sozial benachteiligter Schüler auf einen Schulabschluss verbessert, machen Stiftungen und Philantropen Millionen Dollar locker. Millionen amerikanischer Schüler lernen und spielen Schach an ihren Schulen. Bei den „SuperNationals“ sitzen an diesem Wochenende in Nashville 5577 Schüler und Schülerinnen an den Brettern. Erfolgreiche Schachspieler werden übrigens von immer mehr amerikanischen Unis mit Stipendien umworben.

Dabei ist der schulische Nutzen des Schachunterrichts nicht so deutlich und gut belegt, wie Befürworter des Spiels mitunter vorgeben. Zudem werden Methoden und Inhalte des Schachunterrichts in Begleitforschungen bisher kaum erfasst, geschweige denn reflektiert. Es macht aber einen gehörigen Unterschied, ob die Vermittlung rein auf die Turnierform des Spiels abzielt oder ob sie pädagogisch ausgerichtet ist und die Vielfalt kleiner Spiele, Schachvarianten und logischer und mathematischer Rätsel auf dem Schachbrett nutzt, wie es eine kleine, aber wachsende Bewegung, in Deutschland vor allem Walter Rädler, vormacht.

Dazu kommt die Geschlechterproblematik: Grundschullehrerinnen (überwiegend weiblich), die mit Schach bisher nichts am Hut haben, kommen nicht zu Fortbildungen. Sie trauen sich nicht zu, es in ihrer Klasse zu vermitteln, und überlassen das Feld lieber spezialisierten Schachlehrern (überwiegend männlich). Wo Schachunterricht freiwillig ist, sind Mädchen rasch in der Minderheit. Vereinsschach ist dann erst recht eine männliche Domäne, Spitzenschach sowieso. Der Medizinprofessor Rolf Larisch erklärt dies in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Schach damit, dass Frauen mangels Testosteron schlicht weniger Interesse am Egospiel Schach haben. Ein kooperatives und kommunikatives Spiel wie Bridge liegt ihnen offenbar mehr.

Dabei gibt es kooperative Schachvarianten. Zum Beispiel Paarschach mit abwechselndem Ziehen. Oder Hands and Brain, bei dem einer im Team ansagt, welcher Figurentyp gezogen werden soll, und der Partner entscheidet dann wohin. Oder Tandemschach an zwei Brettern, bei dem geschlagene Figuren dem Partner weitergereicht werden, der sie anstelle eines Zuges mit einer auf dem Brett vorhandenen Figur dorthin einsetzen darf. Diese subversive und mitunter lautstarke Spielform ist in  manchem Schachverein verboten. In vielen Schulschachgruppen sind Paarschach, Hands and Brain und Tandem noch gar nicht bekannt.

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