Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Bühne der Hoffnungsträger

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Mindestens die Hälfte der Teilnehmer hatte auf einer Deutschen Einzelmeisterschaft im Schach zumindest aus sportlicher Sicht nichts verloren. Trotzdem wurde die diesjährige Auflage im Gegensatz zur preisgeldlosen Meisterschaft in Lübeck vorigen Oktober ihrem Namen halbwegs gerecht. Mehrere Nationalspieler und Nachwuchshoffnungen des deutschen Schachs nahmen die Einladung in die thüringische Stadt Apolda an, so dass neben Amateurgeschiebe auch absolut vorzeigbares Schach geboten wurde. Überzeugender Sieger wurde Liviu-Dieter Nisipeanu, der 2014 vom Rumänischen zum Deutschen Schachbund wechselte und in Apolda als Elofavorit startete. Dahinter reihten sich die jungen Hoffnungsträger wie der 19 Jahre alte Alexander Donchenko. Nisipeanu konnte ihn im entscheidenden direkten Aufeinandertreffen dank einem Knallerzug besiegen. Statt seinen angegriffenen Turm von b7 abzuziehen, schob er seinen Springer von e3 nach d5:

Die Pointe ist 15. … Dxb7 16. Sxf6+ Kg7 17. Dd6. Nun droht 18. Lh6+ Kxh6 19. Dxf8+, und sowohl auf 17. … Sc6 als auch 17. … Tc8 entscheidet 18. Sh5+! und falls 18. … gxh5 19. Lh6+ Kg8 20. Df6 nebst Matt auf g7. Zumal 16. Se7+ droht, blieb Schwarz nichts anderes übrig, als mit 15. … Sxd5 16. Dxd5 Dxd5 17. exd5 in ein Endspiel zu gehen, in dem dank der besseren Leichtfigur und des freien d-Bauer aller Spaß auf der weißen Seite lag (hier die vollständige Partie). Der in Moskau geborene, aber seit seinem fünften Lebensjahr in Gießen lebende Donchenko steckte die Niederlage weg und wurde Dritter.

Auf Platz zwei kam der 20 Jahre alte, in Dänemark geborene Lübecker Rasmus Svane dank eines abschließenden Siegs gegen Nationalspieler Georg Meier, der in dieser Partie zunächst stark eine Figur opferte, aber den Abtausch der Damen falsch einschätzte. Vierter wurde der meistbeachtete Teilnehmer des Turniers, Vincent Keymer, der hier vor einem Jahr porträtiert wurde.

Vincent Keymer, 12, optimistisch vor der letzten Runde (Foto: Klaus Steffan)

Der zwölfjährige Sohn eines Musikerpaars ist die derzeit größte deutsche Hoffnung auf einen Weltklassespieler oder gar Weltmeister. Dank Unterstützung der Baden-Badener Leasingfirma Grenke wird er von dem ehemaligen WM-Kandidaten Artur Jussupow trainiert. In Apolda zeigte Keymer sich als starker Kämpfer und unterlag nur Donchenko. In der letzten Runde war im Falle eines Sieges für ihn eine erste Großmeisternorm in Reichweite. Das erreichte Remis sichert Keymer – als bisher jüngstem Deutschen – zunächst einmal den Titel eines Internationalen Meisters.

Auf Platz fünf folgt der Hamburger Dmitrij Kollars, der kürzlich mit 17 Jahren als derzeit jüngster Deutscher den Großmeistertitel errungen und eine Profikarriere eingeschlagen hat. Erwähnenswert ist der ebenfalls aus Hamburg stammende, 14 Jahre alte Luis Engel, der Zehnter wurde und ebenfalls eine Internationale Meisternorm in Apolda erspielte. Mit mehr Eröffnungswissen und Turniererfahrung kann er bald große Schritte nach vorne machen. Ein anderer Hamburger, der Deutsche Meister von 2010 Niclas Huschenbeth, zog ihm dieses Mal allerdings noch die Ohren lang (Partie am Bildschirm nachspielen):

Huschenbeth – Engel

1. e4 c5 2.  Sc3 a6 3. g3 b5 4. Lg2 Lb7 5. d3 e6 6. f4 d5 7. f5!? d4 8. fxe6

Nichts für schwache Nerven wäre nun 8. … dxc3 9. exf7+ Kxf7 10. Sf3, und Weiß hat Initiative, Entwicklungsvorsprung, das Zentrum und ein bis zwei Bauern für die Figur.

8. … fxe6 9. Sce2 e5 10. Sf3 Sc6 11. 0-0 Le7 12. c3

Nun ist eine „königsindische“ Struktur mit vertauschten Farben auf dem Brett. Dank Entwicklungsvorsprung, bereits geöffneter f-Linie und der unglücklichen Positionierung des Läufers auf b7 spielt Weiß hier nicht auf einen langfristigen Angriff am Königsflügel sondern öffnet die Stellung, wo er kann.

12. … Dd6?! 13. cxd4 cxd4 14. a4 De6 15. Kh1 h6?

Nicht schön, aber schadensbegrenzend war 15. … b4. Mit h7-h6 schwächt Schwarz das Feld g6 und die Diagonale h5-e8. Das fehlte Weiß gerade noch, um losschlagen zu können. Sein einziges Sorgenkind, der Springer auf e2, wird gleich entscheidende Drohungen servieren.

16. Sxe5!! Dxe5

Auch nach 16. … Sxe5 17. Sxd4 Dg4 18. Db3 pfeift die schwarze Stellung aus allen Löchern.

17. Sf4 Th7

Das Beschwichtigungsopfer 17. … g5 18. Sg6 Dg7 19. Sxh8 Dxh8 20. Dh5+ Kd8 würde mit 21. axb5 axb5 22. Txa8 Lxa8 23. Lxg5! und falls 23. … Lxg5 24. Tf8+ wirkungsvoll widerlegt.

18. Sd5 Ld6? 19. axb5 axb5 20. Txa8 Lxa8 21. Db3 Sce7 22. Lf4 Lxd5

22. … De6 23. Sc7+ kostet die Dame.

23. exd5  Schwarz gab auf.

Georg Meier wird mit seinem sechsten Platz (hier die ganze Tabelle) nicht zufrieden sein, noch viel weniger allerdings der dritte gestartete Nationalspieler Rainer Buhmann, der sämtliche neun Partien gegen Amateure remisierte. Alle genannten Spieler hatten Freiplätze. Daneben waren auch zahlreiche Meister der Landesverbände dabei, die mit der Leistungsspitze ihrer Bundesländer jedoch gar nichts zu tun haben. Für starke Spieler bestehen weder sportliche noch finanzielle Anreize zur zeitaufwändigen Teilnahme an Landesmeisterschaften. Diese werden dadurch aufgemotzt, indem die Landesverbände erhebliche Mittel aufwenden, um die Erstplatzierten zur Deutschen Meisterschaft zu schicken. Rechnet man die Zuschüsse der Deutschen Schachbunds und die Zuschüsse für die Deutsche Damenmeisterschaft dazu, die für die besten Spielerinnen ebenfalls keinen sportlichen Wert haben, werden Jahr für Jahr mindestens 50.000 Euro Verbandsmittel in eine Fehlkonstruktion investiert.

Wiedergeburt der Deutschen Schachkongresse?

Dass eine Reform der Einzelmeisterschaft überfällig ist, haben die Funktionäre erkannt und daher in Apolda das Gespräch mit den Spielern gesucht. Dass die Frauen wie in Spanien bei den Männern mitspielen und die Bestplatzierte den Titel erhält, dass die Deutsche Meisterschaft ab einer bestimmten Mindestelo gegen Startgeldzahlung geöffnet wird oder dass durch den Wechsel zum K.o.-System spannender formatiert wird, scheint allerdings alles erst einmal nicht zur Debatte zu stehen. Schon revolutionär genug erscheint manchem, wenn die nächste Deutsche Meisterschaft in der Pfingstwoche 2018 gemeinsam mit den Deutschen Jugendmeisterschaften und Sitzungen des Schachbundes durchgeführt wird.

Einem Vorschlag von Artur Jussupow folgend würde der neue Präsident des Deutschen Schachbunds die Einzelmeisterschaft gerne zweiteilen. Nämlich in ein Turnier nach bisherigem Modell mit den Meistern der Landesverbände, in dem sich die Erstplatzierten für eine tatsächliche Meisterschaft qualifizieren, und ein Rundenturnier mit zehn Teilnehmern, für das der Bundestrainer Freiplätze an Nationalspieler vergibt und daneben die jeweiligen Erstplatzierten des vorigen Mals eingeladen werden. Aufstiege vom Hauptturnier ins Meisterturnier gab es bereits bei den Deutschen Schachkongressen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert für Zusammenhalt und Austausch sorgten. Konkret im nächsten Jahr wäre ein solcher Kongress allerdings höchstens der drittattraktivste Treffpunkt des deutschen Schachs kurz nach einer Zentralen Bundesligaendrunde, die wieder in Berlin geplant ist, und dem Grenke Schachfestival über Ostern in Karlsruhe, zumal auch noch im März 2018 mit dem Kandidatenturnier zur Schach-WM ein internationaler Höhepunkt nach Deutschland kommen könnte.

Bevor im Herbst und Winter eher ruhige Monate im deutschen Schach einziehen, steht ab 15. Juli erst einmal das Dortmunder Sparkassen Chess Meeting an, bei dem sich der neue Deutsche Meister Nisipeanu und Matthias Blübaum mit Kramnik, Vachier-Lagrave und Spielern der erweiterten Weltspitze messen können. Ab 31. Juli folgt in Dresden das German Masters, ein Rundenturnier mit fünf vom Bundestrainer nominierten Spielern (neben Nisipeanu, Blübaum und Meier dürften das wohl Donchenko und Svane werden) und drei Qualifikanten eines am 29. und 30. Juli angesetzten Schnellturniers. Wobei die Ausgangsidee des German Masters darin lag, dass Deutsche Einzelmeisterschaften für die Spitze uninteressant wurden und wiederholt Sieger produzierten, die längst nicht zur deutschen Spitze zu zählen sind. Was zumindest in diesem Jahr nicht zutrifft.

 

 

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