Berührt, geführt

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Locker bleiben

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Nicht nur Magnus Carlsen lässt mit seinem ersten Rundenturniersieg seit 18 Monaten aufhorchen. In Erinnerung ruft sich auch Anish Giri, der in Wijk aan Zee Platz eins teilte. Im dort erstmals bei Punktgleichheit ausgetragenen Blitzschach-Stechen erlitt er zwar das gleiche Schicksal wie alle Stichkampfgegner Carlsens seit 2007. Das änderte aber nichts mehr daran, dass der 23-jährige Sohn eines Nepalesen und einer Russin wieder unter die ersten zehn der Weltrangliste zurückkehrt. Sehr zur Freude der Schachfans in Holland, wo Familie Giri seit ziemlich genau zehn Jahren zuhause ist.

Giris Schlagfertigkeit findet zurück aufs Brett (Foto: Tata Steel Chess)

2015 stand Giri, damals 20 Jahre alt, bereits einmal über 2800 Elo. Vor zwei Jahren remisierte er im WM-Kandidatenturnier alle seine 14 Partien und verpasste dabei mehr Chancen als seine Gegner. Daraus habe er damals die falschen Schlüsse gezogen und einiges an seinem Spiel geändert, sagt Giri rückblickend. „Ich hätte einfach weitermachen sollen, und die Resultate wären gekommen.“ Inzwischen habe er erkannt, dass ihm sein Ehrgeiz im Weg stand. Seine besten Ergebnisse hatte er oft, wenn er sie am wenigsten erwartete.

Wenige Wochen vor dem niederländischen Traditionsturnier hat er insofern an die Vergangenheit angeknüpft, als er wieder die Arbeit mit seinem früheren Trainer Wladimir Tschutschelow aufgenommen hat. Um seine Eröffnungen auf den neuesten Stand zu bringen, reichte die Zeit nicht. Die Eröffnungen liefen auch nicht besonders und hatten wenig Einfluss darauf, dass er zu fünf Siegen kam und keine Partie verlor.“Wenigstens konnte ich hier Eröffnungen spielen, die zu mir passen“, sagt Giri, der sich nicht nur als guter Verteidiger erwies, sondern auch sich bietende Chancen zu nutzen wusste und damit am Brett so schlagfertig zeigte wie sonst mit seinem Mundwerk. Sogar Carlsen konzedierte, dass Giri das beste Schach spielte. Sonst unterhalten die beiden auf Twitter mit gegenseitigen Spitzen eine nicht ganz ernst gemeinte Feindschaft.

In der achten Runde mit Weiß gegen Mamedscharow, der am Ende geteilter Dritter wurde, fand Giri in dieser Stellung das unkonventionelle

25. g4! Lc8 (25. … Lxg4? 26. Sa4 nebst 27. Dxg4) 26. Te4. Nur sechs Züge später gab sich sein aserbaidschanischer Gegner bereits geschlagen.

Auf die Erfolgsstraße brachte ihn ein Sieg gegen den von ihm hoch geschätzten Wladimir Kramnik in der zweiten Runde:

Laut Giri wollte der Exweltmeister nicht wahrhaben, dass hier nur umsichtige Verteidigung in Frage kam. „Kramnik ist noch enorm stark im Angriff, aber in der Verteidigung bricht er manchmal schnell zusammen, weil er sich mit Tricks schnell zu befreien versucht.“ 26. … Td6 27. Lf4 Td7 28. Dxb6 Sc4 29. Db8 De8 hätte die schwarze Stellung zusammengehalten. Kramnik aber zog 26. … Txc3. Nach 27. Dxb6 Sc4 28. Db8 Sd7 29. Lxe7 Sxb8 30. Lb4 war der schwarze Turm gefangen und die Partie entschieden.

Kramnik hatte am Ende nur einen halben Punkt weniger als Carlsen und Giri. Trotzdem gibt dieser dem Russen kaum Chancen, sich im bevorstehenden Kandidatenturnier noch einmal einen WM-Kampf herauszuspielen. Giri tippt, dass sich wie schon 2016 der defensiv- und nervenstarke Sergei Karjakin durchsetzt, auch wenn dieser in Wijk aan Zee mit zwei Siegen und elf Remis ziemlich unauffällig blieb.

Dauerbrenner – das Schachturnier im Schatten der Hochöfen gibt es seit 1938 (Foto: Stefan Löffler)

Giris Teilerfolg verschaffte dem Turnier, das seinen achtzigjähriges Bestehen feierte, Extraufmerksamkeit in den niederländischen Medien. Die nächste Auflage am 11. bis 27. Januar 2019 ist bereits gesichert. Die Beteiligung deutscher Spieler wird in Zukunft tendenziell zunehmen, steht doch eine Fusion zwischen Tata Steel und Thyssen Krupp bevor.

Locker bleiben und Chancen wahrnehmen, sobald sie sich bieten, ist auch die Philosophie des Königlich-Niederländischen Schachbunds, seit die Kulturmanagerin Marleen van Amerongen die Führung übernommen hat. Ihr aktueller Coup ist eine Vereinbarung mit Tata Steel. Zwei Runden des Weltklasseturniers werden seit einigen Jahren nicht im abgelegenen Seebad ausgetragen sondern gehen auf Tour in niederländische Großstädte. Vorigen Mittwoch erlebten an der Uni Groningen 3000 Zuschauer die Partien mit. Solche Publikumsevents werden nun als Türöffner genutzt, um mit Lokalpolitikern und Schulleitungen Schachunterricht auf den Weg zu bringen – die Anlauffinanzierung übernimmt der Stahlproduzent.

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