Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Spülwasser bitte!

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Was für ein abgefahrener Beginn! Der Turniersaal im Kühlhaus ist eine Wucht. Mittendrin dicke Wände. Jedes Brett hat beim WM-Kandidatenturnier seinen eigenen Sektor. Vier Sektoren, dazwischen eine Mauer, welch eine Hommage ans geteilte Berlin. Auf dem Klo der Spieler gab es kein Spülwasser. Kommt morgen. Das Lärmproblem kriegen wir auch noch in den Griff. Die Zuschauer quatschten zu viel. Aber wie sollten sie sich auch beherrschen, wenn so aufregendes Schach geboten wird. Die Partie, die am wildesten begann, wurde als einzige remis. Alle anderen Partien hatten einen Sieger. Die ersten zwei Opfer waren die eigenen Landsleute, das dritte Opfer ein guter Freund. So kann es gehen, man erwartet vorsichtiges Einspielen, und dann wird sechseinhalb Stunden lang gekämpft. Da machte sich bemerkbar, dass es im Kühlhaus zwar Cocktails für die VIPs gab, aber für die Normalsterblichen weder Sandwiches noch Kuchen, und die Kaffeemaschine schon am Nachmittag in Streik trat.

So stand es am Brett von Lewon Aronjan und Ding Liren nach 18 Zügen. Der Armenier hatte sein ganzes Spiel gegen die schwarze Dame ausgerichtet. Um sie aus der Klemme zu befreien, bot der Chinese einen Läufer im Tausch gegen drei Bauern an. Nach 19. Tb2 sah der Computer Weiß im Vorteil, doch Aronjan wollte das Risiko lieber nicht zu hoch schrauben. Zumal er in den vorangehenden Zügen immer neue Möglichkeiten für Schwarz entdeckt hatte. Also erzwang der Favorit der Herzen mit 19. Tb1 Da5 20. Tb5 Da6 21. Tb1 Da5 22. Tb5 ein Remis.

Das Publikum verfolgt die Partien von oben. Im Sektor rechts ist das Brett von Aronjan und Ding (Foto: Stefan Löffler)

Willkommen im Amerikanischen Sektor. Um Manipulationen – oder auch nur den Verdacht darauf – in den letzten Runden zu vermeiden, wurden Landsleute vorsorglich gleich gegeneinander gepaart. In diesem Fall Fabiano Caruana und Wesley So. Der kritische Moment ihrer Partie war im 23. Zug erreicht.

Hätte So hier 23…Ta2! gezogen, wäre die Partie völlig offen gewesen. Doch er zog 23…La6? und nach 24. Df3 Lc4 25. Txa8 Txa8 26. e6! war Weiß klar am Drücker.

Nach 26. … fxe6 27. Lc7 Dxc7 28. Df7+ würde Schwarz bereits mattgesetzt. Stattdessen probierte So 26. … dxe4 27. exf7+ Lxf7 28. Sxe4 Ld4 29. Sd6 Ld5, doch nach 30. De2! Sf8 31. Lxd5+ exd5 32. Df3 Da5 33. Te7 konnte er den weißen Angriff nicht mehr sinnvoll stoppen und gab sich geschlagen.

Rasch weiter in den Russischen Sektor. Wladimir Kramnik gönnte Alexander Grischtschuk kein Grünfeldindisch. Mit einer ungewöhnlichen Zugfolge (1. d4 Sf6 2. Sf3 g6 3. b3!?) lockte er seinen Landsmann in eine so genannte Igel-Struktur. Und obwohl Grischtschuk nur stinknormale Standardaufbauzüge machte, hatte er ausgangs der Eröffnung keine zwanzig Minuten mehr auf der Uhr. Als dann die schwierigen Entscheidungen kamen, fehlte ihm die Bedenkzeit. Eine zwischendurch eroberte Qualität opferte Kramnik zurück, erhielt einen Freibauer, und dessen Umwandlung in eine Dame war bald nur noch unter großem Materialverlust zu vermeiden. Da gab sich Grischtschuk lieber gleich geschlagen. Und war anschließend so stinkig, dass er den Zustand der Spielertoilette ausplauderte.

Am längsten dauerte der Kampf im Russisch-Aserbaidschanischen Sektor. Sergei Karjakin und Schachrijar Mamedscharow sind gute Freunde. Beim WM-Kampf gegen Carlsen hat Mamedscharow dem Russen noch als Sekundant beigestanden. Nach der Partie meinte der Aserbaidschaner, er habe seine ganze Vorbereitung vergessen. Dafür hat er die Spanische Eröffnung allerdings beherzt behandelt und mit Schwarz sogar einen Vorteil herausgespielt. Karjakin hatte sich wohl darauf verlassen, dass der schwarze Springer hängt. Doch statt diesen zu decken, hat Mamedscharow mit Schwarz 14. … Tab8! gezogen:

Böse würde nun 15. Dxe7 Txb2 16. Sd1?? enden: 16. … Tc2 17. Tb1 Dc4! und Matt auf e2. Karjakin versuchte es mit 15. 0-0 Txb2 16. Dxe7 Dxc3 17. Kg2, aber Mamedscharow behielt in der Folge einen Freibauern am Damenflügel.Gegen den sonst zäheren Verteidiger Karjakin verwertete er ihn in einem Damenendspiel zum Sieg. Hier können alle Partien nachgespielt werden. Welch ein Beginn!

 

 


2 Lesermeinungen

  1. Wozu?
    Was hat es für einen Sinn, einen solchen Superminderheitenblog weiterzuführen und die Blogs von Rainer Meyer/Don Alphonso abzustellen? Das Interesse der Leserschaft kann kein Kriterium gewesen sein.

  2. Warum nicht?
    Hallo Marcus Fronto,
    lassen Sie Ihren Unmut doch nicht am wackeren Herrn Löffler aus. Vieles ist ein Minderheitenphänomen 🙂 Das sage ich als Schachspieler und Don-Alphonso-Leser.
    Natürlich ist es, gelinde gesagt, wenig einsichtig, warum die FAZ ausgerechnet die beiden resonanzstärksten Blogs schließt. Aber dafür kann das arme Schachblog nichts.
    Schönen Tag!

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