Berührt, geführt

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Aronjan packt es nicht

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Gegner überspielt, Gegner in Zeitnot gebracht, mehrere Gewinnwege zur Verfügung, doch am Ende musste Lewon Aronjan sogar noch kämpfen, um wenigstens ein Remis zu bekommen. Der Armenier konnte einem leidtun. Allerdings fand auch sein Gegner Alexander Grischtschuk einige brilliante Züge. Während die anderen Partien der fünften Runde des Kandidatenturniers ohne besondere Ereignisse zu Punkteteilungen führten, produzierten diese beiden eine wildromantische Partie, in der manche Maxime gesunden Spiels außer Kraft gesetzt schien. Einige im Publikum staunten nicht schlecht, dass man auch so Schach auf höchstem Niveau spielen kann.

Nicht nur Karjakin staunte über die Partie Aronjan – Grischtschuk. (Foto: WorldChess)

Gewöhnlich bringt man seinen König auf einem Flügel in Sicherheit. Gerade im Modernen Benoni (hier entstanden aus einem Anti-Grünfeld mit 1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. f3 und nun 3. … c5) machen fast immer beide Spieler die kurze Rochade. Doch in dieser Partie wollten sich beide nicht festlegen, wo ihr König hingeht.

Hier kam für Weiß durchaus eine lange Rochade in Frage. Aronjan setzte stärker gleich mit 15. g3! an, die Stellung zu öffnen. Worauf ihm Grischtschuks Antwort 15. … Ld7 zu passiv erschien. 15. … Lh3 oder 15. … f5 wäre besser gewesen. Die Stellung war jedenfalls ganz nach Aronjans Geschmack.

Acht Züge später stand es so. Aronjan hat gerade 24. Td1 gezogen. Laut dem Computer hätte ihm stattdessen 24. 0-0-0 klaren Vorteil gebracht, was er mit großer Verwunderung hörte, denn am Brett habe er gedacht, es sei genau umgekehrt. Wenn Schwarz in der Diagrammstellung 24. … fxe3 spielt, erhält Weiß mit 25. Dxd7+ Dxd7 26. Lb5! Dxb5 27. c8D+ Kf7 28. Dxf5+ Sgf6 29. Dg6+ Ke6 30. Tg4 Dc6 31. Td3 starken Angriff. Grischtschuk fand die brilliante Verteidigung 24…Sg5! mit der Pointe 25. Lxf4?? Sf3 matt. Es folgte 25. c8D+ Lxc8 26. Dd8+ Kf7 27. Dc7+ hätte Grischtschuk 27. … De7 ziehen müssen. Mit weniger als einer Minute Bedenkzeit zog er 27. … Kg8, und nach 28. Td6 Df7

verwarf Aronjan 29. Dxc8+ Kh7 30. Dxc5 wegen 30. … Se4. Er übersah, dass darauf das hübsche Damenopfer 31. Txg4!! durchschlägt. Dabei hatte er das Motiv Txg4 mit der Idee fxg4 Ld3+ oder nach einer anderen Erwiderung Txh4+ in einer anderen Variante gesehen. Selbst 29. Dxc8+ Kh7 30. Dd7 oder 29. Dxc5 war für einen großen Vorteil gut. Aronjan stöhnte, als ihm hinterher klar wurde, dass es mehr als einen Weg zum Sieg für ihn gab, und er hier wohl einfach zu schnell gespielt habe, denn während Grischtschuk  auf der Uhr unter einer Minute war, blieb Aronjan noch eine halbe Stunde. Nach seinem Zug 29. Dd8+ Df8 30. Lxf4 Se6! war der weiße Vorteil dagegen futsch. Ja, er musste sogar noch kämpfen, und Grischtschuk fand, dass ihre Partie, die Sie hier ganz nachspielen können, doch ziemlich an sein wildes Remis vom Vortag gegen Ding Liren erinnerte, nur unter für ihn entgegengesetzten Vorzeichen.

Ob Aronjan seine Partie am Abend nochmal am Computer analysieren werde, wurde gefragt. Nein, denn er findet es eher kontraproduktiv, sich während eines Turniers mit seinen Fehlern zu beschäftigen. Selbst nach einem Sieg würde er nicht riskieren, dass der Computer das Gefühl der eigenen Großartigkeit zunichte macht. Nun stehen für den Favorit der Herzen die Begegnungen mit den beiden Amerikanern an, erst der nach zwei Startniederlagen auf Solidität bedachte Wesley So und dann die wichtige Weißpartie gegen den führenden Fabiano Caruana.

Kandidatenturnier nach 5 von 14 Runden: 1. Caruana 3,5, 2.-3. Kramnik, Mamedscharow je 3; 4.-6. Aronjan, Ding, Grischtschuk je 2,5; 7.-8. Karjakin, So je 1,5

Sechste Runde Freitag 16. März ab 15 Uhr. Liveübertragungen u.a. bei Chess24 oder bei Chessbase.


3 Lesermeinungen

  1. Schulschach?
    „Gewöhnlich bringt man seinen König auf einem Flügel in Sicherheit…“ Ja klar. Das wird dem Nachwuchs dann auch möglichst früh eingeprügelt, gell?

    • Der Nachwuchs
      sollte zuerst mal mit ein paar überlieferten Erfahrungen so weit gebracht werden, dass er nicht gerade Bockmist macht. Die heutige Jugend ist nicht sehr zäh, ein paar dumme Niederlagen und man sieht sie nicht wieder. Das Rochieren gut ist gehört zu diesen Erfahrungen.
      Die Einsicht, dass keine Strategie absolut richtig ist kann man gerade im Schach sehr gut lernen. Schach ist ein strategisches Spiel.

    • Die Rochade machen ist neben Besetzen des Zentrums und Rausbringen der Leichtfiguren eine der drei goldenen Regeln, die allen Kindern beigebracht werden, wenn sie die Regeln beherrschen (aus pädagogischer Sicht sollten sie aber vorher viele kleine Spiele und auch Schachvarianten lernen und Rätsel auf dem Schachbrett lösen, statt auf die Wettkampfversion von Schach ausgerichtet zu werden). Das ist banal. Die Herausforderung ist, talentierten und motivierten Kindern „möglichst früh einzuprügeln“, wann sie NICHT rochieren sollen. Wie überhaupt das Besserwerden im Schach erfordert, zu verstehen, wann man die ganzen gelernten Daumenregeln bricht. Aber das ist schon nicht mehr Schulschach.

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