Berührt, geführt

Berührt, geführt

Das Schachblog von FAZ.NET

Ein Fabi und sieben Fragen

| 0 Lesermeinungen

Vier Spieler konnten das Kandidatenturnier vor der letzten Runde noch gewinnen. Alle ihre Partien gingen bis über die erste Zeitkontrolle nach vierzig Zügen. Am Ende aber gewann nur einer von ihnen, nämlich Fabiano Caruana, der bereits in Führung gelegen hatte. Sergei Karjakin und Ding Liren trennten sich voneinander remis, Schachrijar Mamedscharow holte das gleiche Resultat gegen Wladimir Kramnik. Wurden vor der letzten Runde noch alle möglichen Szenarien beleuchtet, wer bei Punktgleichheit zwischen welchen Spielern die Nase vorne hätte, gibt es am Ende also einen klaren Sieger: 1. Caruana 9; 2.-3. Karjakin, Mamedscharow je 8; 4. Ding 7,5; 5.-6. Grischtschuk, Kramnik je 6,5; 7. So 6; 8. Aronjan 4,5. Damit darf sich Caruana auf ein mit mindestens einer Million Euro Preisgeld dotiertes WM-Match gegen Magnus Carlsen, angekündigt ab 9. November in London, freuen. Aber hat er es auch verdient? Diese und sechs weitere Fragen und Antworten im Schnelldurchlauf.

WM-Herausforderer Caruana (Foto: WorldChess)

Ein Punkt Vorsprung klingt deutlich. War Caruna so viel besser als die anderen?

Die Kommentatoren und die anderen Turnierteilnehmer sagen ziemlich übereinstimmend, dass er den Sieg verdient hat. Fünf Siege, acht Remis und eine Niederlage sprechen eine deutliche Sprache. So deutlich hat noch keiner das Kandidatenturnier gewonnen, seit es als doppelrundiges Achterturnier ausgetragen wird. Caruana war der konsistenteste Spieler. Er hatte sich mit seinem Trainer Rustam Kasimdschanow gut vorbereitet, spielte abwechslungsreich, griff an, verteidigte, kämpfte und stellte seinen Gegnern jede Menge Probleme. Seine engsten Konkurrenten Karjakin und Mamedscharow zeigten vergleichsweise weniger bei ihren Siegen.

Wie verlief das Turnier für Caruana?

Los ging es für Fabi, wie ihn seine Kollegen nennen, schon mal mit einem fein herausgespielten Sieg gegen Wesley So. Dass er seine schwierig stehende Partie gegen Kramnik drehen konnte, war besonders wichtig. Als Aronjan in einer wilden Schlacht ein Dauerschachremis verpasste, nahm er auch diesen vollen Punkt mit. Als er mit einem halben Punkt Vorsprung führte, verkrampfte er, verpasste einen möglichen Sieg gegen Ding und musste wie schon 2016 in Moskau gegen Karjakin seine einzige Niederlage hinnehmen. Mental aber half ihm das. In die letzten beiden Partien gegen Aronjan und Grischtschuk (hier zum Nachspielen) ging er befreit und überspielte beide. Beruhigend wirkte auch, als er in der letzten Runde zwischendurch sah, dass Karjakin, der gegen Ding Liren immerhin Weiß hatte, nicht mehr gewinnen konnte:

Hier hatte Karjakin eigentlich 28. Kxh3 geplant und entdeckte erst jetzt, dass er damit nach 28. … g4+! entweder in eine Bauerngabel (29. Kg2 gxf3+ 30. Txf3 Txf3) oder ein Matt (29. Kxg4 Dd7+) läuft. Wie der Russe selbst sagte, grenzte es an ein Wunder, dass er nicht verloren war. Er fand 28. Kg1 Txf3 29. g4!, und obwohl er damit zwei Bauern im Rückstand war, gab es im Endspiel kein Durchdringen für Ding, weil dessen Läufer nur eigene Bauern decken, aber keinen gegnerischen angreifen konnte.

Man sagt, das Kandidatenturnier hat einen Sieger und sieben Verlierer. Traf das auch diesmal zu?

Ding Liren durfte sich durchaus als kleiner Sieger fühlen. Der vierte Platz ist mehr als von ihm erwartet wurde. So gut wie niemand hatte Chinas ersten WM-Kandidaten als ernsthaften Anwärter auf den Sieg gesehen. Vor der letzten Runde gab es sogar ein Szenario, in dem er Carlsens Herausforderer würde (er musste Karjakin und Grischtschuk musste Caruana schlagen, und Mamedscharow gegen Kramnik remis spielen). Der 25jährige blieb als einziger ungeschlagen. Seinem Selbstbewusstsein hat das Turnier gut getan. Was er nächstes Mal anders machen würde? Sein Stil sei okay, meinte Ding, er habe ja Chancen bekommen, nur müsse er die halt besser nutzen.

Wie war denn insgesamt das Niveau der Partien?

Judit Polgar, die zwölf Runden fürs Publikum kommentierte, fand es sehr hoch. Garri Kasparow dagegen motzte, es sei nicht besser als die lausige Organisation gewesen. Wahrscheinlich meinte der Exweltmeister die recht vielen Patzer. Die sind bei einem so kräftezehrenden Wettbewerb aber nicht zu vermeiden. Der Kampfgeist und die Risikobereitschaft waren erfreulich hoch. Dirk Poldauf, als Redakteur und Reporter der Fachzeitschrift Schach seit über zwanzig Jahren ganz nah dran am Spitzenschach, kann sich an kein Turnier erinnern, das inhaltlich so viel geboten habe. Es gab jede Menge komplizierte Partien, neue Eröffnungsideen und originelle Stellungsbilder. Ein Beispiel aus der Schlussrunde:

Kramnik hat in einer ungewöhnlichen Nebenvariante der Katalanischen Eröffnung einen Bauern aufgegeben. Dafür hat Schwarz Probleme, seinen Damenflügel ins Spiel zu bringen. Hier hatte Weiß das ungewöhnliche Figurenopfer 15. Sc6 bxc6 16. Lxf6 gxf6 16. Dxc6 Tb8 17. De8+ Lf8 18. Td8 Dc5, wonach er den Läufer zurück erhält, aber das Endspiel ist wohl remis. Kramnik kämpfte lieber weiter mit 15. Lf4. Sieben Züge später traute Anatoli Karpow, der als Zuschauer die letzte Runde beehrte und an Kramniks Brett den ersten Zug ausführen durfte, seinen Augen nicht:

Warum bediente Mamedscharow sich denn nicht auf c4? Nach 22. … Dxc4 23. Txd5 ginge doch 23. … f5, meinte der Exweltmeister. Allerdings ist der Läufer nach 24. Td2 gar nicht zu nehmen: 24. … fxe4? 25. Td8+ Lxd8 26. Df8 matt bzw. 24. … Dxe4 25. Dc3 e5 26. Db3+ Kh8 27. Df7. Kramnik zeigte hinterher eine hübsche Variante, falls Schwarz hier nicht 23. … f5 sondern 23. … c6 zieht:

24. Da3! c5 25. Td2 Dxe4 26. Dxc5! Db1+ 27. Kg2 De4+ 28. Kg1 (nicht 28. f3? Dxe2+! 29. Txe2 Lxc5) 28. … Db1+ mit Dauerschach.

Was wird vom Kandidatenturnier 2018 in Erinnerung bleiben?

Wenn wir gerade bei Kramnik sind: Er hatte sich nicht qualifiziert sondern verdankte die Teilnahme der Wildcard des Veranstalters. Wild waren auch seine Partien, es waren die interessantesten und kämpferischsten von allen Teilnehmern. Gegen Aronjan spielte Kramnik die beste Partie des Turniers. Dass Aronjan, der erfolgreichste Spieler der letzten zwölf Monate, dem so viele die Daumen gedrückt hatten, völlig unterging und nach sechs Niederlagen abgeschlagen Letzter wurde, wird nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Das gilt auch für die ungewöhnliche Arena mit jeweils einem Brett in vier Sektoren und zwei Galerien, von denen die Zuschauer die Spieler von oben sehen konnten. Und natürlich für Caruanas großartiges Abschneiden.

Ist der nicht eigentlich Italiener?

Caruanas Eltern stammen aus Italien. Er hat dort nie gelebt und spricht auch nicht gut Italienisch. Aufgewachsen in Florida und Brooklyn zog die Familie nach Europa, als er zwölf war, um seine Schachlaufbahn zu fördern. In dieser Zeit wechselte er vom Amerikanischen zum Italienischen Verband, den er bis 2014 auch bei Schacholympiaden vertrat. Doch 2015 erklärte er seine Rückkehr und übersiedelte damals auch zurück von Madrid nach St. Louis. Dort ist der große Mäzen des amerikanischen Schachs Rex Sinquefield zuhause, der dafür sorgen will, dass nach Bobby Fischer ein zweiter Amerikaner Weltmeister wird.

Nun erholt sich Caruana wahrscheinlich erstmal von dem strapaziösen Turnier, oder?

Von Erholung keine Rede. Ab Samstag spielt er, wie übrigens auch Lewon Aronjan, in Karlsruhe beim Grenke Classic (der Schachblog wird berichten). Ausgerichtet wird es von ihrem Bundesligaverein OSG Baden-Baden (auch wenn beide diese Saison mit Rücksicht auf das Kandidatenturnier nicht zum Einsatz kamen). Dort erwarten Caruana und Aronjan nochmal neun Partien binnen zehn Tagen gegen überwiegend sehr ausgeruhte Gegner. Einer von ihnen heißt Magnus Carlsen.


Hinterlasse eine Lesermeinung