Berührt, geführt

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Kult um Lasker

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Bis 1921 muss man zurückgehen, seit letztmals ein Deutscher um die Schachweltmeisterschaft spielte. Emanuel Lasker stellte sich in Havanna seinem damals schon übermächtigen kubanischen Herausforderer José Raul Capablanca. Ein paar Jahre zuvor, 1908, gab es sogar ein deutsches WM-Duell zwischen Emanuel Lasker und Siegbert Tarrasch, das sie teils in Düsseldorf, teils in München austrugen. Weil der Geburtstag des einzigen kanonisierten deutschen Weltmeisters 150 Jahre zurückliegt, hat ihm der Deutsche Schachbund unter seinem vorigen Präsidenten Herbert Bastian und mit Segen des Weltschachbunds dieses Jahr gewidmet. Die Veranstaltungen und Veröffentlichungen nehmen schier kein Ende. Dutzende Vereine organisieren Veranstaltungen zum „Lasker-Tag des Schachs“. Auf der Website des Schachbunds kann man jeden Monat ein Lasker-Quiz lösen. Gleich 16 Preise verleiht die Emanuel-Lasker-Gesellschaft im Lauf des Jahres, um sich und ihren Namensgeber im Gespräch zu halten. Selbst Teilnehmer von Jugendmeisterschaften werden mit Vorträgen beglückt.

Eine verlässliche Lasker-Biografie gibt es zwar immer noch nicht, doch die Lasker-Forschung und -Publizistik blühen. Vor wenigen Tagen ist der erste von drei Bänden eines englischsprachigen Sammelwerks (Michael Negele, Richard Forster, Raj Tischbierek: Emanuel Lasker, Volume 1 – Struggle and Victories, Exzelsior Verlag, € 65) erschienen. 2019 und 2020 sollen zwei weitere Bände folgen. Im gleichen Verlag hatte ein ähnliches Herausgeberteam 2009 das ziegelschwere, längst vergriffene „Emanuel Lasker – Denker, Weltenbürger, Schachweltmeister“ vorgelegt.

Bei allem Rummel um Lasker ist ein anderes Jubiläum nahezu völlig untergegangen. Auch der vor 200 Jahren geborene Adolf Anderssen galt zeitweise als stärkster Spieler der Welt. Der Deutsche Schachbund müsste dem Breslauer Mathematiklehrer eigentlich besonders verbunden sein. 1877 wurde er anlässlich eines Fests zu Anderssens fünfzigjährigem Schachjubiläum gegründet. Nach ihm benannt haben sich ähnlich viele deutsche Schachvereine wie nach Lasker. Seine Opferorgien 1851 gegen Kieseritzky („Die Unsterbliche“) und 1852 gegen Dufresne („Die Immergrüne“) zählen zu den bekanntesten Schachpartien, die je gespielt wurden. Anderssen fehlt allerdings der Nimbus des Weltmeistertitels. Der wurde erst 1886 von Wilhelm Steinitz und Johannes Zukertort reklamiert, um ihren Wettkampf zu vermarkten.

Als Anderssen 1879 starb, hatte der kleine Lasker das Spiel von seinem um acht Jahre älteren Bruder Berthold noch gar nicht gelernt. Berthold Lasker suchte beim Schach Zerstreuung vom Medizinstudium und wurde einer der stärksten Spieler Berlins. Sein zum Besuch eines Gymnasiums unter seine Obhut geschickter Bruder verfiel dem Schach erst recht. Emanuels Schulleistungen litten darunter allerdings so sehr, dass ihn sein entsetzter Vater zurück in die pommersche Provinz holte.

Emanuel Lasker und sein Vater Michaelis Aron Lasker (Foto: Sammlung Bernhard Schmid)

Nach dem Abitur kehrte Emanuel Lasker nach Berlin zurück, schrieb sich zum Mathematikstudium ein und verdingte sich im Café Royal und der Teehalle als Schachlehrer. Binnen weniger Jahre reifte er zum stärksten Spieler der Welt, erarbeitete sich aber auch ein breites Verständnis der höheren Mathematik. Nach zwei erfolgreichen WM-Kämpfen gegen Steinitz entschied er sich zu promovieren. Schachpausen nutzte Lasker für anerkannte mathematische Publikationen, die eine akademische Karriere begründen sollten.

Die erhoffte Professur bekam er allerdings nie. An deutschen Universitäten versprach er sich als Jude kaum Chancen, zumal er den zusätzlichen Aufwand einer Habilitation scheute. Bei Bewerbungen in Pittsburgh und St. Louis dürfte er auch an seinen unbescheidenen Gehaltsvorstellungen gescheitert sein. Das Kapitel des Zürcher Mathematikers Joachim Rosenthal über Lasker legt nahe, dass dieser in seinem Fach durchaus reüssieren hätte können. So feilte er bereits drei Jahrzehnte vor John von Neumann an einer mathematischen Spieltheorie.

Auch als Schachprofi ging er kreative Wege. Mit einer Konsequenz wie später erst wieder Bobby Fischer kämpfte Lasker für höhere Honorare. Er hielt Vorträge und gründete Schachzeitschriften, die sich allerdings nicht lange am Markt behaupteten. Im deutschen Schach fühlte er nicht die gewünschte Unterstützung und sah einen tief verankerten Amateurismus am Werk. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erschienen ihm England und die Vereinigten Staaten offener, um vom Schach gut leben zu können. In beiden Ländern hielt er sich lange genug auf, um sich als englischer bzw. amerikanischer Vorkämpfer zu vermarkten. Vor den Titelkämpfen mit Tarrasch 1908 und mit dem Österreicher Carl Schlechter 1910 war er allerdings zurück in Deutschland. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verspielte er mit einem naiven, patriotischen Artikel für die Vossische Zeitung sein kosmopolitisches Image.

Überhaupt war diplomatisches Geschick nicht Laskers Stärke. Immer wieder verstrickte er sich in öffentlich ausgetragene Meinungsverschiedenheiten, wie sowohl Michael Negele im Eröffnungskapitel als auch John Hilbert aus amerikanischer Sicht herausarbeiten. Lasker versuchte sich auch als Verfasser philosophischer Schriften und mitunter sogar als politischer Kolumnist, etwa als er sich 1938 dafür einsetzte, jüdische Flüchtlinge aus Europa in Alaska anzusiedeln. Schwer tun sich viele Schachanhänger damit, dass er in den 1920ern begann, „Verstandesspiele“ jeder Art, ob mit Brett oder Karten, zu popularisieren. Bridge und Go hatten es Lasker besonders angetan. Er erfand auch eine Variante des Damespiels namens „Laska“. Am Schach hatte Lasker nicht so einen Narren gefressen wie ein Teil der Schachwelt nun an Lasker.


1 Lesermeinung

  1. Unsterbliche Partie
    vielen Dank für diesen Artikel über Emmanuel Lasker! Sicher war er einer der allergrößten Schachspieler der Geschichte. Lasker war sehr lange Weltmeister und konnte hervorragende Siegesserien vorweisen, und ich meine damit wirklich einen Sieg nach dem anderen, welche heute sehr selten geworden sind, wenn es sowas überhaupt noch gibt. Ihr anderes Beispiel, Bobby Fischer, war vielleicht der letzte Mohikaner mit großen, remislosen Siegesserien auf höchster Ebene. Ihr Artikel weckte in mir die Lust, wieder einmal die „Unsterbliche“ (mit guten Kommentaren aus einem Buch) auf meinem 32-Bitter „Mephisto Atlanta“ nachzuspielen. Dieser smarte Schachbrettcomputer kommt mit den meisten Zügen Anderssens, der die weißen Steine führte, nicht klar. Noch nach dem 19. Zug hält er die schwarze Stellung für haushoch überlegen 😉 Erst einen Zug später versucht er verzweifelt für Schwarz mit 20. … La6 Raum für den mattgehenden König zu schaffen, was Kieseritzky aber nicht gesehen hatte.

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