Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Frisch geschlüpft, schon getauft?

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Und wenn das Baby nicht will?

Vermutlich habe ich ein Mal zu viel eine katholische Taufe besucht.

Immer dann, wenn der Priester am Taufbecken den Eltern und Paten die Frage „Widersagt ihr dem Satan, dem Urheber des Bösen?“ in dieser oder einer ähnlichen Formulierung stellte, wäre ich am liebsten sofort aus der Kirche gelaufen oder aus dem nächstbesten Kirchenfenster gesprungen. „Ich widersage“, die erwartete Antwort, machte die Sache nicht besser, es ist für viele nur die Kapitulation vor einem Kirchen-Schauspiel, das sie unter Androhung familiärer Konsequenzen zu ertragen bereit sind.

Es ist schon klar, dass Theologen an dieser Stelle einhaken möchten, um mir die Abrenuntiatio diaboli einzuordnen und zu erklären. Aber aus einer lebensweltlichen Perspektive gedacht, sind Begriffe wie „Satan“ und „das Böse“ schlichtweg keine, die ich aussprechen möchte. Da kann man mir gleich drohen, den Rest meines Lebens mit Bruder Malachias von Hildesheim aus „Der Name der Rose“ eine karge Kemenate bei Wasser und Brot zu teilen, natürlich bei entsprechender täglicher Bibel-Exegese auf Latein.

Aber nicht nur deshalb haben wir uns erst einmal gegen die Taufe unseres Sohnes Elias entschieden – katholisch wäre die ohnehin nicht geworden. Die Taufe ist vielmehr für Katholiken und Protestanten eine ernste Sache, ein Sakrament. Also nichts, das man aus gesellschaftlichem Druck oder Opportunismus unterschreiben sollte. Das Kind wird durch sie ein Leben lang in die Glaubensgemeinschaft der Christen aufgenommen, und wenn die Eltern damit wenig anfangen können, warum sollte es für das Kind gut sein? Wobei: Ganz so einfach ist der Fall bei mir nicht, dazu später mehr.

Längst ist die Taufe kein gesellschaftliches Muss mehr. Zwar sind die Zahlen immer noch beachtlich: 2016 wurden laut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 163.000 Kinder evangelisch getauft, 2015 etwas mehr als 161.000. In der römisch-katholischen Kirche wurden 2015 laut Statistischem Bundesamt 167.226 Kinder getauft, die Verteilung zwischen Protestanten und Katholiken entspricht ungefähr dem Verhältnis der beiden Konfessionen in Deutschland. Mittlerweile sind geringfügig mehr Menschen katholisch als evangelisch getauft, das war einmal umgekehrt. Allerdings ist bei beiden Konfessionen die Taufbegeisterung seit Jahrzehnten im Sinkflug begriffen, daran können auch gelegentliche Tauf-Hypes wie zuletzt im ansonsten eher säkularen Berliner Kiez Prenzlauer Berg nichts ändern.

Das Gute ist: Dass die Taufe heute kein Muss mehr ist, sondern eine freiwillige Feier mit ungewisser Bedeutung  für die Zukunft, führt zu einer Entkrampfung des Themas. So dachte man früher, ein Säugling, der ungetauft stirbt, würde nicht von Gott angenommen werden. Solcher Kinderglaube ist zumindest in hiesigen Breitengraden wenn auch nicht ausgestorben, so doch zumindest marginalisiert. Sowohl die römisch-katholische Kirche als auch die EKD halten so etwas für unvereinbar mit dem Bild eines liebenden Gottes. Allerdings: Auf dem Rückzug ist damit auch das Unhinterfragte und Hingenommene, das Tradierte und Eingeübte, eben das Religionsverständnis früherer Generationen.

Wer heute sein Kind taufen lässt, muss wissen warum. Wer heute sein Kind nicht taufen lässt, muss wissen warum. Ein paar Diskussionsanregungen, kein Anspruch auf Vollständigkeit:

Warum ein Kind taufen?

  • Menschen werden in Religionen hineinsozialisiert, man lernt den Glauben nicht neutral-wissenschaftlich. Nur wer dabei ist, kann sich ein Bild machen.
  • Glaube ist nicht in erster Linie eine rationale Angelegenheit, sondern wird über Emotionen vermittelt. Kinder hinterfragen nicht direkt logische Lücken, sie nehmen hin, das kann stabilisierend wirken.
  • Im Glauben transportieren sich schöne Emotionen und Erlebnisse der Kindheit, an die man sich ein Leben lang erinnern kann: Trost und Erhabenheit, Weihnachten, Ostern, Erntedank.
  • Das Christentum vermittelt christliche Werte wie Nächstenliebe.
  • Die Taufe ist eines der großen Riten, die das Leben strukturieren. Wie sonst später die Konfirmation oder Kommunion, Hochzeit und Trauerfeiern.
  • Kindergartenplatz oder Job bei einem kirchlichen Träger? Die können als Gemeindemitglied einfacher zu bekommen sein.
  • Kirche macht einen vertraut mit Kirchenmusik und anderen kulturellen Errungenschaften.
  • Kirche schafft Gemeindeleben, sorgt für soziale Kontakte und für Taufpaten, die eine besondere soziale Beziehung eingehen. Und von Paten gibt es Geschenke.
  • In manchen Regionen fällt das Kind auf, wenn es nicht getauft ist (bayerische Landstriche, katholisches Rheinland).

Warum eine Taufe unnötig ist:

  • Wer etwas über Religion erfahren möchte, sollte sich lieber aus anderen Quellen informieren und die Religionen miteinander vergleichen. Nur so kann man sich ein neutrales Bild machen.
  • Glaube ist eine irrationale Angelegenheit, die Kinder noch nicht durchschauen. Man sollte sie damit nicht indoktrinieren.
  • Ein Mensch sollte selbst entscheiden, ob er Kirchenmitglied sein möchte. Kindtaufen sind daher abzulehnen.
  • Wenn die Eltern nichts mit Kirche zu tun haben: Wäre es nicht rückgratlos, wenn sie ihr Kind trotzdem taufen ließen?
  • Weihnachten und Ostern kann man auch feiern und als wichtig erachten, ohne getauft zu sein.
  • Die sogenannten christlichen Werte speisen sich auch aus anderen Quellen. Ein aufgeklärter Humanismus braucht keine Kirchen.
  • Riten und Lebensereignisse sind wichtig, aber dafür braucht es die Kirche nicht: Im Osten wird mitunter noch die Jugendweihe gefeiert, bei Hochzeiten können freie Redner für Feierlichkeit sorgen.
  • Für einen Säugling ist der Taufvorgang eine Zumutung. Deswegen brüllen ja viele Kinder die Kirchengemeinde in Grund und Boden.
  • Wer nicht getauft ist, zahlt später keine Kirchensteuer.
  • In manchen Regionen fällt das Kind auf, wenn es getauft ist (Teile von Ostdeutschland, Berlin, Großstadtmilieus)

Das entscheidende Argument der Taufgegner ist die kindliche Religionsunmündigkeit bei Kindtaufen, ein schlagendes Argument. Ein Säugling oder Kleinkind hat keinerlei Einfluss, in welches Bekenntnis es geworfen wird. Es müsste sich später als Erwachsener in einem aktiven Willensakt dazu durchringen, aus der Kirche auszutreten, wenn es damit nichts anfangen kann. So etwas ist schwer, für manche zumindest, mit einigem Abstand vergleichbar mit der Abgabe einer Staatsbürgerschaft.

Andererseits: Wem das schwerfällt, bleibt besser sowieso gleich dabei. So geht es mir seit Jahren. Ich lebe in einem permanenten kognitiven Dissens, finde vieles, was die Evangelische Kirche in Deutschland tut, unterstützenswert, manches lehne ich ab, bin aber eher ein Papiertiger ohne aktives Engagement. Heute wäre mir die Kirche wohl nicht wichtig genug, um in sie einzutreten. Insofern war meine Kindtaufe gut für die Kirche und wohl auch für mich,  zumindest da ich keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Im Gegenteil: Gerne erinnere ich mich an die „Konfi-Zeit“ zurück, mit all den Freizeiten und Freunden. Aber eine freie Entscheidung, ja eine Entscheidung schlechthin, war die Taufe natürlich überhaupt nicht.

Ein Ausweg aus dem Dilemma ist die spätere Taufe im religionsmündigen Alter von 14 Jahren. Jugendliche können ja trotzdem ungetauft am Konfirmationsunterricht teilnehmen und sich, wenn es denn zusagt, kurz vor der Konfirmation taufen lassen. Strenggenommen wäre die Konfirmation als Erneuerung des Taufversprechens dann hinfällig, aber wer möchte dann schon auf die Feier verzichten? Auch bei den Katholiken gibt es die Möglichkeit der Erwachsenentaufe. Und in der Schule können ohnehin alle Ungetauften den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht besuchen, um sich die Sache erst einmal in Ruhe anzuschauen.

Zudem gibt es zunehmend mehr Anbieter von freien Taufen, so wie es auch freie Trauredner gibt. Mir persönlich wäre eine freie Taufe zu inhaltsleer, bei einer Trauung kann ich mir das aber gut vorstellen. Wir haben deshalb erst einmal rund um den ersten Geburtstag von Elias ein kleines Willkommensfest in der Familie gefeiert, weil uns solche Rituale durchaus etwas bedeuten. Als Ersatz-Taufe wollten wir das nicht verstanden wissen, das war es nicht. Solche Rituale abzuschaffen scheint mir in einer immer stärker atomisierten Gesellschaft, in der es außer Weihnachten und Fußball-Weltmeisterschaften kaum noch Ereignisse gibt, die (fast) alle teilen, wenig erstrebenswert. Mit der richtigen Taufe warten wir vorerst noch – und überlegen dann nochmal, ob sie vielleicht später eine Option für den Kleinen ist.  Oder eben nicht. Dann muss ich vorerst auch nicht dem Satan abschwören, was mir meinen Alltag doch erheblich erleichtert.


15 Lesermeinungen

  1. Genau
    Die Hälfte der Bürger ist aus der Kirche ausgetreten, Kinder werden nur noch selten getauft, die Restmitglieder lassen sich nie in der Kirche sehen, sind also Karteileichen…

    Wieso wählt eigentlich noch jemand die Parteien mit ‚C‘?

  2. Langweilig
    Nein, Oswald Spengler – der vor ein paar Wochen in dieser Zeitung sehr mäßig gewürdigt wurde – ist ganz bestimmt kein Kirchenvater. Aber manche seiner jugendstilgeprägten Ausdrücke und Sätze haben echtes religionsphilosophisches Potential. Ein Schlüsselwort bei ihm (und zwar für die kulturgeprägte Phase) ist das „Wachsein“ (vgl. dazu Mt. 25,13parall.): die Beanspruchtheit vom unhinterfragbaren Lebensgefühl, dass es um etwas geht, und zwar mit Endgültigkeit. – Wenn ich obigen Beitrag lese, möchte ich sagen: Selig, wer noch etwas von diesem Wachsein spürt! Der Verfasser selbst ist leider schon längst eingeschlafen. Dieser prätentiöse Agnostizismus ödet nur an. Und da ist auch schwer diskutieren, da fehlt die Ansprechbarkeit.
    Ja, doch, bei der Taufe geht es um etwas: das ewige Leben: „Wenn nicht jemand wiedergeboren ist aus Wasser und Heiligem Geist …“
    Und – nicht als Selbstzweck, aber damit ich nicht geistig schnarche, so wie der Autor: Gott erhalte mir die Angst v

  3. Einverstanden!
    Mit allen Argumenten, die Herr Benninghoff gegen eine Taufe von Babies anführt, bin ich absolut einverstanden. Wenn der Mensch volljährig wird, soll er selber entscheiden, ob er (oder sie) überhaupt einer Kirche angehören möchte und wenn ja, welcher. Genau so haben es schon meine Eltern mit mir und meinem Bruder gemacht und ich mit meinen Kindern. Ich würde heute nicht anders handeln.

  4. Die Taufe ist zuerst ein Angebot und Geschenk
    Die Taufe ist nach evangelischem Verständnis vor allem ein Angebot an das neue Leben, dass es bei allem Widersprüchlichen hineingenommen ist in einen Horizont der Liebe, der sich im Glauben erschließt. Ob das Kind ihn annehmen will, kann es später entscheiden – mit der Konfirmation.
    Neutralität in der Erziehung aber ist eine Fiktion. Eltern geben jeden Tag gewollt oder ungewollt als Vorbild oder manchmal auch Antibild Ideale und Lebensorientierung weiter.
    Die Taufe signalisiert, dass man die wichtigsten Dinge im Leben geschenkt bekommt, und sie ist ein Zeichen der Demut gegenüber dem Geschenk des Lebens. Sie beschneidet die Freiheit nicht, aber ermöglicht einen Horizont, der eine Deutung der Lebenserfahrung jenseits der alltäglichen Unmittelbarkeit ermöglicht.

  5. Titel eingeben
    „Das entscheidende Argument der Taufgegner ist die kindliche Religionsunmündigkeit bei Kindtaufen, ein schlagendes Argument. Ein Säugling oder Kleinkind hat keinerlei Einfluss, in welches Bekenntnis es geworfen wird. […] Aber eine freie Entscheidung, ja eine Entscheidung schlechthin, war die Taufe natürlich überhaupt nicht.“
    Der Start ins Leben ist vonseiten des Kindes sowieso mit wenig bis keinen Entscheidungen bezüglich seiner Umstände verbunden. Die Taufe ist eine bewusste Entscheidung der Eltern dafür, in welchem Geist sie ihr Kind großwerden lassen und erziehen wollen. Es ist im besten Sinn eine Entscheidung für eine liebevolle Erziehung, gestützt durch eine Kraft, die bei aller irdischen Unvollkommenheit (und manchmal Ohnmacht) Hilfe und Unterstützung, behütend, vielleicht segensreich sein kann.

  6. Respekt und Zustimmung
    Ich kann nur Zustimmung äußern – auch wenn unsere beiden Kinder (evangelisch) getauft wurden. Wenn alle Eltern ihre Entscheidung so sorgfältig abwägen, wie es hier offensichtlich geschieht, dann wären wir auf einem guten Weg. Freilich müssten auch die Kirchen in Betracht ziehen, ob es für Eltern Alternativen geben kann: Das Kind segnen lassen, statt es zu taufen; oder: Die Mitgliedschaft in der Glaubensgemeinschaft von der (Kinder-)Taufe abkoppeln und diese z.B. mit der späteren Teilnahme an einem Glaubenskurs verbinden; oder: über verschiedene Zugehörigkeiten mit unterschiedlicher Beteiligungsintensität nachdenken. – Das sind Gedankenspielereien über eine Kirche der Zukunft …

  7. Brüllen die so furchtbar?
    „Für einen Säugling ist der Taufvorgang eine Zumutung. Deswegen brüllen ja viele Kinder die Kirchengemeinde in Grund und Boden.“

    Bei den Taufen, bei denen ich (bewusst) zugegen war (an meine eigene kann ich mich nicht so recht erinnern) – hat der Täufling höchstens mal kurz „gekräht“ nach dem Kontakt mit den paar Tropfen Wasser. Die Kirche und die Gemeinde blieben stehen.
    Vielleicht sollte man sich in Sachen „Zumutung“ und „Brüllen“ zuerst mal um die rituelle sog. „Beschneidung“ von Säuglingen unterhalten. Zumal sie regelmäßig ohne, bzw. ohne ausreichende Betäubung stattfindet.

    „Ein Mensch sollte selbst entscheiden…“ Jeder kann spätestens ab 14 aus der Kirche austreten. Aus dem Verlust an genitaler Sensorik kann niemand jemals wieder austreten.
    Jeder Mensch sollte das Recht haben, selbst zu entscheiden ob er sich von gesunden Teilen seines Körpers trennen möchte.

    Sich über die Maus im Wohnzimmer aufregen, und den Elefanten dabei übersehen..

  8. Das Kind soll selbst entscheiden?
    Das ist eines der größten Irrtümer der Menschheit. Von Klein auf bemühen sich allerlei zwielichtige Gestalten die Meinungshoheit des Kindes zu erlangen. Alles ist erlaubt: Märchen, Hexen, Zauberer, Harry Potter (lesen macht klug!), Clowns, Halloween, der bärtige Weihnachtsmann, sprechende Tiere und noch viel mehr Kunstfiguren. Niemand würde ernsthaft sein Kind von all dem fernhalten, mit dem Hinweis, das soll mein Kind später selbst entscheiden. Nur in einem Punkt will die Menschheit bis später warten, nämlich frühzeitig das Kind mit Gott Jehova bekannt zu machen. Dabei sagt uns Gott Jehova unter 5. Mose 6, 4-7 und 20-25: „schärft es eurem Kind ein, ich bin Gott Jehova, euer Herr!“.
    Das Ergebnis dieses Irrtums der Menschen kann man gut in Altenheimen und Demenzstationen beobachten. Da leuchten die Augen der Alten, wenn der Weihnachtsmann oder Clown auf Besuch kommt. Übrigens ich bin evgl.

    • Kein Wunder
      „Das Ergebnis dieses Irrtums der Menschen kann man gut in Altenheimen und Demenzstationen beobachten. Da leuchten die Augen der Alten, wenn der Weihnachtsmann oder Clown auf Besuch kommt. “

      Sonst kommt ja auch keiner auf Besuch, außer diesen und dem Sensenmann.

  9. Jesus wurde nicht als Kind, sondern mit 30 Jahren und auf eigenen Wunsch getauft.
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    • Das war aber eine andere Taufe, die Taufe des Johannes....
      In der Apostelgeschichte (Apg 18,25 ff) kann man nachlesen, dass Leute, die lediglich die Taufe des Johannes empfangen haben, „nochmal“ getauft wurden, diesmal christlich.

  10. Kindersegnung und eigenständige Taufe aufgrund des persönlichen Glaubens
    zum Glück gibt es auch noch die evangelischen Freikirchen, die für die Familien mit Babys eine Kindersegnungsfeier anbieten. Findet das Kind (ab ca. 8-11J.), der Jugendliche oder Erwachsene selbst zu einer lebendigen Beziehung mit Jesus, kann man sich aufgrund diesen Glaubens taufen lassen.

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