Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Warum Eltern singend schimpfen sollten

© Picture AllianceSchimpfen nervt beide Seiten. Grund genug, das Konzept zu überdenken.

In einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit, mit anderer psychologischer Ausstattung wäre es mir vielleicht möglich, familiäre Konflikte anders zu lösen. Ganz ohne Schimpfen. Ich würde mich mit meiner Tochter an den Esstisch setzen, hätte ein großes Blatt Papier vor mir liegen und Stifte. Dann würde ich sie in ganz ruhigem Ton fragen, warum sie immer ihre Sachen überall liegen lässt… Nein, schon falsch, natürlich würde ich nur von meinem Bedürfnis sprechen, etwas mehr Ordnung in unsere Wohnung zu bekommen. Und dass es mich etwas traurig macht, wenn ich jeden Tag so viel aufräumen muss. Und ich würde ein Haus malen und mich als trauriges Smiley. Mit offenem, freundlichem, zugewandtem, aber leicht melancholischem Blick würde ich sie dann fragen: „Fällt dir IRGENDETWAS ein, was DU tun kannst, damit wir es hier ALLE schön haben?“ (Natürlich würde ich in dieser anderen, idealen Welt „irgendetwas“, „du“ und „alle“ NICHT betonen!)

Die Wirklichkeit aber in der real existierenden Welt klingt – das muss ich zu meiner Schande gestehen – nicht annähernd so wertschätzend: „Könntest du ENDLICH mal deine Kleider aus dem Weg räumen! Wie OFT muss ich dir das noch sagen!“ (Zwei Fragen, die keine sind, deuten meist schon gesteigertes elterliches Schimpfen an.)

Jetzt gibt es grob gesagt zwei Denkschulen, was das Schimpfen angeht: Die eine betont regelmäßig, wie schädlich das elterliche Schimpfen für die Kinderseele ist. Das stimmt auch. Egal wie gerechtfertigt: Es bleibt verbaler Machtmissbrauch, setzt im schlimmsten Fall die Person herab und ändert meist nichts am kritisierten Verhalten. Demgegenüber betonen die Verteidiger des Schimpfens das Authentische und Befreiende, zumindest für den Schimpfenden. (Schöner Trost für die Kinder!)

Die meisten Eltern changieren irgendwo dazwischen: Sie beginnen mit dem Anspruch gewaltfreier Kommunikation in der Erziehung und flippen dann regelmäßig aus, wenn wider Erwarten die Fünfjährige doch nicht „nur eine“ Folge „Bibi und Tina“ angucken möchte. Meist schimpfen Eltern in Stresssituationen, denn hier ist es eng und Erwartungen müssen sehr genau erfüllt werden – meistens haben sie danach ein schlechtes Gewissen, wenn sie in Ruhe darüber nachdenken. Manchmal schämen sich die Erwachsenen sogar, weil ihre Reaktion in keinem Verhältnis zur kindlichen Missetat stand.

Die Frage ist also: Wie gelingt es, die (meist verständliche) emotionale Energie der Eltern in eine für Kinder verdauliche Form zu bringen? Wie schimpfe ich richtig? Unsere Jüngste hat uns jetzt mit einem Vorschlag überrascht, der tatsächlich genau das verspricht – Schimpfen mit Singstimme! Mit Tränen in den Augen sagte sie zu mir: „Kannst du das bitte das nächste Mal singen, wenn du schimpfst?“ Nicht nur der Tränen wegen versprach ich sofortige Prüfung des Vorschlags.

Tatsächlich scheint diese Art des Schimpfens für beide Seiten akzeptabel. Und zwar unabhängig vom Inhalt des Schimpfens. Unbewusst scheint unsere Jüngste eine Wahrheit erkannt zu haben, die ihren Eltern bisher entgangen war: Kritik wird erträglicher, wenn sich die Eltern beim Schimpfen nicht in böse Drachen verwandeln. Diese Gefahr besteht eben beim gesungenen Schimpfen nicht, denn es gilt: „Wo man singt, da lasse dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“. Wer also beim Schimpfen nicht unbedingt ausflippen, sondern „nur“ eine Verhaltensänderung beim Gegenüber erreichen will, liegt beim gesungenen Schimpfen genau richtig. Außerdem relativiert ein semi-professionell vorgetragenes Schimpflied den eigenen Ärger.

Kürzlich waren wir zum Beispiel wieder spät dran für die Kita – Achtung, Stressgefahr! – und die Erfinderin des Schimpf-Singens trödelte noch im Bad herum. Im Normalfall hätte diese Situation mindestens ein Meckern, Maulen oder Mosern bei mir ausgelöst. Aber ich versuchte es stattdessen mit der Melodie von „Let it go“ (aus dem Film „Frozen“): „Wir-sind-spät, ja-so-spät, und-der-Morgenkreis-beginnt. Z-i-e-h dich an, du-lieeebes-Kind! Sonst bricht ein Sturm jetzt los!“ Und siehe da: Das Kind lächelt und bewegt sich endlich zur Tür. Und auch ich bin dank der neu vertonten Schimpftirade entspannter.

Zugegeben: Das war jetzt ein Vorzeigebeispiel. Meist sind in Stresssituationen die Emotionen stärker und die verfügbaren Melodien sehr eingeschränkt. Empfehlenswert ist deshalb mit bekannten Schimpfsongs zu üben. Und sie gegebenenfalls zum Einsatz zu bringen, wenn‘s not tut: „Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht“ zum Beispiel, wenn die Jüngste mit Kirschsaftfingern über das neue Tablet rubbelt. Alternativ: „I will survive“. Aber im Grunde ist auch jedes andere musikalische Motiv geeignet, den eigenen Ärger zu kanalisieren. Sehr flexibel einsetzbar ist auch der gregorianische Gesang beziehungsweise das Rezitativ: „Wir-haben-uns-darauf-verständigt-dass-es-keine-Handys-beim-Essen-gibt-Erinnerst-du-dich-noch?!“

Es ist natürlich schwierig, das Schimpfsingen durchzuhalten. Im Alltag wird es regelmäßig so eng, dass es einem die Kehle zuschnüren kann und nur noch furchterregende Schimpflaute herauskommen können. Dann ist Schluss mit lustig, dann wird wieder mit Schimpfstimme geschimpft. Leider. Kinder können dann ganz klein werden. Aber vielleicht haben die Kinder ja gelegentlich eine Oma an ihrer Seite, wie ich sie hatte: Als ich als kleiner Junge mal geschimpft wurde, weil ich ein Glas roter Kinderbowle über der neuen weißen Tischdecke verschüttet hatte, zögerte sie nicht lange. Mit ihrem Ellenbogen stieß meine Oma ihr eigenes Glas um, schaute ganz unschuldig und sagte: „Hoppla! Jetzt ist mir das auch passiert.“ Das war noch besser als Singen.