Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Mamas Koffer

Wenn ein Elternteil viel herumreisen muss, kann das auch für den Nachwuchs seelischen Ballast bedeuten.

Wir leben inzwischen seit einem Jahr in Franken. Beim Frühstück läuft trotzdem immer noch der Radiosender, den wir immer in Berlin gehört haben. Es gibt einfach nichts Vergleichbares hier im Süden. Die Musikausauswahl gefällt uns, die Stimmen der Moderatoren sind uns so vertraut wie die Orte in den Beiträgen. Im Verkehrsfunk staut sich der Berufsverkehr noch immer auf den gleichen Straßen wie zu unserer Berliner Zeit. Es ist schön, das alles mitzubekommen. Da ist dieses Gefühl, auch hier in der Provinz noch dabei zu sein, zu hören, was geht und nicht geht in der großen Stadt.

Bevor wir vergangenen Sommer alle hierherzogen, gab es eine Übergangszeit. Ein Dreivierteljahr lang ist meine Frau zwischen Berlin und Franken gependelt. Das war nicht ohne. Für sie, für mich und natürlich auch für die Kinder. Theo, gerade eingeschult, stand kurz vor seinem sechsten Geburtstag, unsere Tochter Tina war noch keine vier Jahre alt. Vor allem für sie muss es rückblickend eine ziemlich schwere Zeit gewesen sein, wie wir neulich feststellen mussten. Tina hatte ein Bild gemalt. Die ganze Familie mit fröhlichen Gesichtern. Als wir sie fragten, was denn das eckige Ding neben ihrer Mutter sei, sagte sie: „Mamas Koffer.“

Ich dachte an die Pendelzeit zurück: Wenn sich meine Frau montags in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus schlich, schliefen die Kinder noch. „Wo ist Mama?“ waren Tinas erste Worte nach dem Wachwerden. Es flossen große Tränen, als ich sagte, dass Mama schon im Zug auf dem Weg zur Arbeit säße. Natürlich hatten wir den Kindern abends gesagt, dass ihre Mutter zurück nach Franken fuhr. Sie hatten sich ausgiebig verabschiedet. Theo konnte schnell in den Schulmodus umschalten. Er sagte sich: „So und so viel Mal schlafen, dann ist Mama wieder da“ – und damit hatte es sich. Tina aber benötigte jeden Montagmorgen viel Trost.

Als sei das noch nicht genug, stand die nächste Herausforderung schon vor der Tür: Theo musste um zehn vor acht in der Schule sein und Tina, die morgens immer – auch wenn ihre Mutter da ist – eine gewisse Anlaufphase benötigte, musste mit. Egal, ob wir einen extra Zeitpuffer einplanten, es mit gutem Zureden oder sanftem Druck versuchten, es war fast jeden Morgen ein Gehetze, ein Kampf, ein Krampf. Da passten, wir waren schon auf dem Weg nach unten, auf einmal die Schuhe nicht richtig, die Lieblingspuppe fehlte oder das Kind wollte trotz Minusgraden keine Jacke anziehen. Das alles kostete viel Zeit und noch mehr Nerven. Oft strampelte Tina unter Tränen auf ihrem kleinen Rad neben mir her. Und ich trieb sie noch zur Eile an. Nachdem Theo in der Schule war, brachte ich sie in die Kita. Danach musste ich erst einmal durchatmen, einen Kaffee holen und damit in die S-Bahn steigen, Richtung Mitte, ins Büro.

Wenn ich das jetzt schreibe, denke ich: „Hätte ich den Kaffee mal weggelassen und mir stattdessen mehr Zeit für meine Tochter genommen.“ Anderseits habe ich ihr so viele Nähe und Aufmerksamkeit geschenkt, wie ich konnte. Viele Bücher gelesen, gespielt, gesungen, gekuschelt. Abends bin ich regelmäßig neben ihr eingeschlafen. Trotzdem war ich eben „nur“ ihr Vater, der die Mutter nicht ersetzen konnte. Wie schwer dem Kind die temporäre Trennung zu schaffen gemacht hatte, zeigte sich nach dem Umzug: In der ersten Zeit wich Tina meiner Frau nicht von der Seite. Wenn sie in ihrem Zimmer spielte, rief sie regelmäßig: „Mama, wo bist du?“ Nur eine konkrete Antwort ließ das Kind wieder in die Puppenwelt eintauchen.

Inzwischen hat sich die Lage ziemlich normalisiert. Meine Frau ist für Tina zwar immer noch der Nabel der Welt, aber es geht. Inzwischen kann sie das Haus verlassen, ohne dass das Kind Theater macht. Ich möchte dieses Koffer-Bild auch nicht zu hoch hängen. Aber es zeigt, dass die Pendelsituation das Kind mehr belastet hat, als uns bewusst war. Offenbar hat Tina einen Großteil ihres Frusts hinuntergeschluckt, um uns – in dem Fall mich – zu schützen, weil sie meine Anspannung gespürt hat.

Freunde von uns haben die umgekehrte Erfahrung gemacht. Der Vater, der sonst pendelt, ist Corona-bedingt seit März im Homeoffice. Dadurch hat sich sein Verhältnis zur Tochter verändert. Es ist enger geworden. Sie kommt viel häufiger zu ihm, stellt Fragen, die sie früher ihrer Mutter gestellt hätte, oder will einfach nur schmusen. So oder so: Wenn ein Elternteil pendelt, diese Erkenntnis ist wahrscheinlich keine riesige Überraschung, ist das auch für Kinder eine Belastung. Vielleicht eine größere, als Eltern wahrhaben wollen.