Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

„Heute könnt ihr Geschichte schreiben!“

Manchmal prallen die Dickschädel aneinander: Vater und Sohn beim Fußball

„Halt die Fresse, Sandmann!“ schallte es über den Schlackeplatz. 22 Leute auf dem Spielfeld und etwa genauso viele daneben erstarrten. Das Spiel stoppte. Die Worte schallten über die Sportanlage. Sie flogen über den wie immer im November gesperrten Rasenplatz nebenan. Dort donnerten sie gegen die Banden, auf denen ein Klempner, ein Versicherungsvertreter und ein Taxiservice für sich warben. Sie prallten ab wie ein satter Lattenschuss und kamen als blechernes Echo zurück. Drei, vier Sekunden lang sagte niemand ein Wort.

Das war im Herbst 1985. Wir waren elf, zwölf Jahre alt und spielten Fußball. Sandmann, der hier so heftig beleidigt wurde, war der Vater eines Mitspielers. Außerdem war er Betreuer unserer Mannschaft. Bei jedem Spiel war er dabei. Sandmann war im Grunde kein schlechter Kerl. Aber sobald der Ball rollte, veränderte er sich. Dann verwandelte er sich in einen schlimmen Motzer. Ziel seiner Beschimpfungen waren zu neunzig Prozent wir, „seine“ Mannschaft.

Sandmann stammte aus dem Ruhrgebiet, arbeitete in einer Schlachterei und war mit dem Organ eines Marktschreiers ausgestattet. Seine Wortwahl war im Grunde nicht für Kinderohren bestimmt: „Spiel ab, du Idiot!“ „Scheiß-Pass!“ „Da ist meine Omma ja schneller, du Schlappschwanz!“ „Hast du gestern gesoffen?“ So kommentierte er unsere Aktionen auf dem Spielfeld. Er sprach uns dazu grundsätzlich mit Nachnamen an. Sandmann hätte die Rolle eines überzeichneten Fußballfans in einem Peter Thorwarth-Film übernehmen können. Für uns war er aber Realität. Wir hatten Angst vor ihm.

Seit dem Sommer hatte Sandmann seine Schimpftiraden auf uns abgelassen. Niemand hatte etwas dagegen gesagt. Er hatte seinen Sohn, jeden einzelnen von uns und oft auch den Schiedsrichter beleidigt. An diesem Abend im Herbst änderte sich das. Sven, unser bester Stürmer, hatte durch irgendeine Aktion Sandmanns Zorn auf sich gezogen und war beschimpft worden. Da war dem Jungen der Kragen geplatzt: „Halt die Fresse, Sandmann!“ Der gesamte Frust der Mannschaft brach sich in diesen Worten Bann. Es war wie ein großes, stummes: „Endlich!“.  

Vom Schiedsrichter bekam Sven die gelbe Karte. „Du unverschämter Bengel, ich hätte dich vom Platz geschmissen dafür“, schnauzte ihn Sandmann wenig später in der Kabine an. Bedrohlich hatte er sich vor Sven aufgebaut. Unser Trainer, ein ruhiger Typ, ging endlich einmal dazwischen und warf ihn raus. Sandmanns Sohn, ich weiß es noch genau, saß still in einer Ecke und schämte sich. Ich schwor mir, dass ich niemals so werden würde, sollte ich einmal einen Sohn haben, der Fußball spielt.

Im Rückblick denke ich, Sandmann hat es im Grunde gut gemeint. Er fuhr uns zu den Auswärtsspielen, übernahm die Betreuung, besorgte uns Getränke, gab mal eine Pommes aus und organisierte die Abschlussfahrt. Aus irgendeinem Grund musste er ständig schimpfen und motzen. Wahrscheinlich musste er auf diese Art irgendetwas kompensieren. Er konnte einfach nicht aus seiner Haut.

Heute, knapp 35 Jahre später, spielt mein siebenjähriger Sohn Theo Fußball und ich bin sein Trainer. Es vergeht kaum ein Training, bei dem wir zwei uns nicht irgendwie in die Wolle kriegen. Ich benutze keine Kraftausdrücke wie Sandmann, aber ich sage ihm, wenn er etwas besser machen könnte. Theo dreht sich dann um und schimpft: „Mann, Papa!“ Mich nerven diese Situationen. Theo spielt gut. Er ist schnell, kann prima dribbeln und schießen, ist aber zu eigensinnig. „Spiel bitte ab, Junge!“ ermahne ich ihn. Mit ihm bin ich ungeduldiger als mit anderen Kindern, das gebe ich zu.

Mein Ton verhindert eine konstruktivere Ebene zwischen uns. Mir ist das bewusst. Ich weiß aber nicht, wie ich das ändern kann. Dabei bin ich glücklich und stolz, dass Theo Fußball spielt. Als er mit noch nicht einmal fünf Jahren sein erstes Tor erzielte, musste ich ein paar Glückstränen verdrücken. Nach unserem Umzug von Berlin nach Franken hat er im neuen Verein schnell neue Freunde und Anerkennung gewonnen. Inzwischen schauen wir sogar gemeinsam Sportschau.

Wenn Theos Mannschaft ein Spiel hat, ist es am schlimmsten. Dann stehe ich an der Seitenlinie, gebe Anweisungen, fiebere mit, feuere an und schimpfe. Warum kann ich nicht ruhig bleiben? Der Junge spielt in der F-Jugend, nicht in der Bundesliga. Es geht um nichts, außer um Erfolgserlebnisse und Spaß. Trotzdem: Ich bin so ein typischer Fußballvater, laut, parteiisch und viel zu emotional. Ich sehe mir selbst dabei zu und sage kopfschüttelnd: „Genauso wolltest du nie werden.“ Ich denke an Sandmann.

Zu meinem Glück bin ich nicht allein. Unser Trainerteam besteht aus vier Vätern. Jeder hat einen Sohn in der Mannschaft. Und jeder ist mit seinem Kind besonders ehrgeizig und streng. Der Geduldsfaden ist kürzer als bei den anderen Jungen. Gleichzeitig schalten die Söhne bei den eigenen Vätern schneller in den Contra-Modus. Es eskaliert zwar nie, aber es wird schon laut und manchmal fließen Tränen. Jeder von uns Vätern will es beim eigenen Kind besonders gut machen.

Im Winter spielte das Team um die Hallen-Kreismeisterschaft. Ich war nur Zuschauer. Zwei andere Väter bildeten das Trainerteam. Das erste Spiel endete 0:0. Danach kam Theo niedergeschlagen zu mir: „Jetzt können wir nicht mehr Geschichte schreiben, Papa.“ Ich fragte nach, was er damit meinte. Er sagte, das hätte einer der Trainer gesagt: „Jungs, heute könnt ihr Geschichte schreiben!“ Ich beruhigte Theo und sprach den Kollegen darauf an. Er bedankte sich für die Rückmeldung und gab zu, es bei der Kabinenansprache mit der Motivation etwas übertrieben zu haben. Vor dem nächsten Spiel sagte er den Kindern, sie sollten das mit der Geschichte vergessen und einfach Spaß am Spiel haben. Am Ende gewannen sie die Kreismeisterschaft.

Diese Art von Teamwork haben wir vier inzwischen ausgebaut und verfeinert: Droht eine Vater-Sohn-Situation zu eskalieren, wechseln wir. Der eine übernimmt die Trainingsgruppe des anderen. Der Effekt ist sofort spürbar. Trainer und Spieler konzentrieren sich auf Fußball. Die Kinder sind offener. Sie nehmen die Anmerkungen des neutralen Trainers besser an. Auch wir Trainer nehmen es locker, wenn Übungen anders laufen als geplant.

Außerdem hilft der Blick auf andere: Mein Freund Sven trainiert seinen Sohn schon seit Jahren. Auch er ist emotional, aber immer souverän und freundlich dabei. Das Verhältnis zu seinem Sohn und zur ganzen Mannschaft ist frei und unbelastet. Die Jungen folgen ihm. Sven vermittelt immer Spaß, greift aber auch durch, wenn es sein muss. Macht ein Kind während des Trainings Quatsch, muss es Liegestütze machen. Sven entschärft die Situation aber jedes Mal mit einem Scherz. Er führt nie einen Jungen vor, sondern nimmt alle mit. Seine Erfahrung hat er in der Jugend gemacht: Es ist der Sven, der Sandmann im Herbst 1985 auf einem Schlackeplatz zum ersten Mal Kontra gab.