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Salon Skurril

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Man kann sagen, Kunst ist unnötig. Und man hätte recht. Kunst gehört nicht zu den überlebenswichtigsten Dingen, um die man sich kümmern muss,

Die Kunst in der Politik

| 6 Lesermeinungen

Über den manchmal scheuen, manchmal verliebten Tanz der Kunst mit der Politik, der noch immer viel zu selten getanzt wird.

Eine kleine Gruppe von Menschen mit Dreck im Gesicht stehen draußen in der Kälte vor dem Reichstag und schreien durch ein Megaphon enttäuschte Erwartungen. Sie sind Künstler. Sie machen Politik.
Ich bin schon vor längerer Zeit eher zufällig über ein Video gestolpert, das mich auf das Zentrum für politische Schönheit aufmerksam gemacht hat. Seitdem denke ich über Kunst in der Politik nach.

 

Um zu verstehen, warum es politisch ist, was diese und viele andere Gruppen und Einzelpersonen machen, muss man erstmal darüber nachdenken, was Politik eigentlich ist.
Obwohl wir natürlich alle das verregelwerkte, anzugkratische Gebilde vor Augen haben, das man täglich in den Nachrichten und den Zeitungen sieht, dient Politik ja ursprünglich einem ganz einfachen, menschlichen Zweck. Wie können viele Menschen friedlich auf einem Haufen leben? Alle weiteren Komplexitäten ergaben sich dann im Laufe der Antwortfindung. Für die komplexe Welt mussten immer mehr Regularien geschaffen werden. Aber im Kern geht es noch immer um den Menschen.
Und dann kommt die Kunst. Die Kunst hält der Welt einen Spiegel vor, hat es schon immer getan. In den mittelalterlichen Darstellungen zeigte sie durch die Größe der dargestellten Personen ihre wahre politische Bedeutung. In der Renaissance wurde sie zur naturalistisch abbildenden Kunst, zum Spiegel der Wirklichkeit. Mal wurde über den Spiegel der Filter der reinen Wahrnehmung gelegt – wie im Impressionismus – später der Filter der Emotion – wie im Expressionismus. Immer beschäftigte der Mensch sich darin mit der Wahrnehmung der Welt und den daraus gewonnenen Erkenntnissen.

Insofern überrascht es mich eigentlich, dass das überschneidende Feld zwischen Kunst und Politik so klein ist. Genauer gesagt ist es gar nicht klein. Wir haben viel Politik in der Kunst. Die künstlerische Darstellung von politischen Ereignissen und Vorgängen ist so alt, wie die Kultur selbst. Was wenig da ist, ist Kunst in der Politik. Also Künstler, die direkt mit Politikern interagieren, wie es das „Zentrum für politische Schönheit“ macht. Oder Politiker, die selbst Künstler sind. Politiker, die sich aus der Rationalität des sinnhaften Handelns für eine Sekunde lösen und etwas Unerwartetes tun, um ihre eigenen Grenzen aufzusprengen.

Warum ist Kunst in der Politik wichtig?

1. Kunst reflektiert und bricht damit eingefahrene Bahnen auf. Sie stellt immer wieder die Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit der aktuellen Strukturen in Frage.
2. Kunst lockert auf. Sie ist im Grunde Humor, auch wenn sie nicht fröhlich ist. Sie nimmt jedem Gegenstand seine Schwere, ohne ihm seine Wichtigkeit zu nehmen.
3. Kunst ist Kreativität und Kreativität ist der Prozess, neue Gedanken anzunehmen, auch wenn sie erstmal nicht rational erscheinen. Kreativität steigert die Fähigkeit, Probleme zu lösen und neue Wege zu gehen. Wir können nur von der unbeschwerten Kunst lernen, wie wir keine Angst vor unseren eigenen spontanen Eingebungen haben.
3. Kunst feiert, sie betont, wie wichtig die Sache ist, um die es da gerade geht. Sie macht uns alle Prozesse durch Verbildlichung bewusster.

Wenn ich beschließe, dass 300 Sinti und Roma in der Stadt bleiben dürfen, ist das eine politische Entscheidung, die durch eine Zahl repräsentiert wird, die der Mensch sich nicht vorstellen kann. Sie ist eine nüchterne, nicht nur von menschlichen Beweggründen abhängige Entscheidung. Wenn ich zu ihrer Illustration 300 Menschen vor dem Rathaus aufstelle, um zu zeigen, wie viele Einzelschicksale dadurch gerettet wurden, muss man den Preis der Entschiedung anders bewerten. So macht Kunst Politik erst wirklich transparent und greifbar.
Kunst kann die Politik durch mehr Moral bereichern.

Bild zu: Die Kunst in der Politik
Kunstaktion „Hannover ist Klimaflüchtlingslager“ von Hermann Josef Hack mit 600 kleinen Klimaflüchtlingszelten.
Foto CC-BY Sven Kindler.

Kunst öffnet neue Fenster. Sie schafft es immer wieder, durch ungewöhnliche Gegenüberstellung von Dingen, Sachverhalte in ein neues Licht, in einen neuen Kontext zu stellen. Eine Bildungsreform, die sich nach Sparmaßnahmen richtet, klingt wie eine rationale Entscheidung. Schreibe ich aber ein fiktives Geschichtsbuch aus dem Jahre 2150 über dieselbe missglückte Bildungsreform, bekommt sie gleich eine ganz neue Bedeutung. Der Wechsel des Kontextes ist wichtig, damit eine Entscheidung nachhaltiger, besser ist und nicht von der engen Wahrnehmung aktueller Umstände geleitet wird.

Ein wichtiger Bereich von „Kunst in der Politik“ ist übrigens Satire. Die Satire ist eines der wichtigsten Werkzeuge der politischen Illustration und Bewertung durch die moralische Instanz. Sie spiegelt, zeigt der Politik in etwas überzogenen Strichen ihr eigenes Gesicht. Dabei ist es nicht wichtig, ob sie immer recht hat. Wichtig ist, dass man sie sieht und dadurch sensibilisiert wird. Daher halte ich satirische Projekte wie DIE PARTEI für eine Art Kunst.

Über den Inhalt von Kunst kann man ja nun bekanntlich geteilter Meinung sein. Und das ist auch gut so. Und doch kenne ich niemanden, der ihre Existenz an sich verurteilen würde. Daher würde ich persönlich mich freuen, wenn Politiker sich trauen, auch ihre eigenen Handlungen künstlerisch, frei zu kommentieren. Ein wenig mehr Leichtigkeit in der Politik, ein wenig mehr Selbstironie, würde ihrem Betrieb nicht schaden. Und wir könnten uns ständig selbst ermahnen, dass unser Kopf offen sein muss für Neues, dass wir die Veränderung zulassen müssen, während die Welt sich weiter dreht. Denn wenn wir nicht ein wenig verrückt sind, werden wir am Ende wahnsinnig.

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6 Lesermeinungen

  1. "Ein wenig mehr Leichtigkeit...
    „Ein wenig mehr Leichtigkeit in der Politik, ein wenig mehr Selbstironie,“
    Und da beisst sich dann die Katze in den Schwanz. Denn 5 Minuten später kommt ein „Künstler“, z.B. ein Literat, daher. Und verurteilt mit dem ganzen zur Verfügung stehenden Verdammungsarsenal Selbstironie und Leichtigkleit als Verrat an der verantwortungsvollen Aufgabe blabla laber Blitzunddonner. Und um die Politik mit Moral zu bereichern, müssten Künstler moralisch sein. Und nicht moralinsauer. Es ist praktisch extrem einfach, Politik zu denunzieren, indem man sie an einem moralischen Idelazustand misst. Viel schwerer fällt die Denunziation, wenn man (wie in der Praxis) angeben muss, wo die immer zusätzlichen Resourcen für eine als wichtig erachtete Aufgabe herkommen sollen. Weil man dafür angeben muss, wer wahlweise mehr zahlen oder wer weniger bekommen soll. Kunst als Korrektiv für Politik? Wohl kaum.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Seltsam, aber Sie verlangen...
    Seltsam, aber Sie verlangen etwas, das schon immer gegeben war, das nie wirklich voneinander entfernt war; die Nähe von Politik und Kunst. Wenn Sie etwas genauer hinsehen und recherchieren, werden Sie sehr schnell tausende und abertausende von Beispielen für die enge Verbindung und Nähe der politisch Regierenden und der künstlerisch Tätigen finden. Wer hat die Kunst über Jahrtausende hinwegg finanziert? Wer hat sie gewähren lassen oder wegggesperrt, wer hat den Narren am Hof gegeben, wer hat dafür gesorgt, das Wir heutigen die Geschichten und Gesichter der Regierenden kennen, die teils schon tausende Jahre Tod sind, aus welchem BeReich schöpfte die Kunst bis vor Kurzem? Symbiose nennt Mensch ein derartiges Verhältnis, denke ich. Also was beklagen Sie wirklich? Wenn Sie jedoch wünschen, das ein Mensch zur selben Zeit Künstler ist, und Verantwortlicher für die Lenkung eines GemeinWesens, dann denken Sie bitte an folgende Erkenntnis der Philosophie: Entweder Etwas kann Wissen, oder Es kann Sein; entweder Etwas spürt die Hitze des Feuers, oder Es ist das Feuer. Versucht Es das Feuer zu sein, verbrennt Es. Die Tschechen hatten Glück mit einem Menschen, der vom Künstler zum Präsidenten wurde, dabei die Kunst aber ablegte und sie erst danach wieder aufnahm. Wir Deutschen hatten Pech mit einem, der auch als Führer Künstler war, allerdings ein total mieser, ein ziemlicher Versager, sowohl als auch. Bis Heute stellen Einige die Frage, wie konnten die Damaligen das zulassen, aber das „führt“ zu nah, oder war es zu weit? Also, was beklagen Sie? Fragen Sie Herrn Haupts, was die Politik ist, in einem kürzlichen Beitrag hat Er das kurz und knapp ausgeführt, in Etwa so: die Politik ist der Spiegel der Gesellschaft. Stimmts, Herr Haupts? Also was sieht die Gesellschaft da im Spiegel? Künstler? Wohl eher normale (ohne „“) Menschen. Aber darin auch ein paar Künstler, ganz nah.

  3. Kunst kann sogar innerhalb des...
    Kunst kann sogar innerhalb des politischen Handelns erlebbar werden,z.B.wenn man in einem Gespräch feststellt ,daß Standpunkte zu Wegstrecken werden konnten.

  4. Obgleich ich den Artikel in...
    Obgleich ich den Artikel in seinen wesentlichen Teilen für zu oberflächlich halte, um erleuchtende Neuigkeiten vermitteln zu können – das muß keine Abwertung sein –, habe ich mich gern angemeldet, um wenigstens das Eine entgegenzusetzen:
    Kunst kann gegenwärtig nicht nicht politisch sein. Nicht das Sujet ist entscheidend – der didaktische Tonfall ist ohnehin antiquiert –, nein, die Position, die die Kunst im Gefüge zwischen Künstler, Rezipient und Gesellschaft einnimmt, ist stets eine politische Behauptung. „Was will die Kunst?“ – das ist eine politische Frage. „Was will die Kunst von mir?“ – auch das. In dem Moment, da ein Werk in Kontakt tritt mit dem Rezipienten oder der Gesellschaft im Allgemeinen, muß es auf Gebaren zurückgreifen, die die grundlegenden Beziehungen und Hierarchien konstituieren. Darin liegt die politische Essenz einer Kunst, die den Schwund der repräsentativen Kraft des Bildes im ausgehenden einundzwanzigsten Jahrhundert erkannt hat. Der Topos der politischen Kunst verortet sich damit abseits und ungeachtet kontextueller Aspekte im Raum zwischen Werk und Rezipient.
    Wenn eine Fotoserie über den Hunger in den Dritten Welt politisch ist, dann nicht, weil sie zum Handeln aufforderte (das ist nämlich nicht mehr wie noch vor einigen Jahrzehnten möglich), sondern weil sie sich anmaßt, eine belehrende Rolle einnehmen zu können (davon abgesehen, müsste sie sich zunächst als Kunst behaupten). Wir brauchen nicht über politische Kunst reden, solange wir uns nicht über die politische Ordnung der Kunst im Klaren sind. Jede weitere Diskussion greift zu kurz.

  5. Leichtigkeit im Sein, nicht im...
    Leichtigkeit im Sein, nicht im Da-sein
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    „Aber im Kern geht es noch immer um den Menschen.“ Ist das jetzt naiv oder naiv getan? Wenn es um den „Menschen“ ginge, wäre Politik so alt wie der Mensch. Nun, man kann darüber streiten, wo Mensch-Sein beginnt (und Politik) – mit dem Homo Erectus („Neandertaler“) oder erst mit dem Homo Sapiens. Und ob man deren Begräbnisrituale schon als Politik bezeichnen darf, bleibt für Esoteriker vielleicht eine spannende Frage. Dennoch: wo auch immer man die Messlatte ansetzen möchte, frühestens mit dem Bronzezeitalter begegnet uns so etwas wie das, was wir heute noch als „Politik“ bezeichnen dürfen. Gestützt auf die Macht des Schwertes – des metallenen -, heute kommt diese bekanntlich aus den „Gewehrläufen“. Begründet durch die Existenz von Klassen – den Herren wie Ohnmächtigen. Erstmals und völlig zur Überraschung wohl aller – beider.
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    Und mit all dem ist Politik keine „Leichtigkeit“. Herren wie Diener suchten sich gegenseitig wie wechselseitig mal zu legitimieren, mal zu eliminieren. Bedrückten sich gegenseitig in ihrem Da-sein. Die Stimmung zur „Selbstironie“ blieb da nur den Philosophen – gelegentlich. Nicht selten beim Schierlingsbecher, den man ihnen reichte.
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    Ist diese Naivität nun die der Jugend von heute, oder ist es eine jene, wie sie in einem FAZ-Blog dieser Jugend präsentiert werden soll?
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    Unterbieten sie sich bitte nicht selber, auch nicht, wenn man sie dabei (leserseits) unterstützt! Bei der „Leichtigkeit“ – im philosophischen (oder wegen mir auch theologischen) Sinne – geht es um die des Seins, nicht um die des Da-seins. Selbst der scheinbar „leichteste“ von allen, ein gewisser Herr von und zu Guttenberg, zeigt sich am Ende maßlos beschwert, wenn auch nur von seinem eigenen Dünkel.

  6. *ich bin überascht einen...
    *ich bin überascht einen solchen Komentar hier zu lesen. Der endlich alle Dogmen und Fehleinschätzungen über Bord wirft, ja der seit langen Jahren des Vermoderns und der Lüge ,der selbst verherligung und der Vereins-Partei- meierei, eine kreative, zeit gemässe reale sicht aufzeigt.Wunderbar es geschehen noch wunder
    es kam zur rechten aller lezten Zeit.
    Salong Skuriel, Frau Marina Weisband Sie haben Geist und Verantwortung wie selten gesehen(gelesen) wie lange musste ich auf Sie warten!!!
    mit keep&tOUch&sound,s&colors&Vibes&Fritz…fritzfronius

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