Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (3)
 

Die gefundene Hymne an ein Weblog

02.01.2012, 09:00 Uhr  ·  Ein Österreicher schreibt eine Hymne auf ein Weblog und bedient sich dabei der Klassik. Das Ergebnis kann sich mit stolz geschwellter Brust "skurril" nennen.

Von

Wo sonst findet man solche unterschiedlichsten Perlen der Kunst, wenn nicht in den unendlichen Weiten des Internets? Natürlich, man könnte Museen, Bibliotheken oder Theater bemühen. Diese Institutionen haben allerdings den gravierenden Nachteil, dass dort nur auserwählte Werke zu finden sind. Kleine Kostbarkeiten, Einzeltäter mit kreativen Ideen, wird man dort nicht antreffen.
Manchmal möchte ich aus dem Strom von Fundsachen, die ich täglich im Netz entdecke, einfach mal etwas herausgreifen und mit der Allgemeinheit teilen.
Über eine dieser Perlen bin ich neulich rein zufällig gestoßen. In Worten kann ich das Stück nicht wirklich beschreiben, ich empfehle aber an dieser Stelle, es sich einfach mal anzuhören:

[View:http://ia700800.us.archive.org/0/items/jamendo-004285/01.mp3]

CC-BY-SA Fex – Paminas Weblog – Mozart in a mirror – 2006

Als Erstes fällt an diesem Stück auf, dass es nicht schön ist. Nein, wirklich, wenn Sie es gleich bis zum Ende angehört haben, haben Sie meinen Respekt. Um dieses Ende herum fällt zweitens auf, dass es aber auch gar nicht schön sein muss. Gerade in der Musik sind wir natürlich davon verwöhnt, dass Kunst einen primär ästhetischen Charakter trägt. Die meist geläufige Musik hat dekorativen Charakter, das Äquivalent eines Bildes von einer Blumenvase. Doch spätestens seit dem Expressionismus sollten wir uns daran gewöhnt haben, dass Kunst auch von der Ästhetik weg darf, um Mittel des Ausdrucks zu sein. Und genau das ist hier der Fall.

Was ist bei diesem Autounfall namens Kreativität also passiert?
Um erst mal das Offensichtliche festzuhalten, wurde eine ruhige, klassische Melodie in gesetztem D-Dur mit einem modernen Text unterlegt, der „Paminas Weblog” preist. Dieser Höheflug literarischer Kunst liest sich so:

„Dein weblog ist amazing cool
inside it´s marvellous with u
ur mind and mine found consensus

Dein weblog ist bezaubernd schön,
fährt mir krass ein – muss ich gesteh´n
ich checke noch gar nicht, was los ist.

klug, eloquent
-und auch charmant
nimmst Du den surfer bei der hand
ich surfe ständig… dort vorbei.

Ist es denn alles virtuell?
Oder verlieb´ ich mich reel?
ich checke noch gar nicht,
was los ist.”

Mir ist schon öfter aufgefallen, dass man sich gern des Denglischen bedient, um zu unterstreichen, dass etwas „hipp” oder „modern” ist. An dieser Überzeugung kränkeln besonders Marketing-Agenturen, die sich an Jugendliche richten. Der Autor hier geht aber viel weiter. Er benutzt nicht nur eine betont schlechte Aussprache des Englischen, sondern verbaut ganze Halbsätze in das ansonsten von sehr unterschiedlichem Sprachniveau durchzogene Deutsch. Was die inhaltliche Ebene betrifft, muss ich gestehen, dass es sich tatsächlich wie eine etwas überspitzte Parodie auf echte Kommentare liest, die ich so in meinem Privatblog bekomme. Ich denke, mit dieser Mischung aus Kompliment und „Liebeserklärung” ist jede junge Bloggerin vertraut.

Während ich mich also entspannt dieser erlesenen, von einer gesunden Selbstironie durchzogenen Lyrik hingab, wurde ich unterbrochen durch Störgeräusche. Zunächst habe ich meinen Schreibtisch nach meinem Handy abgesucht, nur um dann festzustellen, dass dieses Fiepsen und Tröten zum Arrangement gehört. Ein zunehmendes Gewirr aus Modemgeräuschen, Tippen, Klackern, Rascheln und Piepen macht das Lied zunehmend chaotischer, ehe ihm entgültig eine Schraube locker geht und es von einem poppigen Rhythmus unterlegt wird, dessen Takt störend asynchron ist.

Ich bin ja großer Fan davon, Vergangenheit und Zukunft zu verbinden. Die Widersprüche, die sich daraus ergeben, sind Stoff vieler kreativer Ideen. Auch hier hat der Autor diesen Widerspruch erzeugt, wobei er die ruhige, ästhetische Melodie der Klassik gegen den Wirrwarr der modernen Geräuschkulisse, das Tempo des Internetzeitalters, die Diktatur der Hinweistöne ausspielt. So als wolle er sagen: „Heute nimmt man sich einfach keine Zeit mehr für das Schöne. Man denglischt sich durch Halbeindrücke der Welt, ohne beim Schönen zu verweilen”. Diese erste Betrachtung erschien mir sehr entwicklungspessimistisch. Ich sprach darüber am Küchentisch mit Herrn Rosenfeld, der in unserem Haus zuständig ist für Literatur und Geduld, nachdem ich ihm das Stück auch zu hören gegeben habe.  
„Schön und ruhig!?”, fragte er mich im Bezug auf den Anfang: „Ich fand das Gezupfe eher langweilig.”

Das ist natürlich auch ein interessanter Gedanke. Das Stück wird in seinem Verlauf nicht wirklich erträglicher, aber wenigstens ereignisreicher. Die Zeit wird über die Generationen nicht wirklich erträglicher, aber wenigstens ereignisreicher.  Wäre es nicht diese Internetgeschwindigkeit und diese Hinweistöne, hätte ich dieses Lied schließlich auch nie gefunden. Wer mehr Möglichkeiten hat, muss natürlich auch mit mehr Ablenkung rechnen. Das bedeutet, dass es unsere eigene schwere Pflicht ist, inne zu halten, wenn wir es für angemessen befinden. Es gibt uns aber auch die Freiheit, weiter zu gehen, wenn wir uns langweilen. Wir greifen nach Gutdünken Elemente aus jeder erdenklichen Epoche der Menschheit mit auf, wir suchen, jeder nach seinem Belieben, etwas, in das wir uns denn virtuell oder auch reell verlieben können.  Und warum auch nicht?

Ich frage mich, ob der Autor von „Paminas Weblog” das auch so gedacht hat, oder ob er wirklich der Fortschrittspessimist ist, für den ich ihn anfangs gehalten habe. Jedenfalls hat er Mozart eines weit voraus – ich kann ihn anschreiben und fragen. Und genau das werde ich tun.

 

Veröffentlicht unter: Musik, Zukunft, Vergangenheit

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden