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Eine Elegie an unsere Hausordnung

16.01.2012, 09:00 Uhr  ·  Deutschland ist, wenn neben den Containern für Weiß-, Grün- und Braunglas drei einsame blaue Flaschen stehen. Wie ist unsere Kultur eigentlich dahin gekommen?

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Seit Anbeginn der Menschheit haben die Vertreter unserer Spezies sich mit der Frage beschäftigt, was der Sinn ihres Lebens sei. Das unterscheidet sie ganz gravierend von Moospflanzen, die große biologische Anpassungsfähigkeit beweisen, bloß um an Baumstämmen in jeder Klimazone vegetieren zu können. Menschen sind nicht so bescheiden. Wenn sie sich schon die Mühe der Existenz machen, dann brauchen sie auch eine gute Motivation dazu. Die ersten Motivationen entstanden aus Schöpfungsmythen und Religionen, die begründeten, warum Menschen leben und wie sie es zu tun haben. Im Laufe der Zeit hat man die Antwort auch in säkularen Bereichen gesucht, zum Beispiel die Unsterblichkeit durch große Taten oder das Hinterlassen großer Werke. Heute sind die Lebensziele divers. Einige finden sie in der Religion, einige in der Kindererziehung, einige in einer Aufgabe. Mülltrennung zum Beispiel.

Dieser Sinn des Lebens klingt jetzt nicht so edel, nicht so hochtrabend. Aber er ist keinesfalls minderwertig. Mülltrennung ist ein empfindlicher Prozess, der bestimmten Regeln folgt. Die Einhaltung dieser Regeln scheint manchmal zentraler Lebensinhalt einer besonderen Spezies Mensch zu sein: Des Nachbarn. Der Nachbar kennt und beherrscht die Regeln. Er kann nicht nur seinen eigenen Müll perfekt trennen, er wird auch überwachen, dass alle anderen es ebenfalls tun. Einzelne Fälle – von denen ich wirklich, ehrlich gehört habe – greifen dann tatsächlich in die Papiertonne und lösen das Klebeband vom Paketkarton, denn das Klebeband ist ein Kunststoff und es gehört in den Gelben Sack und sie kratzen mit ihren kurzen Fingernägeln das Klebeband von diesem Karton und sie tun die Klebebandfitzel dann in den Gelben Sack und dann stellen sie den Gelben Sack auf ihren Balkon, denn er wird immer nur Dienstags abgeholt und man darf ihn also erst Montag Abends neben die Mülltonnen stellen.  

Meinem Bekannten Anton zum Beispiel droht gerade der Rauswurf aus seinem Zimmer zur Untermiete, denn letzten Montag wurde der Müll nicht abgeholt. Alle Mülltonnen der Straße wurden geleert, aber die vor Antons Haus nicht. Er hat irgendwas falsch gemacht. Zu viele Grüne-Punkt-Produkte in den Restmüll getan, vielleicht. Er ist sich nicht sicher. Der Müllwagen ist weg, aber der Müll ist noch da. Keine Notiz, nichts. Stilles Schmollen. Er weiß nicht, wohin damit. So ergeht es Leuten, die Verbrechen gegen die Regeln begehen. Sie werden von der fünften Gewalt abgestraft. (Legislative, Exekutive, Judikative, Medien und Müllabfuhr).

 

Bild zu: Eine Elegie an unsere Hausordnung

Ich hielt das alles für Klischees, für satirische Übertreibung, die inzwischen eine lange Überlieferugstradition hat. Bis ich eines Tages ganz real neben den Containern für Weiß-, Grün- und Braunglas drei einsame blaue Flaschen stehen sah. Habe ich etwas gegen Umweltschutz? Aber nicht doch. Ich bewundere aber die Versessenheit einiger Bürger damit, diese Regeln zu befolgen, diese Bereitschaft, aufopferungsvoll winzige Fehleinwürfe zu bestrafen, ehe der getrennte Müll sich in der nächsten Müllverbrennungsanlage wiedersieht und dort ohnehin maschinell besser getrennt wird. Ich bewundere die Absurdität von Flugpassagieren, die am Flughafen eine Cola für 7,00€ kaufen, aber dann die leere Flasche den ganzen Urlaub lang aufheben und zurück nach Deutschland fliegen, um die 25 cent Pfand einzukassieren. Die Besessenheit mit Müll nur ist eine Illustration des bedingungslosen Regelgehorsams, dem “der Nachbar” sich unterwirft. Das sind dieselben Menschen, die als Fußgänger nachts stundenlang an einer roten Ampel vor einer völlig verlassenen Straße stehen. Dieselben Menschen, die ins vierte Stockwerk rennen, klingeln und dann rumschreien, weil man Staub saugt, es aber zwischen 12:00 und 15:00 Uhr ist, und damit Mittagsruhe! Und sie werden ihre Mittagsruhe mit ihrem Leben verteidigen, und wenn es bedeutet, hier volle drei Stunden zu stehen und zu lamentieren! Über das alles ist schon schrecklich viel geschrieben und gemosert worden. Aber warum ist die Hausordnung so ein fester Bestandteil unserer Kultur?

Weil es die Regeln sind. Die Regeln haben die Eigenschaft, uns Menschen zu beruhigen. Sie sagen, wie alles sein muss. In einer immer komplexer werdenden Welt geben sie uns Halt und Orientierung. Auch während der EU-Krise wird der Müll immer montags abgeholt. Es war immer so. Wie eine Routine, ein religiöses Ritual. Regeln werden eifersüchtig gehütet. Sie sind, wie alle sozialen Normen, nur künstliche Gebilde und halten sich dadurch, dass alle kollektiv an sie glauben. Wenn also jemand droht, die sozialen Normen, die Regeln, zu brechen, erzeugt das in den anderen Mitgliedern des Kollektivs Angstgefühle. Sie regen sich dann auf, hinterlassen wütende Notizen im Treppenhaus, klingeln, klopfen mit dem Besenstiel an die Decke. Für sie ist das keine Frage von Ruhestörung – es ist eine Frage des Erhalts der Ordnung der Welt. In der Gesellschaft ist der Glaube verbreitet, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn wir sie nur genug regulieren. Wir können jeden Missstand, der sich aus menschlichem Verhalten ergibt, durch eine Regel oder ein Verbot beheben. Das ist beruhigend.
Und falsch.

Was dabei übersehen wird, ist, dass die Menschheit schon immer Kreativität brauchte, um Probleme zu lösen. Kreativität entsteht nie aus Regelhaftigkeit. Kreativität entfaltet sich dort, wo Diversität herrscht. Wo Regeln gebrochen, Abläufe gestört werden. Und Kreativität ist eben nicht nur zum Malen notwendig. Kreativität ist die Grundeinstellung einer Gesellschaft. Gerade wenn man eine Krise hat, Unsicherheiten oder soziale Veränderungen, hilft es immer, diese Diversität zu erzeugen und auszuhalten, weil sie Lösungen generiert. Es ist, als ob die Hausordnung ein Stück weit dafür geschaffen wurde, genau das zu verhindern. Was nicht geregelt ist, ist verboten, heißt es implizit. Es ist natürlich gewagt, gesellschaftliche Veränderungen vom Mikrokosmos Hausflur zu fordern. Hier geht es eben eher darum, wer wann den Müll hat stehen lassen oder wie ausführlich das letzte Lärmprotokoll geführt wurde. Doch auch hier, nein, gerade hier, gilt es, die Kreativität zu fördern, die Regeln zu brechen, das Miteinander neu zu definieren. Deshalb werfe ich jedem meiner Nachbarn heute einen Zettel in den Briefkasten, auf dem einfach steht: “Jemand mag dich.”

 

Veröffentlicht unter: Kultur, Mülltrennung, Kreativität

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