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Salon Skurril

Salon Skurril

Man kann sagen, Kunst ist unnötig. Und man hätte recht. Kunst gehört nicht zu den überlebenswichtigsten Dingen, um die man sich kümmern muss,

"Ich bin kein Leser. Ich bin ein Schreiber."

| 28 Lesermeinungen

In der digitalisierten Zeit ist uns eine wichtige Kunst abhanden gekommen: Die des Zuhörens. Aber vielleicht kann sie durch eine andere Kunst wiederbelebt werden - das Design.

Das Internet hat die Art und Weise, wie wir kommunizieren, revolutioniert. Wir haben den Raum überwunden. Wir können in Echtzeit Gedanken austauschen. Es gibt nicht eine beschränkte Bühne, sondern jeder kann sich äußern. Jedes 14-jährige Mädchen, das eine Internetanbindung hat, kann ihre Gedanken mit der ganzen Welt teilen. Regierungsgegner in unfreien Ländern, Behinderte, winzigste Randgruppen können Information verbreiten und sich mitteilen, auch ohne in die etablierten Medien zu gelangen.

 

Bild zu: "Ich bin kein Leser. Ich bin ein Schreiber."
CC by-nc Melvin Gaal (Mindsharing.eu)

 

Hier bei uns im Internet hat jeder was zu sagen. Viele möchten Schreiber sein; aber nicht Leser. Auch in der klassischen Kommunikation kennen wir dieses Phänomen. Zum Beispiel findet in Talkshows zwischen den Gästen ja kein Gespräch im eigentlichen Sinne statt. Sie reden, aber nicht miteinander. Politischer, gesellschaftlicher und philosophischer Diskurs besteht oft daraus, dass man seine Meinung kund tut und dann ungeduldig wartet, während der andere redet, um selbst wieder zu Wort zu kommen. Der Andere, indess, konstatiert auch nur seine Meinung, ohne auf die erste einzugehen.
Beständig produzieren wir Menschen Inhalt, wir verwirbeln die Luft und oft ist es uns egal, wer aus diesen Verwirbelungen Information gewinnt. Wir sind ungeduldig, wenn andere erzählen, denn was können sie schon wissen. Um überhaupt Inhalt zu transportieren, knallt die Presse uns kürzeste Überschriften, kürzeste Texte um die Ohren, im Schleudertempo. Die Welt kommt mir manchmal sehr laut vor, während alle versuchen, einander zu überschreiten.

Als ich meine Mutter fragte, was ihrer Meinung nach das Thema der Zeit sei, sagte sie: „Zuhören“. Einerseits meinte sie damit den politischen Diskurs, den sie zurzeit beobachtet, andererseits bezog sie sich auf ihre ganz privaten Probleme, die nicht entstanden wären, wenn Menschen einander gehört hätten. Interessanterweise war sie diese Woche aber nicht die einzige, die mich darauf ansprach. Während ich im Zug darüber nachdachte, worüber ich wohl schreiben könnte, antwortete der Fahrgast neben mir: „Ich weiß nicht.“ „Ich weiß es auch nicht“, erwiderte ich. Er sagte: „Nein, nein, das Phänomen des ‚Ich weiß nicht‘. Dass kaum noch jemand sich traut, diese Worte zu sagen. Dass alle kompetent wirken wollen.“
Das hat sich dann wundersam an das Zuhören geknüpft. Anstatt seine halbgaren Lösungsvorschläge oder Beurteilungen einer Situation abzugeben, einfach mal zu sagen: „Ich weiß es nicht, kannst du es mir erklären?“ Und dann die Erklärung anhören. „Ich weiß es nicht“ ist eine Phrase geworden, zu der man immer weniger berechtigt ist, je häufiger man die Möglichkeit bekommt, zu sprechen. Und das ist, im Internet, praktisch immer.

Dabei ist der Vorteil des Zuhörens, dass man so unendlich viel lernen kann. Seltsam, wie wenig die Lust, die beim Lernen entsteht, angesprochen wird. Der ganz praktische Vorteil, wenn man Älteren zuhört, ist ja zum Beispiel, dass man aus deren Fehlern gut lernen kann. Man glaubt es nicht, aber in den paar tausend Jahren Menschheitsgeschichte haben unsere Vorfahren ein paar ganz nützliche Erfahrungen sammeln können. Und es muss ja nicht jede Generation das Fahrrad neu erfinden.  Aber gerade, wenn man mit weit offenen Ohren durch die Welt geht, entdeckt man auch das Wunderbare darin. Einmal traf ich im Bus zufällig eine Frau, die mir erklärt hat, warum es Schicksal sein könnte, dass meine Haarfarbe sich von meiner Familie unterscheidet. Sie sagte während einer 20-minütigen Busfahrt vor vier Jahren Dinge über Gott und die Menschen, die ich bis auf den heutigen Tag nicht vergessen werde. Wie viele verschiedene Berufe und Lebensläufe lernte ich auf Parties, an Bushaltestellen und in Zügen kennen.

Der Fahrgast, den ich da auf der Strecke von Münster nach Berlin traf und der solchen Wert auf die Phrase „Ich weiß nicht“ legte, ist Designer. Er entwirft zum Beispiel Dinge rund um Tischkultur. „Das Design so eines Gegenstands beeinflusst direkt das Verhalten des Menschen, der damit umgeht. Ich richte mich da immer nach dem Satz: ‚Wenn man einen Stuhl entwirft, entwirft man eine Art, sich zu setzen.'“, erzählte er mir. Man kann einen Gegenstand so gestalten, dass die Benutzung ganz automatisch geht, oder dass er im Gegenteil befremdlich ist und innehalten lässt. Er kann zu schnellen oder langsamen Bewegungen verleiten, zu guter oder schlechter Stimmung. Ich mochte es, diesen Gedanken weiter zu spinnen. Wenn ich das Verhalten eines Menschen durch das Design einer Teekanne beeinflussen kann, kann ich auch das ganze soziale Verhalten der Tischgesellschaft beeinflussen. Eine Kanne mit zwei Griffen und zwei Ausgüssen würde vielleicht den Gedanken wecken, man schenkt lieber einander ein, als sich selbst. Dadurch würde ich die soziale Konstellation am Tisch verändern.

Solches sozial-veränderndes Design findet man auch in einem ganz anderen Bereich – dem Straßenverkehr. Immer mehr europäische Gemeinden, darunter das niedersächsische Bohmte im Landkreis Osnabrück, probieren ein Straßenmodell, das „Shared Space“ heißt. Diese Straßen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf Markierungen, Schilder, Ampeln, Radwege und Bürgersteige völlig verzichten. Der Raum wird von Fußgängern, Rad- und Autofahrern geteilt. Dadurch, dass Schilder den Vorgang nicht extern steuern und automatisieren, sind alle Verkehrsteilnehmer gezwungen, stärker auf einander zu achten und zu kommunizieren. Die Aufmerksamkeit für einander im Öffentlichen Raum wird gesteigert. Die Unfallstatistik sieht sehr vielversprechend aus, es kommt nirgends zu einer Häufung von Unfällen. Denn dieses Design zwingt Menschen, auf einander zu achten, Signale von einander wahrzunehmen – zuzuhören.

Wenn es nur öfter Elemente im öffentlichen Raum gäbe, die uns den Raum so entfremden würden, dass wir kurz stehen bleiben, inne halten und auf die Umgebung und die anderen Menschen wieder aufmerksam achten, das wäre gut. Doch Moment – fiel mir ein – so etwas gibt es. Das ist eine der Aufgaben von Kunst. Kunst ist der Zerrspiegel, der die Welt so entfremdet, dass wir ihr aufmerksamer lauschen. Monet hat mir die unterschiedlichen Farben eines Sonnenuntergangs verdeutlicht, Kahlo die Intensität von Schmerz und Einsamkeit. Viele Kunstwerke erzählen eine Geschichte und dadurch, dass sie so seltsam sind, möchte man die Geschichte dahinter hören. Besonders beeindruckend in ihrem ’social engineering‘ ist die Kunst im öffentlichen Raum. Wenn eine Stadt durchzogen ist mit Skulpturen und interaktiven Kunstwerken, die Menschen ins Interagieren bringen. Sie kann helfen, uns in Zeiten des lauten Sprechens die Kunst des Zuhörens zu bewahren.

Einmal stand in Münster mitten auf dem Bahnhofsvorplatz eine grüne Tür. Um sie herum war nur ein Türrahmen, sonst nichts. Man konnte sehr leicht drum rum gehen. Die Tür war verschlossen. Um sie zu öffnen, musste man 50 Cent hinein werfen. An der Tür klebte ein Schild: „Die 50 Cent fließen ausschließlich in den Erhalt dieser Tür“.
Solche und andere Wundersamkeiten waren Teil der Skulptur Projekte Münster, deren Geschichte ich in zwei Wochen hier näher beleuchten will. Denn ich habe da einigen sehr interessanten Männern zugehört…

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28 Lesermeinungen

  1. Wollte einfach mal Danke...
    Wollte einfach mal Danke sagen. Sehr interessante Gedanken.

  2. "Jedes 14-jährige Mädchen,...
    „Jedes 14-jährige Mädchen, das eine Internetanbindung hat, kann ihre Gedanken mit der ganzen Welt teilen.“
    Kann sie, ja natürlich. Aber „teilen“ würde ich das nicht nennen. Denn da ist ja meist keiner, den das Geteilte (Gedanken einer 14jährigen) interessiert.
    Es sei denn, ihre Gedanken sind ständig und regelmäßig von dieser frappanten Art: „Einmal stand in Münster mitten auf dem Bahnhofsvorplatz eine grüne Tür. Um sie herum war nur ein Türrahmen, sonst nichts. Man konnte sehr leicht drum rum gehen. Die Tür war verschlossen. Um sie zu öffnen, musste man 50 Cent hinein werfen. An der Tür klebte ein Schild: „Die 50 Cent fließen ausschließlich in den Erhalt dieser Tür“.“
    Dann hätte sie eine Chance, gelesen zu werden.
    Kurz: Da muss schon Inhalt sein, der andere interessiert, amüsiert, der kurzweilig ist, anregend, unterhaltend, auch mal ironisch oder frechund vor allem (wenn schon „Gedanken“): ehrlich.

  3. Mit "Ich weiss nicht" bekommen...
    Mit „Ich weiss nicht“ bekommen Sie in der heutigen Mediendemokratie günstigenfalls überhaupt keine Aufmerksamkeit. Und ungünstigenfalls, also wahrscheinlicher, die geballte Häme einer Schar von Kleingeistern verschiedener Provenienz (Journalisten, politische gegner, Parteifreunde).
    Solange sich dieses „Gesetz“ nicht verändert, gibt es keinen Anreiz, coram publico sein Nichtwissen, seine Unsicherheit, sein Unverständnis auszudrücken. Dann ist diese Ehrlichkeit nichts als eine Steilvorlage für Heuchler, Besserwisser, Niedermacher, Hochstapler, Feiglinge.
    Kann man diese Automatikreaktionen abstellen? Nein :-). Oder genauer – erst dann, wenn sich sehr viele Menschen grundlegend ändern. Solange ist derjenige der Verlierer, der öffentlich zugibt, nichts zu wissen.
    Im privaten Bereich dagegen ist Zuhörenkönnen schon lange eine Kardinaltugend, die einem viele Freunde verschaffen kann …
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  4. Dem Jeeves3 kann ich nur...
    Dem Jeeves3 kann ich nur zustimmen. Wer Facebook (noch) hat, kann das am besten feststellen. Wie oft werden da Dinge posaunt, die keinen Interessieren. Bei Facebook steht da: „Was machst Du gerade?“ Das impliziert, dass man immer was machen muss und das sofort mitzuteilen ist. Ich habe einmal geschrieben: „Ich kratze mich am Sack“ und schon kamen die Rückmeldungen zuhauf. Diese Nonsenskommunikation ist zeittypisch. Die verbale Inkontinenz ist nicht aufzuhalte. Gestern bestes Beispiel: Da kam im ZDF Nachtstudio) „Kapitalismus reloaded“ und da war die hochgehypte Marie-Christine Ostermann (Typ: Koch-Mehrin/Schwesig) und diese Frau ist Vorzeige-Jungunternehmerin (von Papa die Kohle). Alle Medien kloppen sich um diese Dame, die leider sehr wenig in der Birne hat. Aber sie genießt das Medieninteresse, obwohl sie nur Dünnes absondert. Das ist unsere Medienwelt, die Luftblasen anmalt.

  5. Willkommen in der FAZ Frau...
    Willkommen in der FAZ Frau Weisband, und Gratulation, daß Sie als „““Linkere“““ „Politikerin“ im Blatt von Wirtschaft, Liberalen, Konservativen und Bildungsbürgern schreiben. Wir Leser wollen zuhören und lernen, zumindest hier.
    Ich schließe mich Herrn Haupts an und danke Ihnen und ich bitte um Weiteres.

  6. Sie haben natürlich recht,...
    Sie haben natürlich recht, Welehamm, nicht jedes fünfzehnjährige Mädchen wird so substantiell zur gesellschaftlichen Debatte beitragen, wie Sie mit ihrem Facebook-Eintrag.
    Aber das ist ja gar nicht der Punkt. Es geht darum, dass die Schwelle, überhaupt irgend etwas zu schreiben, gerade durch Dienste wie Facebook herabgesetzt ist. Als ich anfing, im Internet zu publizieren, musste man noch HTML können und einen Provider finden, bei dem man die Textdateien per FTP hochladen musste. Heute können wir auf Facebook oder Twitter nebensächliches in ein paar Sekunden publizieren, wir können uns aber auch – für wichtigeres – mehr Zeit nehmen.
    Was wichtig ist, entscheiden dann im Internet nicht mehr ausschließlich Redaktionen. Manchmal wird auch ein interessanter Gedanke eines weniger einflussreichen Menschen weitergetragen. Das kann der eines fünfzehnjährigen Mädchens sein und das kann spannender sein, als die Frage, wo sie sich zuletzt gekratzt haben.

  7. Als Kind haben mich Winnetous...
    Als Kind haben mich Winnetous Indianer beeindruckt, die ihre REde immer mit „Hugh“ beendeten. Danach war der andere dran.
    .
    Andererseits fand ich das beunruhigend unrealistisch. In der Zivilisation, der ich angehörte, hätte kein Winnetou jemals die Chance auf gehabt, sich mit einer starken Ansprache zu profilieren. nach dem ersten Halbsatz hätte man ihm das Wort abgeschnitten, dazwischengequatscht oder einfach niedergebrüllt.

  8. Auch im Berliner...
    Auch im Berliner Abgeordnetenhaus scheint es ja wesentlich zivilisierter zuzugehen als bei den Indianern.

  9. Das nenne ich psychologisch...
    Das nenne ich psychologisch ausgefeilte Basisdemokratie: Ungelegene Meinungen auf dem Weisbandblog ‚Marinaslied‘ werden entweder gelöscht oder als niedrig gebrandmarkt….die Diktatur lässt grüßen – merkwürdiges Demokratieverständnis
    zumZähneausbeißen

  10. Ein anregender Artikel,...
    Ein anregender Artikel, wirklich! Ich finde, solche subjektiv gesehenen Gesellschaftsanekdoten sind viel mehr schlagzeilenwürdig als … nun ja, die Schlagzeilen.

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